Meinung

Der Prechthaber

Als einen »der ganz großen Philosophen, über den noch in 200, 300 Jahren gesprochen werden wird«, hat Carsten Linnemann Richard David Precht neulich einmal bezeichnet. Der Lorbeerkranz, den der CDU-Generalsekretär ihm da aufs Haupt setzte, scheint Precht zu gefallen. In Ausgabe 110 des ZDF-Podcasts mit Markus Lanz zeigte Precht erneut, was alles in ihm steckt.

Der Alleskönner – Wikipedia nennt ihn »Schriftsteller, Germanist, Philosoph, Publizist und Moderator«, man darf den 58-Jährigen aber mit Fug und Recht auch als Militärstrategen und Nahostexperten bezeichnen – profiliert sich jetzt auch als profunder Kenner des Judentums.

Als Lanz von der Vielfalt Israels berichtet, vom Kontrast zwischen den Säkularen in Tel Aviv und den Religiösen in Jerusalem und davon, welche Macht die Religion ausübe auf orthodoxe Juden (»Die sich vollumfänglich der Religion widmen…«), wirft Precht ein: »Die dürfen ja gar nicht arbeiten. So ein paar Sachen wie Diamantenhandel und ein paar Finanzgeschäfte ausgenommen. Das ist ja grundsätzlich von der Religion her untersagt.«

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Markus Lanz bestärkt seinen Gesprächspartner, indem er mehrfach »richtig« und »genau« dazwischenruft und er seinem Gegenüber Precht am Ende ganz aufgeregt erklärt: »Am Schabbat, da hast du dann---, da darf dann am Ende gar nichts passieren, zum Beispiel Fahrstühle, die still stehen, man geht dann prinzipiell über die Treppen. Also, das hat ein Ausmaß, diese vielen Regeln in das Leben der Menschen hinein, davon machen wir uns keine Vorstellung.«

Weil der Podcast den Titel trug »über Israel und den Gazastreifen«, geht es natürlich nicht nur um Israel, sondern auch um die andere Seite, um Gaza und um das, was in den nächsten Tagen passieren könnte.

Er habe Angst, sagt Richard David Precht, Angst, dass Israel überreagiere. »Israel bekommt jetzt natürlich durch das enorme Unrecht und die Verbrechen, die da begangen worden sind, eine Art Freibrief. Und du weißt nicht, wofür der langfristig genutzt wird. Und da habe ich Angst vor.«

Ob der Podcast für den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie »Wissen, Besserwissen und Prechthaben« nominiert werden wird, stand zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Glosse noch nicht fest. Dass aber die Israel-Lobby versuchen würde, die Expertise von Precht und Lanz zu diskreditieren, war abzusehen.

Der Journalist der Süddeutschen Zeitung, Ronen Steinke, moserte über »bahnbrechende Judaistik-News«. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien schrieb sogar etwas von »antisemitischen Stereotypen«, die Precht angeblich verbreitet habe. Und dass Precht in ein Wespennest gestochen hatte, wusste er spätestens, als sich am Schabbat (sic!) die israelische Botschaft in Berlin zu Wort meldete.

»Schuster bleib bei deinen Leisten: Lieber Richard David Precht, wenn man keine Ahnung vom Judentum hat, sollte man besser nichts darüber sagen, als uralte antisemitische Verschwörungstheorien aufzuwärmen«, schrieb die Botschaft auf X/Twitter.

Offensichtlich waren die strengen Regeln, die es untersagen, am jüdischen Ruhetag Universalgelehrte und TV-Moderatoren anzugreifen, außer Kraft gesetzt worden. Wer der Botschaft dazu einen Freibrief gegeben hatte, ist weiter unklar. Aber Richard David Precht ist der Sache bestimmt schon auf der Spur …

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