Bei komplexen internationalen Themen soll man bekanntlich nicht vorschnelle Schlüsse ziehen. Zumindest nicht, bevor man den Einordnungen von Markus Lanz und Richard David Precht dazu gelauscht hat.
»Angriff auf den Iran - Ein gerechter Krieg?« lautet der Titel der 235. Ausgabe ihres im Auftrag des ZDF produzierten Podcasts. Doch bevor die beiden Protagonisten zur Sache kommen, geht es um etwas viel Wichtigeres: »Wo erreiche ich dich, Richard?« Er sitze wie immer in seiner Kemenate, seinem Rückzugsort, antwortet Precht. Dort hat der Philosoph und Schriftsteller auch sein Podcast-Equipment installiert, um den Kontakt mit der Außenwelt aufrechtzuerhalten.
Precht spielt den Ball zurück. Viel wichtiger sei doch heute, wo er Lanz erreiche. Und so erfahren die Zuhörer, dass der Moderator gerade irgendwo in den Skiferien weilt. Der Podcast werde deswegen im Wohnzimmer »von Martin, meinem engsten Freund«, dem »wichtigsten Mann und stellvertretenden Bürgermeister des Dorfes«, aufgezeichnet, verrät Lanz. Um welches Dorf es sich handelt, gibt der gebürtige Südtiroler aber nicht preis. Und auch nicht, warum ausgerechnet der Stellvertreter des Bürgermeisters der wichtigste Mann vor Ort ist.
Dafür erfährt man aber, dass der Moderator eigens seine Ferien unterbrochen hat, um in Hamburg eine »frische Sendung« zu produzieren. Und man lernt wieder eine Menge über die Ansichten des populärsten Talkmasters der Deutschen und über die des (Jürgen Habermas möge es verzeihen) liebsten Philosophen der Nation.
Mit viel angelesenem (Halb-) Wissen und mit dem unbändigen Willen zur klaren Meinungsäußerung gerüstet, gehen die beiden Podcaster den möglichen Motiven für den Irankrieg nach. Dass es dabei um Hilfe für die unterdrückten Iraner gehen könnte, bestreitet Precht nachdrücklich: »Die Amerikaner haben alles in ihrer Geschichte getan, um die freiheitlich demokratische Entwicklung im Iran zu verhindern.«
Die USA hätten nicht nur den Schah installiert, sondern nach dessen erzwungenem Abtritt 1979 auch das Regime von Ajatollah Ruhollah Chomeini an die Macht gebracht. Ob Precht in diesem Moment klar war, dass wohl nicht jeder Historiker diese These unterschreiben würde? Entgangen ist ihm wohl auch, dass Chomeini und seine Mitstreiter die USA seit je her als die Inkarnation des Bösen ansehen. Doch wäre Precht ein glaubwürdiger Nahostexperte, würde er sich von der Wirklichkeit widerlegen lassen?
Trumps Traum von den Militärbasen
Überhaupt, zu historischen Fakten hat Precht eine besondere Beziehung. Im Oktober 2023 sagte er im selben Podcast Folgendes über orthodoxe Juden: »Die dürfen ja gar nicht arbeiten, so ein paar Sachen wie Diamantenhandel und ein paar Finanzgeschäfte ausgenommen. Das ist ja grundsätzlich von der Religion her untersagt.« Dafür erntete der Gelehrte viel Kritik und auch Spott. Doch seinen Ruf als »Prechthaber« will der 61-Jährige offenbar mit aller Macht verteidigen.
