Dervis Hizarci

Jetzt erst recht: Dialog statt Rückzug

Der Reflex des Rückzugs auf die eigene Community hilft weder dem Zusammenhalt der Gesellschaft noch wirkt er gegen Polarisierung

von Dervis Hizarci  27.11.2021 17:23 Uhr

Dervis Hizarci Foto: privat

Der Reflex des Rückzugs auf die eigene Community hilft weder dem Zusammenhalt der Gesellschaft noch wirkt er gegen Polarisierung

von Dervis Hizarci  27.11.2021 17:23 Uhr

Seit Jahren entfalten Populismus und Verschwörungserzählungen ihre destruktive Wirkung: Debatten sind polarisiert. Inzwischen scheint auch unsere Gesellschaft tief gespalten zu sein. Kommentare in sozialen Medien werden immer toxischer, knappe Behauptungen und Verschwörungsideologien scheinen einer großen Anzahl von Menschen viel zu oft überzeugender als gut recherchierter und differenzierter Journalismus.

Die Zweifel an der Demokratie nehmen zu. Immer mehr junge Menschen in Europa glauben daran, dass autokratische Regierungen die Herausforderungen unserer Zeit besser meistern als demokratische. Wie gehen Minderheiten damit um? Leider allzu oft, indem sie Schutz, Geborgenheit und Vertrauen vor allem unter vermeintlich ihresgleichen suchen.

»Anderen« gegenüber empfindet man oft Distanz. Zum einen aufgrund fehlender Begegnungen, zum anderen gibt es jedoch tatsächliche Vorbehalte und Misstrauen, da nicht selten aus den jeweils anderen Gruppen emotionale Verletzungen oder gar tätliche Angriffe zugefügt werden.

Aus Verunsicherung suchen Minderheiten Schutz, Geborgenheit und Vertrauen vor allem unter vermeintlich ihresgleichen.

Dieser Reflex des Rückzugs auf die eigene Community jedoch hilft weder dem Zusammenhalt der Gesellschaft noch wirkt er gegen Polarisierung. Abschottung aus Angst ist vielleicht eine nachvollziehbare Reaktion, akzeptieren dürfen wir diesen Trend jedoch nicht. »Wenn ich nicht für mich selbst bin, wer ist für mich? Wenn ich nicht für andere bin, wer bin ich? Und wenn nicht jetzt, wann?«

HILLEL Rabbi Hillel erinnert uns daran, uns zu fragen, wer wir sind, was wir sein wollen und wann der richtige Zeitpunkt ist. Die Qualität der Antworten bestimmt den Grad an Humanismus und Zivilisation. »Jetzt!« ist seine Antwort auf die Frage nach der richtigen Zeit. Zum Menschsein gehört für Hillel, für sich selbst zu sein, aber mehr noch: für andere zu sein.

Genau das brauchen wir jetzt mehr als je zuvor. Ich möchte nicht verkennen, dass es nicht immer einfach ist, auf andere zuzugehen. Gerade dann, wenn man vorher schlechte Erfahrungen gemacht hat. Dialog bedeutet auch, über den eigenen Schatten zu springen. Es kostet Überwindung!

Doch diese Kosten haben einen Gegenwert: Abbau von Vorurteilen, das Schaffen von Empathie, das Entstehen von Freundschaften. Jede Initiative, die Mauern einreißt, Brücken baut, Menschen zusammenbringt, Solidaritäten schafft, ist daher zu begrüßen und zu unterstützen.

Dialog bedeutet auch, über den eigenen Schatten zu springen. Wir müssen füreinander da sein.

Ich bin nicht jüdisch, und mir ist wichtig, mich mit Jüdinnen und Juden solidarisch zu zeigen. Aus diesem Grund engagiere ich mich gegen Antisemitismus! Und genauso dürfen auch andere von Diskriminierung und Hass betroffene Gruppen nicht allein gelassen werden. Wir müssen füreinander da sein.

Elie Wiesel hat vor der Gefahr der Gleichgültigkeit stets gewarnt und geschworen, niemals zu schweigen, wann immer und wo immer ein Mensch zu leiden hat oder gedemütigt wird: »Man muss immer Partei ergreifen!«

Reinhard Schramm

Bleiberecht für Jesiden

Wer wie die Bundesregierung zu Recht »Nie wieder!« sagt, der muss auch ein dauerhaftes Bleiberecht für das jesidische Volk durchsetzen

von Reinhard Schramm  03.02.2023

Juri Goldstein

Hans-Georg Maaßen: Der Gescheiterte

Noch immer giert der Politiker nach Rampenlicht und Aufmerksamkeit und nimmt dabei die Beschädigung der CDU bewusst in Kauf

von Juri Goldstein  02.02.2023

Einspruch

Gewaltspirale in Israel?

Julia Bernstein ärgert sich über die Berichterstattung deutscher Journalisten zu den Terroranschlägen in Jerusalem

von Julia Bernstein  02.02.2023

Ayala Goldmann

Kampfpanzer für die Ukraine

Gedenken ist kein Selbstzweck. Auf das »Nie wieder« müssen sehr bald konkrete Schritte mit Blick auf den Krieg in Europa folgen

von Ayala Goldmann  26.01.2023

Ernst Grube

Holocaust-Überlebende als Hologramm?

Von »digitalen Gespenstern« ist bisweilen die Rede. Wichtig ist doch vor allem, dass unsere Zeitzeugenberichte auch in der Zukunft weiterhin vermittelt werden können

von Ernst Grube  26.01.2023

Stefan Hensel

Dialog? Nur ohne Juden, bitte

Die Hochschule für bildende Künste Hamburg veranstaltet ein Symposium zur documenta 15, bei dem wichtige jüdische Vertreter fehlen

von Stefan Hensel  24.01.2023

Anna Staroselski

Perspektiven statt Ressentiments

Jugendliche, die in sozial geschwächten Milieus aufwachsen, brauchen die Chance auf echte Teilhabe und sozialen Aufstieg – empathieloser Paternalismus ist kontraproduktiv

von Anna Staroselski  19.01.2023

Toby Axelrod

USA: Konservativen Juden wird es zu viel

Zunehmend fühlen sich auch jüdische Republikaner gezwungen, gegen ihre eigene Partei Stellung zu beziehen

von Toby Axelrod  18.01.2023

Ayala Goldmann

Nach der documenta ist vor der documenta

Dass Claudia Roth »keine koordinierte Verantwortungslosigkeit« auf der documenta mehr möchte, ist zu begrüßen. Aber in Kassel war man offenbar schneller

von Ayala Goldmann  16.01.2023 Aktualisiert