Meinung

Schlechte Zeiten für Frankfurts Juden

Eugen El Foto: Robert Schittko

Die jüdischste Stadt Deutschlands hat einen düsteren Sommer erlebt. Inmitten einer bundesweit ins Hysterische gekippten Anti-Israel-Stimmung verunsicherten mehrere lokale Vorkommnisse Frankfurts stolze jüdische Gemeinschaft. Es begann im Juli, als linke Aktivisten ein leerstehendes Ladenlokal im Stadtteil Gallus besetzten und die in städtischem Besitz befindlichen Räume vor allem für antiisraelische Hetze nutzten. Erst sechs Wochen später rang sich der Magistrat zu dem für eine polizeiliche Räumung notwendigen Strafantrag durch.

Im August sorgte das linksradikale »System Change Camp« für weiteres Aufsehen. Im Zuge der zwölftägigen, an vielen Stellen israelfeindlichen Veranstaltung kam es zu verbalen und tätlichen Angriffen auf Frankfurter Juden, die auf das Schicksal der am 7. Oktober 2023 von der Hamas verschleppten Geiseln aufmerksam machen wollten. Das Camp fand im Grüneburgpark statt, der bis zur Enteignung durch die Nazis der Frankfurter Bankiersfamilie Rothschild gehörte.

Eine Kundgebung gegen Antisemitismus und für Israel war nur spärlich besucht.

Ebenso symbolträchtig war der Ort, an dem am Samstag die »United4Gaza«-Großdemonstration startete: in direkter Nachbarschaft zur heute von der Europäischen Zentralbank genutzten einstigen Großmarkthalle, die von den Nazis seit 1941 zur Deportation jüdischer Frankfurter an Vernichtungsorte im besetzten Osteuropa genutzt wurde. Sehr spät entschloss sich der Magistrat zu einem Verbot der antiisraelischen Demo – das, wie schon mehrmals seit dem 7. Oktober, gerichtlich kassiert wurde.

Und so musste auch diesmal die Frankfurter Polizei, deren Präsident Stefan Müller den Schutz jüdischen Lebens zur »zentralen Aufgabe« erklärt hat, die Nachlässigkeit von Kommunalpolitik und Justiz ausbaden – und etwa die Verharmlosung der Schoa und des 7. Oktober 2023 durch einen Redner auf der Gaza-Demo unterbinden.

Lesen Sie auch

Am letzten Sommertag versammelten sich jüdische und nicht jüdische Frankfurter am Opernplatz, um gemeinsam gegen Antisemitismus und für Israel und die Geiseln einzustehen. Die eher spärlich besuchte Kundgebung fand in fußläufiger Entfernung zur Westend-Synagoge statt. Angesichts der bald beginnenden Hohen Feiertage täte eine Zeit der inneren Befragung nach diesem dunklen Sommer den Frankfurterinnen und Frankfurtern gut: Kann die jüdische Geschichte und Gegenwart dieser Stadt wirklich so vielen derart egal sein?

Der Autor ist freier Journalist in Frankfurt am Main.

Glosse

Deutschland sucht den Nazi

Der »Spiegel« und die »Zeit« helfen den Deutschen, die Nazis unter den Vorfahren aufzuspüren - und verdienen damit ganz nebenbei gutes Geld. Richtig so, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  19.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026

Meinung

Wie Höcke die AfD zur Abrissbirne der Demokratie machen will

Die jüngsten Aussagen des Thüringer AfD-Chefs zeigen einmal mehr, wes Geistes Kind Björn Höcke ist und was er mit Deutschland vorhat: nichts Gutes

von Michael Thaidigsmann  18.06.2026

Meinung

Letzte Chance für die Linke

Viele Juden haben »Die Linke« schon abgeschrieben. Doch nach wie vor gibt es dort Mitglieder, die den Antisemitismus innerhalb der Partei bekämpfen. Hoffentlich setzen sie sich auf dem Bundestreffen in Potsdam durch

von Mascha Malburg  18.06.2026

Kommentar

Der Judenhass hat Platz genommen

Die neuen RIAS-Zahlen sind alarmierend. Und sie zeigen einmal mehr eindrücklich: Antisemitismus ist kein Minderheitenproblem und ganz sicher nicht nur ein Judenproblem. Er ist ein Demokratieproblem

von Nelly Eliasberg  17.06.2026

Meinung

Ein beschämender Deal

Israel und die USA haben den Iran zwar militärisch geschwächt. Dennoch haben sie keines ihrer Kriegsziele erreicht. Mit dem sich nun abzeichnenden Abkommen belohnt Präsident Donald Trump das mörderische Mullah-Regime

von Michael Roth  15.06.2026

Kommentar

Die Welt atmet auf, viele Juden tun es nicht

Weder Hamas noch Hisbollah sind verschwunden. Das iranische Regime sitzt weiterhin in Teheran, mit derselben Ideologie, die den 7. Oktober verursacht hat

von Guy Katz  15.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert