Glaubt man den Verschwörungsmythen, die derzeit soziale Medien, Podcasts und dafür offene Köpfe fluten, war es Jeffrey Epsteins größtes Verbrechen, ein Jude zu sein.
Der verurteilte amerikanische Sexualstraftäter, der mehr als 1000 Mädchen und junge Frauen missbraucht haben soll und einer Gruppe von Geschäftspartnern und Bekannten auf mehreren seiner Luxus-Anwesen den Missbrauch ermöglichte; der Mann, der für sich und andere durch Finanzkriminalität Millionen machte, wird als Agent eines fremden Landes, als Kannibale, als Satanist, als Strippenzieher einer jüdischen Weltverschwörung beschrieben – oder was auch immer sonst noch aus den gängigen antisemitischen Fantasien der vergangenen 2000 Jahre gefischt wird.
Jeder Verschwörungsmythos landet, wenn man tief genug einsteigt, irgendwann bei den Juden.
Menschen, die glauben, dass Epsteins größtes Verbrechen die Tatsache war, Jude zu sein, übertragen seine realen und erfundenen Verbrechen damit auf alle anderen Juden in der Welt – ein Vorgang, der die Sicherheit und das Leben von Millionen Menschen gefährdet, nur weil sie derselben Religion angehören wie er. Auch das ist eine seit 2000 Jahren bekannte Praxis. Jeder Verschwörungsmythos landet, wenn man tief genug einsteigt, irgendwann bei den Juden, sagt der »New York Times«-Kolumnist und Experte für Verschwörungsmythen, Ross Douthat.
Solange der Fall Epstein auch nach der Veröffentlichung eines Großteils beschlagnahmter Dokumente und Materialien verwirrend bleibt, solange es mehr Ungereimtheiten als Klarheiten gibt, solange er sowohl vom rechten als auch linken Lager politisiert wird und solange eine transparente Aufklärung nicht zu erwarten ist, bleibt er ein beliebig formbares Vehikel für jedweden Verschwörungsmythos.
Das größte Verbrechen von Jeffrey Epstein waren der Missbrauch und Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung von Minderjährigen. Jeffrey Epstein war ein schlechter Mensch, und damit auch ein schlechter Jude. In ebendieser Reihenfolge.