Ostern sorgt jedes Jahr für Einkehr und Erkenntnis. Auch auf Google, wo jedes Jahr Säkulare in Deutschland für Spitzenwerte bei Anfragen nach dem Hintergrund des Osterfestes sorgen. Die rote Laterne hatte dieses Jahr die Bundestagsfraktion der AfD, die sich besonders christlich und konservativ geben wollte, aber sogar schon vor Palmsonntag »Frohe Ostern« wünschte. Nicht nur zu früh, auch geschmacklos; die Bedeutung des noch folgenden Karfreitags, an dem es wahrlich nichts zu freuen gibt, hätte man googeln können. Nächstes Jahr.
Die »Blauen« hatten Glück. Der sich aufbauende Spott wurde am Palmsonntag durch den lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Pierbattista Pizzaballa, aus der sehr kurzen Aufmerksamkeitsspanne moderner Medien verdrängt.
Der Patriarch ist offenbar verpflichtet, am Palmsonntag eine Messe zu halten, auch ohne Kongregation. Genau das wollte er in der Grabeskirche in der Jerusalemer Altstadt. Indes: Die israelische Polizei verwehrte ihm den Zutritt.
Was dann folgte, war ein Musterbeispiel dafür, wie Social Media heute funktioniert: In Windeseile kam dabei ein globaler Skandal heraus. Dem Kardinal werde »zum ersten Mal seit Jahrhunderten« der Zutritt zur Grabeskirche verwehrt, hieß es schon Stunden später (was sich sicher nicht auf das Alter des Kardinals bezog). Teils bekam man im säkularen Deutschland den Eindruck, der nächste Kreuzzug stünde unmittelbar vor der Tür.
Der Grund war banal: Die Altstadt und ihre heiligen Orte sind wegen der Sicherheitslage seit Beginn des Kriegs gesperrt, Kotel und Tempelberg verwaist und die Grabeskirche leer. Die Altstadt Jerusalems ist ein Labyrinth aus engen Gassen, alten Mauern und dicht gedrängten Gebäuden. Rettungswege sind kompliziert, Schutzräume gibt es nicht. Hilfe bei einem Raketeneinschlag dauert. Eine iranische Rakete schlug jüngst in der Nähe der Altstadt ein. Vor zwei Wochen hatte ein schweres Schrapnell das Dach des Gebäudes neben der Grabeskirche beschädigt.
Der Patriarch hatte eine Ausnahmegenehmigung zum Abhalten der Messe beantragt – und offenbar nicht erhalten. Trotzdem machte er sich auf den Weg. Die Polizei wies ihn ab.
Die Empörungswelle war rasant und hatte ungeahnte Ausmaße. Der OSINT-Spezialist Eitan Fischberger zählte innerhalb von acht Stunden nach dem Vorfall 267.000 Posts auf Social Media, in denen Israel teils scharf kritisiert wurde. Zum Vergleich: Als das erwähnte Schrapnell die Grabeskirche fast beschädigt hätte, gab es laut Fischberger nur rund 9.100 Posts in einem wesentlich längeren Zeitraum. Was genau triggert hier die Weltöffentlichkeit?
Pizzaballa gilt nicht als jemand, der Konflikte scheut. Öffentlich war er versöhnlich gestimmt, keineswegs erbost. Aber selbst wenn: Nichts davon erklärt die Geschwindigkeit und Wucht der internationalen Reaktion. Das einzige Thema, das diese Aufmerksamkeit erklären kann, ist: Es ging um Israel.
Die politische Bühne ließ sich nicht lumpen – wo Europas Politiker selbst bei Kriegsausbrüchen erstmal das Wochenende verstreichen lassen, meldeten sich diesmal alle – vom ungarischen und spanischen Premier bis zu Armin Laschet. Alle empört, versteht sich. Da bleibt ein schaler Beigeschmack: Wer reagiert hier aus Glauben – und wer nutzt nur eine Gelegenheit, um gegen Israel auszuteilen?
Am Palmsonntag, das sollte man dazu wissen, gab es weit weg von Jerusalem in Nigeria ein Massaker an Christen – nicht »irgendwie« im Umfeld religiöser Spannungen, sondern gezielt, weil sie Christen sind. Bewaffnete Angreifer überfielen eine Gemeinde, 30 bis 40 Menschen wurden brutal ermordet. Es ist Teil eines anhaltenden Problems islamistischer Gewalt und Christenverfolgung in der Region, die Bilder sind kaum zu ertragen. Kaum Statements, kaum Posts, kaum öffentliche Aufmerksamkeit.
Da drängt sich der Eindruck auf, dass der Patriarch vielen egal war – und der Palmsonntag auch. Hauptsache, Israel steht am Pranger.
Jerusalem ist einzigartig: Christentum und Judentum sind dort auf eine ursprüngliche Weise verwoben. Das christliche Narrativ ist ohne das jüdische Pessachfest nicht zu erzählen. Israel schützt das fragile Ensemble aus Kotel, Tempelberg und Grabeskirche nicht nur militärisch, sondern auch organisatorisch, jeden Tag, meist unter Beschimpfung. Und ja: Der Zutritt des Patriarchen mag »jahrhundertealte Tradition« sein, aber ballistische Raketen mit fast einer Tonne Sprengkraft sind eben eine eher neue Erscheinung.
Ich hätte mir den Palmsonntag vor allem ohne Raketen auf Jerusalem gewünscht. Aber auch ohne den reflexhaften Versuch, Israel für eine Sicherheitsmaßnahme zu skandalisieren, die dem Schutz von Menschen dient – inklusive der Christen. Mehr Nachdenklichkeit tut gut. Ich drücke auch in den Ostertagen dem tapferen kleinen Land dort die Daumen, als demütigen Osterwunsch. Und die Christen in Deutschland? Seien Sie doch mutig. Unterstützen Sie auch mal öffentlich das Land, das Ihre heiligste Stätte schützt – das ganze Jahr hindurch, nicht nur an Ostern.