Meinung

Heute Juden, morgen Christen

Rafael Seligmann Foto: picture alliance / Presse- und Wirtschaftsdienst

Wenn es um Antisemitismus geht, darf man die Lehren der Geschichte nicht vergessen. Das gilt in den Demokratien, darunter Deutschland - speziell nach dem Massaker an Juden im australischen Sydney. Die Resonanz vieler Bürger auf das Verbrechen folgt einer grausam-vergesslichen Logik, die nach antisemitischen Untaten wieder aufscheint. Besonders nach dem Massaker des 7. Oktober, dem schlimmsten Massenmord an Juden nach der Schoa.

Zunächst äußerten viele routiniert ihre »Betroffenheit«, doch als Israel handelte, wie andere Staaten, also die Mörder und ihre Hintermänner auszuschalten, hörte das Verständnis auf. Das galt als »unverhältnismäßig«. Auf den Straßen Europas und woanders wütete der antisemitische Mob. Juden wurden misshandelt, eingeschüchtert, Synagogen und Häuser besudelt. Parolen, wie »Global Intifada now!«, wurden und werden gebrüllt.

Meinungsfreiheit? Verständlicher Zorn? Es betrifft nur die Juden? Wie sich jetzt in Sydney scheinbar bestätigte. Doch Antisemitismus berührt keineswegs nur Juden. Unmenschlichkeit nimmt alle zur Geisel. Das wusste bereits der Theologe Martin Niemöller, als er 1946 reimte: »Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen. Ich war ja kein Kommunist … Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte«.

Dies sollten coole Kommentatoren und selbstgerechte Bürger bedenken, wenn sie Antisemitismus und Mord gelassen verurteilen, doch fast im gleichen Atemzug relativieren: den Menschen in Gaza ergehe es nicht besser sowie andere Begründungen. Nein! Judenhass führt konsequent zum Mord. Dafür darf es kein Alibi geben.

Und noch etwas - direktes: Wer heute Juden abschlachtet, wird es morgen mit Christen, Demokraten … tun. Wer das nicht glaubt, sollte sich an die Anschläge auf Weihnachtsmärkte erinnern. Anis Amri, der ein Massaker auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz veranstaltete, und die Mörder von Sydney haben die gleiche Gesinnung. Sie sind nicht die einzigen. Ihre Geistesbrüder haben noch einiges vor.

Rafael Seligmann ist Autor des Bandes: »Keine Schonzeit für Juden«, Herder-Verlag.

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert

Leo-Baeck-Preis

»Seine Arbeit hat rettende Relevanz«

Ahmad Mansour lobte in seiner Laudatio auf Dieter Nuhr den Mut und die intellektuelle Unbestechlichkeit des Kabarettisten. Eine Dokumentation

von Ahmad Mansour  10.06.2026

Meinung

So macht man Stimmung

Die deutsche Berichterstattung über den Krieg zwischen Israel und der Terrormiliz Hisbollah ist unterkomplex und einseitig. Über die wahren Interessen der Libanesen wird dabei hinweggegangen

von Ahmad Mansour  10.06.2026

Meinung

Antisemitismus nach bayrischer Art

Ein Hotel im Bayerischen Wald verschickt eine antisemitische Nachricht an einen Touristen aus Israel. Das könnte eine Gelegenheit sein, Antisemitismus auf dem bayrischen Land zum Thema zu machen. Ein Kommentar

von Leon Stork  09.06.2026

Meinung

Nein, ein Davidstern ist keine Provokation

Im Amtsgericht Flensburg wurde einer Frau der Zutritt zum Saal nur unter der Bedingung gewährt, dass sie ihre Kette mit einem jüdischen Symbol ablegt. Das ist keine Auslegungsfrage, sondern ein Justizskandal

von Annabelle Ganapol-Vučelić  09.06.2026

Daniel Jositsch, Zürcher SP-Ständerat, am letzten Donnerstag, dem Tag seines Austritts aus der Partei

Meinung

Daniel Jositsch und der Preis der Klarheit

Daniel Jositsch verlässt nach seiner Nichtnomination in den Ständerat die SP. Der Fall zeigt, wie eng der Raum für sozialliberale und proisraelische Stimmen in der Linken geworden ist, nicht nur in der Schweiz

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.06.2026

Kommentar

Der Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026

Meinung

Libanon: Zwischen Anschein und Wirklichkeit

Wer den aktuellen Konflikt verstehen will, darf den Zedernstaat nicht als tragisches Opfer Israels lesen

von Jacques Abramowicz  07.06.2026

Wolf J. Reuter

Juden haben Hausverbot

Ausgerechnet in einem Prozess gegen einen Antisemiten würde einer Jüdin der Zutritt verwehrt, weil sie einen Davidstern um den Hals trug. Keine der Erklärungen für diesen Skandal ist beruhigend

von Wolf J. Reuter  05.06.2026