Leah Frey-Rabine

Limmud: Lebenslanges Lernen

Warum wir unsere Texte und unser Leben ständig neu interpretieren – und damit niemals fertig werden

von Leah Frey-Rabine  05.12.2019 11:51 Uhr

Leah Frey-Rabine Foto: PR

Warum wir unsere Texte und unser Leben ständig neu interpretieren – und damit niemals fertig werden

von Leah Frey-Rabine  05.12.2019 11:51 Uhr

Am vergangenen Wochenende trafen sich Jüdinnen und Juden aus aller Welt in Berlin zu Limmud: jung, alt, generationen- und kulturübergreifend, polyglott, quirlig und kreativ – ein großartiges Austauschfestival der jüdischen Vielfalt im Zeichen des Von- und-Miteinander-Lernens. Die Bandbreite der Programmpunkte war, wie immer, enorm, ebenso die Qual der Wahl.

Das Prinzip des lebenslangen Lernens ist im Judentum fest verankert, dank der radikalen Innovation, die zum Erhalt des jüdischen Volkes nach der Zerstörung des Zweiten Tempels die Tora weitgehend neu und fortwährend interpretieren lässt. Aus der Opferkultur wurde eine Kultur der Deutungskunst, die bis heute praktiziert wird und die ein lebenslanges Lernen voraussetzt.

ideal Ich bin mit Büchern groß geworden. Lernen war das höchste Ideal, und Neugier wurde rege unterstützt. Mein Vater, der oft mehrere Bücher auf einmal las, fragte mich nie, was ich in der Schule lernte, sondern, ob ich gute Fragen zu stellen wusste. Ja, und ob! Ich bin bis heute ein wandelndes Fragezeichen, mit breit gefächerten Interessen, die mich von der Opernbühne zur Bima schleuderten, mit Abstechern über Medizin, Sprachwissenschaften, Kampfsport.

Ich liebe das Konzept von Limmud, weil es der ganzen Palette jüdischer Kreativität ein pluralistisches, politisch unabhängiges Forum bietet

Und immer wieder vernehme ich eine recht komische Frage: Wann bist du fertig? Wann hast du ausgelernt? Wie bitte? Ausgelernt? Ich hoffe inbrünstig, nie! Meine Antwort: Vielleicht, wenn man die Kiste in die Erde gibt. Aber fängt dann das Lernen nicht erst richtig an?

Ich liebe das Konzept von Limmud, weil es der ganzen Palette jüdischer Kreativität ein pluralistisches, politisch unabhängiges Forum bietet: in einer Atmosphäre des gegenseitigen Respekts – in der heutigen Zeit ein leider rar gewordenes Gut. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen im Sinne von »Tora lischma« (Tora um ihrer selbst willen).

Lernen, um zu lernen, ist die Quintessenz von Limmud. In dem Wort Tora ist (nicht nur) ein wegweisendes Wort versteckt: »tar« (kundschaften). Der Gelehrte Ben Bag Bag sagte: Drehe sie und drehe sie herum, denn alles ist in ihr. Und gerade das tun Limmudniks, mit Begeisterung. Es lebe Limmud!

Die Autorin ist Kantorin, Opernsängerin und Gesangslehrerin in Frankfurt.

Zaur Gasimov

Kaukasus: Israel wäre ein guter Vermittler

Der jüdische Staat bringt die besten Voraussetzungen mit, um beim Frieden zu helfen

 22.10.2020

Einspruch!

Facebook und der Holocaust

Rüdiger Mahlo begrüßt die Ankündigung von Facebook, Schoa-Leugnungen aus seinem Dienst zu verbannen

von Rüdiger Mahlo  22.10.2020

Meron Mendel

AfD: 9. November künftig ein Feiertag?

Die Rechtspopulisten schreiben die Einladungskarten zum Tanz auf den Gräbern der ermodeten Juden

 22.10.2020

Boris Ronis

Herbstferien zu Hause? Halachischer Imperativ!

Statt von Unvernunft und Egoismus sollten wir uns von Pikuach Nefesch leiten lassen, dem Prinzip zum Schutz des Lebens

 15.10.2020

Jenny Havemann

Hamburg: Lernen vom Blick zurück

Wir müssen zurückschauen und verstehen, was dazu geführt hat, dass so etwas passieren kann

 15.10.2020

Einspruch

Rechtsstaat in der Krise

Ronen Steinke fordert, das Vertrauen in Polizei und Sicherheitsbehörden durch effektive Schritte wiederherzustellen

von Ronen Steinke  15.10.2020

Michael Groys

Bezieht die Bergjuden ein!

Herkunft ist nicht unbedingt entscheidend für den Dialog, erleichtert ihn aber

von Michael Groys  01.10.2020

Dervis Hizarci

»Du Jude« – Belastungsprobe Schule

Neben Pädagogik und Fach-Curricula müssen Lehrer auch Handlungssicherheit im Umgang mit Diskriminierung und Mobbing erlernen

von Dervis Hizarci  01.10.2020

Richard Herzinger

Eine gefährliche Illusion

Russlands Komplizenschaft mit dem Iran trägt dazu bei, dass dieser Israels Sicherheit weiterhin massiv bedrohen kann

von Richard Herzinger  24.09.2020