Existenzrecht Israels

Objektive Strafbarkeitslücke

Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Foto: picture alliance/dpa

Existenzrecht Israels

Objektive Strafbarkeitslücke

Nicht die Gerichte dafür schelten, dass der Gesetzgeber seine Hausaufgaben nicht macht. Ein Kommentar

von Volker Beck  23.11.2025 13:26 Uhr

Am Freitag hat das Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen ein vom Verwaltungsgericht Düsseldorf erlassenes versammlungsrechtliches Verbot der Leugnung des Existenzrechts Israels wieder aufgehoben. Das Polizeipräsidium Düsseldorf hatte zuvor dem Veranstalter einer Demonstration untersagt, das Existenzrecht des Staates Israel während der Versammlung in jedweder Form zu leugnen. Zudem hatte es verfügt, dass die im Versammlungsmotto genannten Parolen »From the river to the sea«, »There is only one state – Palestine 48« und »Yalla, yalla, Intifada« nur einmal zu Beginn der Versammlung verlesen und anschließend nicht mehr verwendet werden dürfen. Anlass war eine für den gestrigen Samstag in Düsseldorf geplante antiisraelische Demonstration und die dagegen gerichteten Auflagen für die Teilnehmenden.

Die vom OVG Münster ausdrücklich erlaubte Parole »There is only one state – Palestine 48« lässt inhaltlich tatsächlich kaum Deutungsspielraum. Gemeint ist hier keine abstrakte geschichtsphilosophische Betrachtung der Dekolonisierung des früheren Mandatsgebiets und auch keine rein theoretische Erörterung möglicher historischer Alternativen zur Gründung des jüdischen und demokratischen Staates. Mit diesem Slogan bringen die Versammlungsteilnehmenden vielmehr zum Ausdruck, dass es den existierenden Staat Israel nicht mehr geben und an seiner Stelle nur noch ein Staat Palästina bestehen soll.

Die erforderlichen Rechtsgrundlagen fehlen

Das Gericht verdient allerdings für sein Urteil keine Schelte. Das OVG Münster hat zutreffend festgestellt: »Das Existenzrecht des Staates Israel in Abrede zu stellen, verwirklicht für sich genommen keinen Straftatbestand.« Zu kritisieren sind nicht die Gerichte, wenn der Gesetzgeber seine Hausaufgaben nicht macht und die erforderlichen Rechtsgrundlagen fehlen.

Das Problem des am Freitag ergangenen Beschlusses ist eine objektive Strafbarkeitslücke: Vernichtungsdrohungen gegen Israel sind derzeit nicht strafbar, wenn sie nicht zugleich als Aufforderung zu Angriffskrieg oder Terrorismus verstanden werden müssen. Deshalb werden auch »Tod Israel!«-Rufe in der Regel nicht strafrechtlich verfolgt. Diese Problematik ist seit Langem bekannt.

Die UN-Charta schützt die Souveränität und territoriale Integrität aller Mitgliedstaaten

Jede Aufforderung zur Vernichtung Israels stört den öffentlichen Frieden, richtet sich gegen den Gedanken der Völkerverständigung und verstößt gegen das Völkerrecht. Denn die Charta der Vereinten Nationen schützt die Souveränität und territoriale Integrität aller ihrer Mitgliedstaaten; diese allgemeinen Regeln des Völkerrechtes sind Teil des Bundesrechts und binden nach dem Grundgesetz auch die Bewohner des Bundesgebiets. Vernichtungswünsche gegen Israel schlagen sich zudem immer wieder in Angriffen auf Synagogen und andere jüdische Einrichtungen nieder und beeinträchtigen das Sicherheitsgefühl der jüdischen Minderheit und somit den öffentlichen Frieden.

Der Vorschlag des Tikvah Instituts für einen neuen Paragrafen 103 StGB (»Aufruf zur Vernichtung eines Staates«) sollte daher vom Bundestag zeitnah aufgegriffen werden: »Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer zur Vernichtung eines Staates, der Mitglied der Vereinten Nationen ist und zu dem die Bundesrepublik Deutschland diplomatische Beziehungen unterhält, aufruft oder eine solche Tat billigt.«

Auch eine solche Norm würde in verfassungskonformer Anwendung kritische Diskussionen über die Entstehung Israels und mögliche historische Alternativen nicht pönalisieren – und soll dies auch nicht. Strafbar wären hingegen Äußerungen, die auf die Beseitigung des jüdischen und demokratischen Staates zielen, weil sie dessen territoriale Unversehrtheit und Souveränität angreifen.

Der Autor ist Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Meinung

Wo ist der Geist von Sarajevo?

Auch in Deutschland rufen Vertreter der bosnischen Diaspora zunehmend nach harten Sanktionen gegen Israel und scheuen den Dialog mit den jüdischen Gemeinden hier. Das war schon einmal anders

von Marc Simon  24.07.2026

Meinung

Notbremse gegen Antisemitismus

Die Hochschulleitungen müssen den Judenhass ihrer Mitarbeiter und Studierenden als das ernst nehmen, was er ist: eine Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland

von Debora Eller  22.07.2026

Meinung

Herr Kretschmer, es gibt nichts mit der AfD zu bereden!

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer stellt einmal mehr die Brandmauer in Frage und will »mit jedem reden, der reden will«. Doch reden muss man allenfalls mit den Wählern der AfD

von Michael Thaidigsmann  22.07.2026

Meinung

Es reicht!

Im Angesicht der brutalen und mutmaßlich antisemitisch motivierten Gewalttat bei Würzburg muss endlich über Verantwortlichkeiten geredet werden

von Volker Beck  22.07.2026

Meinung

Ist der neue jüdische Außenminister nur ein Feigenblatt?

Großbritanniens neuer Premier Andy Burnham hat Ed Miliband zum Außenminister ernannt. Dass nun ein jüdischer Politiker für die Nahostpolitik zuständig ist, könnte auch ein Feigenblatt sein

von Michael Thaidigsmann  21.07.2026

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  18.07.2026 Aktualisiert

Kommentar

Warum ich mit der SPD fertig bin

Eine späte Einsicht ist besser als gar keine, oder?

von Imanuel Marcus  18.07.2026

WM-Nachlese mit Marcel Reif

»Man muss Infantino zum Teufel jagen und die FIFA auflösen«

Der Moderator und Fußballexperte spricht im Interview über seine persönlichen Highlights und Enttäuschungen der WM, über surreale Argentinier und die Sinnhaftigkeit der Trinkpausen

von Michael Thaidigsmann  17.07.2026

Essay

Der Flüchtlingsstatus der Palästinenser muss endlich enden

Wer über Asyl spricht, muss auch über die Bedingungen sprechen, unter denen Schutz wieder entfallen sollte

von Steven Guttmann  16.07.2026