Zu den möglichen Kriegszielen der Amerikaner liefert er gleich mehrere interessante Thesen. »Also, das Öl ist natürlich wahnsinnig entscheidend. Nicht, weil die Amerikaner es wahnsinnig dringend brauchen, abgesehen davon, dass sie es immer gebrauchen können und damit tolle Geschäfte machen, vielleicht auch Trump persönlich. Es geht darum, dass die Iraner die Chinesen mit Öl versorgen, und zwar sehr, sehr günstig und sehr, sehr billig. Und es wäre ein enormer Schlag gegen China, wenn man das unterbinden könnte und wenn das Öl jetzt von nun an via Amerika gefördert und kontrolliert wird. Das ist sicherlich ein ganz wichtiges Ziel. Und den Traum von Militärbasen im Iran? Ja, das wäre natürlich bei der strategischen Lage, die der Iran hat (…), natürlich ganz grandios, wenn man da irgendwo einen richtigen Fuß in die Tür kriegt und am Ende dieser ganzen Bombardierung da eine richtig schöne Luftwaffenbasis herausspringt.«
Wahnsinnig verwundert reibt man sich als Hörer die Ohren. Ein künftiger US-Militärstützpunkt im Iran soll das wichtigste Kriegsziel sein? Haben denn die Amerikaner nicht bereits mehrere Luftwaffenbasen, in Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait und Saudi-Arabien?
Doch Precht ist als Igel beim Hase-und-Igel-Spiel nicht zu schlagen. Flugs hat er das nächste Argument parat, warum die USA und Israel aktuell Krieg führen. Allerhand innenpolitische Motive gebe es da, weiß der Amerika-Kenner Precht: »Kein Mensch redet mehr über die Epstein-Files, das ist im Augenblick ziemlich vom Tisch. Jetzt hat man andere, größere, nationale Sorgen.«
Zum Beispiel sei da die Sorge, dass Trump die im November anstehenden Kongresswahlen verlieren könnte. Auch deswegen werde wohl Krieg geführt, raunt Precht. »Sollte man diesen Kriegszustand in Wellen aufrechterhalten bis zum November, dass es also immer wieder und immer wieder dazu kommt, und man lässt das Ganze am besten noch im Oktober vorher oder im September vorher so richtig eskalieren. Ich glaube, das wäre schon durchaus denkbar, dass es dann gar keine Midterm Elections gibt.«
Obwohl, schränkt er ein, sicher sein könne man nicht. »Das ist keine Prophezeiung. Es ist auch nicht wie bei Venezuela«, stellt er klar. Nur um dann hinzuzufügen: »Aber ich würde sagen: Bei Donald Trump dürfen wir grundsätzlich nichts ausschließen«.
Zweifel an der Richtigkeit seiner Thesen kommen einem Richard David Precht selten. Obwohl man ihm zugutehalten muss, dass er des Öfteren einschränkt, dass ja vieles nur Spekulation sei. Soviel steht für ihn aber fest: Trotz der Tatsache, dass im Iran binnen weniger Tage Tausende Demonstranten ermordet wurden, kann es sich bei den israelisch-amerikanischen Angriffen nicht um eine humanitäre Intervention handeln. »Das ist nicht der Grund für diesen Krieg, das muss uns völlig klar sein«, weiß Precht.
Die Mullahs sind »nicht die schlechteste Lösung«
Dass Trump mit den Iranern nichts Gutes im Schilde führt, hält er schon jetzt für ausgemacht: »Ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass am Ende dieses Krieges das Mullah-Regime immer noch inthronisiert ist, aber dann verängstigt, eingeschüchtert, und dass es einen erheblichen Preis an Donald Trump in Form von Öl und Militärbasen zahlt. Am Ende sind die Mullahs noch an der Macht, aber sie sind deutlich amerikafreundlicher, als sie es bisher waren. Also, irgendwie so bombt man sich das Ganze da am Ende zurecht.«
Ohnehin, findet Precht, seien die Mullahs aus Sicht vieler Akteure im Westen und in der Region »nicht die schlechteste Lösung«. Seinen Gesprächspartner fragt er: »Stell dir mal einen demokratisch befreiten Iran vor, in dem tatsächlich eine Opposition sich durchsetzen kann und man sich hinter irgendjemanden versammelt (…). Da würde innerhalb von kurzer Zeit eine neue Macht entstehen. Der Iran hat das Potenzial, weit mehr als eine Regionalmacht zu sein. Letztlich sogar langfristig Potential für eine Supermacht.«
Und damit, findet Precht, wäre der Iran plötzlich eine Bedrohung für andere Mächte, was diese nicht wollen könnten.
