Martin Krauss

Ghettorente: Wo Bürokratie funktioniert

Dass die Auseinandersetzung mit dem Altersgeld für Überlebende so unbeliebt ist, hat mit einer unbequemen Botschaft zu tun

von Martin Krauss  19.09.2019 09:40 Uhr

Martin Krauss Foto: Stephan Pramme

Dass die Auseinandersetzung mit dem Altersgeld für Überlebende so unbeliebt ist, hat mit einer unbequemen Botschaft zu tun

von Martin Krauss  19.09.2019 09:40 Uhr

Will die Bundesregierung dafür auch noch gelobt werden? Die Frage drängt sich auf, liest man die Meldung, dass nun, 74 Jahre nach der Schoa, weitere 859 frühere Arbeiter in den Ghettos des nationalsozia­listischen Deutschland einen einmaligen »Rentenersatzzuschlag« von je 1500 Euro erhalten haben. Nein, ernsthaft loben kann man das nicht.

Es gibt in Deutschland nur wenige Experten, die sich mit dem sperrigen Thema Ghettorenten auskennen, und das dürfte nicht nur an immanenten juristischen Komplikationen liegen, sondern vielleicht auch daran, dass sich in dem hochgradig bürokratisierten System von Rentenrecht, Entschädigungszahlung und sogenannter Wiedergutmachung offenbart, wie kaltherzig in diesem Lande immer noch mit den Menschen umgesprungen wird, denen unbeschreibliches Leid zugefügt wurde.

BÜROKRATIE Es gibt die Kontinuität der Bürokratie, über das Jahr 1945 hinweg. Die Menschen, die im Ghetto arbeiten mussten, meist Juden, Sinti und Roma, taten dies zwar oft für einen Hohn, manchmal war es nur ein Laib Brot oder ein Teller Suppe, aber: Es war doch entlohnte Arbeit, und die wurde bei der Rentenkasse gemeldet.

Jahrzehntelang kämpften die ehemaligen Ghettoarbeiter also nicht nur für das Geld, das ihnen zustand, sondern auch für die Anerkennung ihrer Arbeit im Altersgeld, der Rente. Die deutsche Rentenversicherung sperrte sich jedoch ebenso lange, indem sie behauptete, das sei ja keine richtige Arbeit gewesen, teils seien die Arbeiter zu jung, teils zu kurz dabei gewesen.

WOHLSTAND Doch die Wahrheit hinter dem würdelosen Herumlavieren – über dem ja auch Hunderttausende verstorben sind, ohne zu Lebzeiten je eine Mark oder einen Euro erhalten zu haben – ist: Ghettoarbeit war Lohnarbeit, und von der Nichtbezahlung (richtiger wohl: vom Lohnraub) speist sich eben auch ein Teil des heutigen Wohlstands dieses Landes.

Das Thema Ghettorenten ist für viele in Deutschland vermutlich auch deswegen so unattraktiv, weil es sehr unbequeme Erkenntnisse bereithält. Und die lassen sich nicht mit 1500 Euro abspeisen, auch wenn den Überlebenden natürlich jeder Cent zusteht.

Ayala Goldmann

Kampfpanzer für die Ukraine

Gedenken ist kein Selbstzweck. Auf das »Nie wieder« müssen sehr bald konkrete Schritte mit Blick auf den Krieg in Europa folgen

von Ayala Goldmann  26.01.2023

Ernst Grube

Holocaust-Überlebende als Hologramm?

Von »digitalen Gespenstern« ist bisweilen die Rede. Wichtig ist doch vor allem, dass unsere Zeitzeugenberichte auch in der Zukunft weiterhin vermittelt werden können

von Ernst Grube  26.01.2023

Stefan Hensel

Dialog? Nur ohne Juden, bitte

Die Hochschule für bildende Künste Hamburg veranstaltet ein Symposium zur documenta 15, bei dem wichtige jüdische Vertreter fehlen

von Stefan Hensel  24.01.2023

Anna Staroselski

Perspektiven statt Ressentiments

Jugendliche, die in sozial geschwächten Milieus aufwachsen, brauchen die Chance auf echte Teilhabe und sozialen Aufstieg – empathieloser Paternalismus ist kontraproduktiv

von Anna Staroselski  19.01.2023

Toby Axelrod

USA: Konservativen Juden wird es zu viel

Zunehmend fühlen sich auch jüdische Republikaner gezwungen, gegen ihre eigene Partei Stellung zu beziehen

von Toby Axelrod  18.01.2023

Ayala Goldmann

Nach der documenta ist vor der documenta

Dass Claudia Roth »keine koordinierte Verantwortungslosigkeit« auf der documenta mehr möchte, ist zu begrüßen. Aber in Kassel war man offenbar schneller

von Ayala Goldmann  16.01.2023 Aktualisiert

Meinung

Roger Waters und der Antisemitismus in der Festhalle

Benjamin Graumann fordert die Absage des Konzerts in Frankfurt

von Benjamin Graumann  11.01.2023

Micha Neumann

Die Synagoge muss erhalten bleiben!

Der Eigentümer handelt nicht nur gleichgültig gegenüber der Bedeutung des Gebäudes, sondern hat mit seinen vorherigen Provokationen bereits seine eigentliche Gesinnung gezeigt

von Micha Neumann  10.01.2023

Gila Baumöhl

Mehr Frauen in die erste Reihe!

Wie sich die Geschlechtergerechtigkeit in jüdischen Gemeinden und Organisationen verbessern lässt

von Gila Baumöhl  06.01.2023