Meinung

Muss erst ein australischer Jude sterben?

Amie Liebowitz Foto: Stefania Okereke

Meinung

Muss erst ein australischer Jude sterben?

Wie nun bekannt wurde, steckt der Iran hinter zwei Anschlägen auf jüdische Einrichtungen in Australien. Doch auch ohne Hilfe aus dem Ausland wächst der Antisemitismus im Land ins Unermessliche

von Amie Liebowitz  27.08.2025 13:57 Uhr

Jeden Freitagabend, wenn wir zum Schabbat zu meiner Großmutter fuhren, kamen meine Eltern und ich an »Lewis’ Continental Kitchen« in Bondi, Sydney, vorbei. In diesem koscheren Catering-Unternehmen im Herzen der jüdischen Gemeinschaft der Stadt hatte meine Mutter während ihrer Schulzeit gearbeitet. Es ist eigentlich nichts Besonderes daran, und doch wurde es am 20. Oktober 2024 in Brand gesetzt.

Was zunächst als Vandalismus abgetan wurde, wird nun von Premierminister Anthony Albanese als einer von zwei Anschlägen betrachtet, die vom iranischen Regime inszeniert wurden, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Australien zu untergraben. Albanese hat angedeutet, dass der Iran wahrscheinlich durch ein »komplexes Netz von Mittelsmännern« hinter anderen antisemitischen Vorfällen steckt. Die Ermittlungen dauern noch an.

Als Reaktion darauf hat Australien die diplomatischen Beziehungen zum Iran abgebrochen, dessen Botschafter ausgewiesen und alle Diplomaten aus Teheran abgezogen. Eine seit dem Zweiten Weltkrieg beispiellose Maßnahme. Die Entscheidung der Regierung, die Islamische Revolutionsgarde (IRGC) als terroristische Organisation einzustufen, wurde seit Langem von jüdischen Repräsentanten gefordert.

Ein Angriff auf eine Minderheit, der von einer ausländischen Macht orchestriert wird, sollte als Angriff auf die Souveränität Australiens angesehen werden.

Die Maßnahmen des Premierministers und des Kabinetts wurden von der australischen jüdischen Gemeinde begrüßt, ändern jedoch nichts an der Tatsache, dass antisemitische Angriffe in den vergangenen Jahren landesweit um 700 Prozent zugenommen haben.

Vor weniger als einem Monat marschierten über 90.000 »propalästinensische« Demonstranten über die berühmte Sydney Harbour Bridge. Der Protest erfuhr weltweit viel Aufmerksamkeit. Die islamistischen Flaggen und Plakate mit dem Gesicht von Ayatollah Chamenei, die offen zur Schau gestellt wurden, wurden jedoch kaum kritisiert.

Die australische Regierung hat innerhalb der Bundespolizei Taskforces zur Bekämpfung antisemitischer Angriffe eingerichtet, einen Sonderbeauftragten eingestellt und Mittel für zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen bereitgestellt. Leider sind all diese Maßnahmen notwendig. Doch nach Meinung vieler in der jüdischen Gemeinschaft sind auch die Rhetorik der Regierung vor den Vereinten Nationen und ihre öffentliche Kritik an Israels Kriegsführung in Gaza Teil eines größeren Problems, das die Stimmung im Land negativ beeinflusst.

Lesen Sie auch

Der Iran-Experte Matthew Levitt erklärt, dass die IRGC seit der Revolution von 1979 zwar viele Stellvertreter, Agenten und Einzeltäter eingesetzt hat, ihre operative Erfolgsquote in den letzten zehn Jahren jedoch im Vergleich zu den 80er-Jahren recht niedrig war. Während die australischen Juden in Angst leben, gab es zwar keine Todesopfer in Lewis’ Kitchen in Sydney oder in der Synagoge in Melbourne, aber muss erst ein australischer Jude sterben, damit sich die breite Öffentlichkeit dafür interessiert?

Ein Angriff auf eine Minderheit, der von einer ausländischen Macht orchestriert wird, sollte als Angriff auf die Souveränität Australiens angesehen werden. Doch dieser Zusammenhang geht in der öffentlichen Debatte oft verloren. Desinformation, organisierte Kriminalität und mangelnde Bildung schüren die Spaltung. Vielleicht ist es bereits zu spät, die Entwicklung noch umzukehren. Dennoch hoffe ich, dass meine australischen Mitbürger mir das Gegenteil beweisen werden und erkennen, dass ausländische Einmischung nicht das einzige Problem in der heutigen Debatte ist.

Die Autorin ist Multimedia-Journalistin aus Australien. Sie lebt in London.

Kommentar

Amerikas Israel-Bild hat sich gedreht

Während die Demokraten immer antizionistischer werden, wenden sich auch die Republikaner von der bedingungslosen Unterstützung Israels ab. Das stellt jüdische Wähler und Politiker vor neue Herausforderungen

von Toby Axelrod  04.11.2026

Meinung

Wenn Kritiker zu Feinden erklärt werden

Der ehemalige Linken-Abgeordnete Andreas Büttner ist entsetzt über die Rhetorik auf dem Berliner Landesparteitag: Wer so redet, wolle nicht mehr überzeugen, sondern ausgrenzen

von Andreas Büttner  04.11.2026

Meinung

Alles nur eine böse rechte Kampagne!

Die Spitzenkandidatin der Linken in Berlin offenbart aus Versehen ihre Angst vor dem Umfeld der eigenen Partei – und entlarvt den Vorwurf, Opfer einer Kampagne zu sein

von Wiebke Hollersen  30.10.2026

Meinung

Elif Eralp und die Angst

Die Linken-Politikerin traut sich nicht, Terrorsympathisanten beim Namen zu nennen. Wer nicht einmal die Israelfeinde in den eigenen Reihen bekämpfen kann, kann auch keine Stadt regieren

von Philipp Peyman Engel  29.10.2026

Meinung

Alice Weidel und die AfD-Leaks

Einer Partei, in deren Reihen NS-Verbrechen relativiert werden, dürfen der Schutz jüdischen Lebens und die Pflege der Erinnerungskultur niemals anvertraut werden.

von Michaela Dudley  28.10.2026

Meinung

Wieder ein »kleiner Geländegewinn«

Die Linken-Abgeordnete Vanessa Emde hat es erneut geschafft, die Regierungsunfähigkeit ihrer Partei zu demonstrieren

von André Anchuelo  28.10.2026

Analyse

Israel hat die Wahl

Der jüdische Staat stimmt heute über eine neue Knesset ab. Alles deutet auf eine Richtungsentscheidung hin

von Guy Katz  27.10.2026 Aktualisiert

Essay

Der Druck der Straße: Kann Frankreich seine Juden noch schützen?

Eine Republik, die ihre Rathäuser nicht schützen kann, wird auch ihre Juden nicht mehr lange beschützen können, meint unser Gastautor

von Rabbiner Pinchas Goldschmidt  23.10.2026

Glosse

Beim »Spiegel« kann man jetzt mit der Nazi-Kartei chatten

Das Hamburger Nachrichtenmagazin hat nachgelegt: Nun gibt es einen Chatbot, mit dessen Hilfe der Leser mit der NSDAP-Mitgliederkartei interagieren kann. Dafür verdient der »Spiegel« Lob, Grimme-Preis und Dank, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  21.10.2026