Kommentar

Juden und die Bundeswehr: Zwischen den Fronten

JSUD-Präsident Ron Dekel Foto: Gregor Matthias Zielke

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Juden und die Bundeswehr: Zwischen den Fronten

Eine jüdische Perspektive auf den Wehrdienst in Deutschland kann nicht losgelöst von der Geschichte betrachtet werden

von Ron Dekel  19.09.2025 12:02 Uhr

Monatelang beherrschte die Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht die deutschen Medien. Woche für Woche diskutierte man in den größten Talkshows, neue Gesichter wie Ole Nymoen traten hervor. Doch die Debatte wirkte oft realitätsfern. Sie blendete vor allem jene Lebensrealitäten aus, die für viele Jüdinnen und Juden prägend sind. Eine jüdische Perspektive auf den Wehrdienst in Deutschland kann nicht losgelöst von der Geschichte betrachtet werden.

Rund 100.000 Juden kämpften im Ersten Weltkrieg für das Kaiserreich – viele in der Hoffnung auf Anerkennung. Tausende ließen ihr Leben für »Vaterland und Kaiser«. Doch Anerkennung blieb aus. Stattdessen folgte die »Judenzählung« von 1916, die jüdische Soldaten unter Generalverdacht stellte und antisemitische Ressentiments verstärkte. Der historische Bruch ist bitter: Jene, die zurückkehrten, wurden wenige Jahrzehnte später von ihren ehemaligen Kameraden verfolgt, deportiert und ermordet.

Gerade deshalb wirkt es heute zynisch, wenn an Gedenktagen wie dem Volkstrauertag jüdische Soldatengräber als Symbole für deutschen Zusammenhalt herangezogen werden. Diese vermeintliche Kontinuität dient nicht der Anerkennung, sondern oft der Militarisierung von Erinnerungskultur.

Immer wieder erschüttern rechtsextreme Netzwerke und antisemitische Vorfälle die Bundeswehr.

Gleichzeitig muss anerkannt werden, dass es in Zeiten wie diesen notwendig sein kann, jüdisches Leben, Freiheit und Demokratie auch mit Waffen zu verteidigen – wie uns der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine schmerzhaft vor Augen führt.

Doch auch in der Gegenwart gibt es Gründe für Misstrauen. Immer wieder erschüttern rechtsextreme Netzwerke und antisemitische Vorfälle die Bundeswehr. In einer Armee, die diese Probleme nie konsequent gelöst hat, sollen Jüdinnen und Juden ihren Dienst leisten? Von einer Institution, die sie historisch verraten hat, soll heute Loyalität eingefordert werden?

Jüdisches Leben in Deutschland ist ohnehin politisch – es ist eine Existenz gegen Antisemitismus. Eine Wehrpflicht würde diese Spannung verschärfen. Niemand sollte gezwungen werden, in eine Armee einzutreten, in der Jüdinnen und Juden nicht sicher sein können, ob sie wirklich Teil des »Wir« sind. Das Grundgesetz garantiert, dass niemand gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst gezwungen werden darf. Dieser Satz wurzelt in der deutschen Vergangenheit und ist heute, in einer postmigrantischen Gesellschaft, von zentraler Bedeutung.

Der Autor ist Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD). Dieser Text ist zuerst bei EDA erschienen, dem Magazin der JSUD. Mehr Informationen finden Sie auf der Website oder dem Instagram-Kanal von EDA.

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