Markus Lanz widerspricht seinem gelegentlich im Nebel stochernden Talk-Partner nur selten, und wenn, dann ganz vorsichtig. Und Lanz will es Precht nachtun. Im Wohnzimmer des stellvertretenden Bürgermeisters stellt auch er ein paar steile Thesen auf. Er habe jüngst Ben Rhodes getroffen, den »Chefstrategen« im Weißen Haus zu Zeiten Barack Obamas. »Der hat ein paar super interessante Bücher geschrieben, ist einer der interessantesten Menschen aus der Obama-Administration«, berichtet Lanz.
Die Siedler und der Krieg
Und jener Ben Rhodes habe ihm gesagt: »Schau mal genau hin, es könnte doch sein, dass Israel diejenigen sind, die israelische Regierung Netanjahu, um es konkret zu machen, oder auch Leute wie Smotrich und andere, oder zum Beispiel diese harten Fanatiker in diesem Kabinett, die genau dieses Chaos wollen, weil es ablenkt von der Art und Weise, wie sie im Westjordanland gerade unglaublich Fakten schaffen. In diesen Tagen, gerade in diesen Tagen, werden im Westjordanland auf unglaublich brutale Weise Fakten geschaffen. Sie sind sogar dabei, Teile von Syrien zu besetzen, im Süden. Sie etablieren Pufferzonen im Libanon und so weiter.«
Wenn man die Sache durch diese Brille betrachte, dann werde alles »plötzlich ganz klar« und »viel deutlicher«, sagt Lanz, der den Thesen von Rhodes offenbar vollumfänglich zustimmt. Auch für ihn ist klar, dass Trump und Netanjahu aus unlauteren Motiven heraus einen verheerenden Krieg vom Zaun gebrochen haben. »Dann ergibt das alles plötzlich einen Sinn«, ruft Lanz.
Dass jener Ben Rhodes, der mittlerweile ebenfalls als Podcaster reüssiert, nie ein Freund der israelischen Regierung war und er deswegen von Obamas Stabschef Rahm Emanuel sogar den Spitznamen »Hamas« verpasst bekam, erwähnt Lanz nicht. Und auch nicht, dass die israelische Regierung ihre Siedlungspolitik schon lange vor der militärischen Auseinandersetzung vorangetrieben hat.
Richard David Prechts besondere Verachtung gilt nicht nur den beiden Kriegsherren, sondern der deutschen Regierung und insbesondere dem Bundeskanzler. Denn der, so Precht, nehme ganz ungeniert einen Bruch des Völkerrechts hin und schleime sich bei Trump ein.
Entgegen der Behauptungen des Kanzlers wisse man doch, dass das iranische Regime noch längst nicht am Ende sei, sagt Precht. »Und er (Merz) fährt zu Donald Trump und lobt ihn. Er kann ja was von Dilemma erzählen, aber sein Verhalten gegenüber Donald Trump sagt: ‚Du machst das Richtige und ich stehe an deiner Seite.‘ Wir, die Bundesrepublik Deutschland, stehen an der Seite des Völkerrechtsbruchs.« Das sei nichts weiter als ein »lupenreiner, klarer Völkerrechtsbruch«, so der Philosoph, der offenbar auch in anderen akademischen Disziplinen bewandert ist.
