Diese Woche trafen sich in St. Gallen Vertreter der OSZE-Mitgliedstaaten, um Antworten auf die seit dem 7. Oktober stark gestiegene Zahl antisemitischer Vorfälle zu finden. Antisemitismus ist derzeit stark zu spüren: in Beschimpfungen und Bedrohungen, in verbalen Entgleisungen oder physischen Angriffen auf offener Straße ebenso wie im digitalen Raum. Zudem sehen sich jüdische Institutionen vielerorts gezwungen, ihre Sicherheitsmaßnahmen deutlich zu erhöhen.
Gleichzeitig wurde die Wichtigkeit betont, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Eine zentrale Rolle spielt die Erinnerung an den Holocaust. Es ist kein Zufall, dass der Schweizer Außenminister Ignazio Cassis die Antisemitismus-Konferenz bewusst in St. Gallen durchführen wollte. Die Grenzregion steht für gegensätzliche Erfahrungen jüdischer Geschichte: für Menschen, denen dank mutiger Fluchthelfer wie dem St. Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger die Rettung in die Schweiz gelang – aber ebenso für viele, deren Flucht scheiterte und die später in Nazi-Deutschland ermordet wurden. Mit dem Konferenzort setzte die Schweiz ein wichtiges symbolisches Zeichen.
Denn die Schweiz hat ihre Vergangenheit noch nicht vollständig aufgearbeitet. In der Ostschweiz, an der Grenze zu Österreich, wird auch dank des Einsatzes des Kantons St. Gallen ein transnationaler Vermittlungs- und Erinnerungsort für die Opfer des Nationalsozialismus entstehen. Der Ort soll gedenken, aber auch zu verstehen helfen, wohin Antisemitismus führen kann. Denn Antisemitismus beginnt nicht mit roher Gewalt. Er beginnt mit Vorurteilen, Worten und Ausgrenzung. Daraus können Übergriffe entstehen, von Beschimpfungen bis zu physischen Angriffen. Auf dieser Entwicklung und Grundlage kann letztlich der Wille zur Vernichtung entstehen, wie der Holocaust auf grausame Weise bewiesen hat.
Likrat und Meet a Jew
Erinnerungsarbeit alleine genügt jedoch nicht. Es braucht Maßnahmen, die dort ansetzen, wo Antisemitismus entsteht. Darum sind länderübergreifende Dialog- und Präventionsprogramme wie »Likrat« und »Meet a Jew« von entscheidender Bedeutung. Solche Programme, die der Schweizerische Israelitische Gemeindebund, die Israelitische Kultusgemeinde Wien und der Zentralrat der Juden in Deutschland seit Jahren umsetzen und fördern, schaffen direkte Begegnungen, vermitteln Wissen und bauen Stereotype ab. Sie entziehen dem Antisemitismus jenen Nährboden, auf dem er gedeihen kann.
Es braucht aber nach wie vor den Mahnfinger, dass sich der Holocaust nicht wiederholen darf. Das Wiederholen des »Nie wieder!« ist keine Floskel, sondern eine Notwendigkeit. Das entstehende Erinnerungs- und Vermittlungsprojekt im Grenzgebiet zwischen der Schweiz und Österreich ist darum wichtiger denn je. Wie an der Konferenz mehrfach betont wurde, macht Antisemitismus vor nationalen Grenzen keinen Halt. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer vertieften Zusammenarbeit der Staaten.
Weniger deutlich wurde auf der Konferenz, wie schwierig sich der Kampf gegen Antisemitismus in der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage gestaltet. Die Erinnerung an den Holocaust und die Bekämpfung antisemitischer Denkmuster stehen heute zunehmend in Spannungsfeldern, die Debatten belasten und Diskussionen verengen. So kommt es beispielsweise heute vor, dass Organisationen, die Antisemitismus bekämpfen, angegriffen werden, weil sie sich auf die international anerkannte Antisemitismusdefinition stützen, die israelbezogenen Antisemitismus nicht ausblendet. Auch wird derzeit die Erinnerung an den Holocaust mit absurden ahistorischen Vergleichen teils mit voller Absicht vernebelt.
Richtig und wichtig
Und so stand in Anwesenheit der politischen Vertretungen ein Elefant im Raum, über den kaum gesprochen wurde – wohl um keine politischen Gräben aufzureißen und eine gewisse zwischenstaatliche Einigkeit zu zelebrieren.
Dabei kann der Kampf gegen Antisemitismus nicht nur auf Grundlage eines kleinsten gemeinsamen Nenners geführt werden. Es braucht auch die Bereitschaft, schwierige und kontroverse Fragen offen anzugehen. An der Konferenz konzentrierte man sich dagegen vor allem auf das Gemeinsame: Antisemitische Vorurteile müssen gezielt und strategisch angegangen und das Engagement für die Erinnerung an den Holocaust weitergeführt werden, über Grenzen hinweg. Das ist immerhin und jedenfalls richtig und wichtig.
Der Autor ist Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds SIG, Historiker und Vorstandsmitglied des Vereins, der den transnationalen Vermittlungsort in St. Gallen fördert. Seine eigene Familiengeschichte ist zudem eng mit der Grenzregion St. Gallen verbunden.