Schon einmal, während des Zwölf-Tage-Krieges im Juni 2025, habe sich Merz »auf die Seite des Völkerrechtsbruchs« gestellt. Damit habe er »ein gigantisches Problem«, er könne sich in den Aussagen des Kanzlers nicht wiederfinden, so Precht, denn die Art, wie Merz neulich im Weißen Haus aufgetreten sei, sei »unwürdig für einen deutschen Bundeskanzler« und »ein Verrat an den Werten der westlichen Wertegemeinschaft«.
Die Bundesregierung und das Völkerrecht
Schon zu Beginn des Podcasts stellt Precht der Politik insgesamt ein schlechtes Zeugnis aus: »Immer, wenn die Politiker sagen, wir müssen Verantwortung übernehmen, ist am Ende Bomben schmeißen und dergleichen gemeint.«
Auch Lanz schlägt in diese Kerbe und suggeriert, die meisten deutschen Politiker wüssten nicht, was Krieg bedeute - anders als er selbst, versteht sich.
Um seine Fachkompetenz zu unterstreichen, verweist der Moderator mehrfach darauf, dass er sich des Themas ja schon in drei Sendungen angenommen habe: »Wenn man dann von Verteidigungsfähigkeit spricht oder davon, wir haben diesen oder jenen eliminiert, wie jetzt auch im Iran, wir haben Leute umgebracht, und wir haben diese drei Sendungen gemacht, die mal klar versucht haben zu benennen, was Krieg eigentlich wirklich ist, und Harald Welzer war auch zu Gast, der sagte: ‚Ich will, dass das mal jemand deutlich sagt: Krieg ist auf eine unvorstellbar brutale Art und Weise, Menschen zu zerstören‘. Das ist das, worum es geht. Und wir hatten drei Sendungen dazu.«
Wie schlimm das Vorgehen der Israelis und der Amerikaner im Iran sei, versucht er an einem Beispiel zu schildern: »Da wird eine Mädchenschule bombardiert. Über 100 Kinder, die einfach in die Luft fliegen, weil irgendjemand sich vertan hat oder was auch immer. Und abgesehen von der Tatsache, dass das schrecklich und furchtbar ist und dass das ein Kriegsverbrechen ist, nichts anderes kann das sein, da sind wir uns sicher einig: Wo bleibt eigentlich der Aufschrei über solche Dinge? Wo ist eigentlich die breite gesellschaftliche Debatte darüber? Wo ist eigentlich derjenige, der sich hinstellt und sagt: ‚Freunde, wir müssen darüber reden, was tut ihr da eigentlich? Ihr begeht gerade Kriegsverbrechen.‘«
Es herrsche »ein seltsames Schweigen« in Deutschland, diagnostiziert Lanz. Zwar werde auch über den Angriff »irgendwie berichtet«. Aber man habe das Gefühl, das das »eine Randnotiz« sei für die Medien - »so nach dem Motto: Du, irgendwas ist ja immer und es muss halt jetzt sein, weil es geht ja gegen die Richtigen«.
Die Schrecken des Krieges kennt nur Precht
Der Krieg habe für viele Menschen in Deutschland seinen Schrecken verloren, befindet auch Precht – und bringt zur Untermauerung seine Expertise im Fach Sozialpsychologie ein. »Die Menschheit lernt ja im Hinblick auf Kriege definitiv nichts dazu«, findet er, wobei er sich selbst in diesem Punkt nicht als Teil der Menschheit betrachtet. Selbst die größten Traumata seien acht Jahrzehnte nach dem Kriegsende »irgendwie nicht mehr richtig da«. Hinzu komme, dass man durch die Intensität der Kriegsberichterstattung auch abstumpfe.
Außerdem, so Precht, nehme er den allerwenigsten Akteuren ab, dass sie den Nahostkonflikt wirklich befrieden wollten. Dabei sei der jetzige Krieg »die Mutter ganz, ganz vieler neuer Nahostkonflikte und ganz, ganz vieler Folgen, die damit einhergehen.«
Ob Precht damit auch neue Folgen für seinen Podcast mit Lanz gemeint hat?