Meinung

Ethisch und moralisch am Ende

Die Reaktion von Rabbiner Walter Homolka auf das Urteil des Landgerichts Berlin lässt einmal mehr tief blicken

von Philipp Peyman Engel  01.03.2023 11:10 Uhr

Philipp Peyman Engel Foto: Marco Limberg

Die Reaktion von Rabbiner Walter Homolka auf das Urteil des Landgerichts Berlin lässt einmal mehr tief blicken

von Philipp Peyman Engel  01.03.2023 11:10 Uhr

Fast hätte man Mitleid mit Walter Homolka haben können, wie er vergangene Woche vor dem Landgericht Berlin auftrat. Leicht zusammengesackt, introvertiert, beinahe verunsichert, nicht mehr weit entfernt von dem, was man gemeinhin einen »gebrochenen Mann« nennt.

Ganz anders indes präsentierte sich Homolka noch wenige Minuten vor dem Gerichtstermin beim Hineingehen in das Gerichtsgebäude. Selbstbewusst, laut wie eh und je, siegessicher. Walter Homolka ist ganz offensichtlich nicht nur jemand, der im Verdacht steht, jahrelang seine Macht missbraucht und in seinem Arbeitsumfeld ein Klima der Angst erzeugt zu haben, sondern auch ein guter Schauspieler.

UNTERSUCHUNG Im Zwischenbericht einer unabhängigen, groß angelegten Untersuchung wurden gegen den langjährigen Rektor des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam zahlreiche ebenso gut wie plausibel dokumentierte Anschuldigungen erhoben. Der vorläufige Bericht der Kanzlei Gercke Wollschläger, in Auftrag gegeben vom Zentralrat der Juden, liest sich vernichtend. Die Gutachter zeichnen darin nach Befragung von mehr als 70 Personen ein Bild von Homolka, das einen schaudern lässt.

Doch von Einsicht keine Spur. Homolka lässt über seine Anwälte auf Anfrage dieser Zeitung mitteilen, die Definition des Machtmissbrauchs in besagtem Zwischenbericht sei willkürlich und widersprüchlich, überhaupt sei er nur vorläufig. Eine Stellungnahme zu Fragen dieser Zeitung, wie er zum Vorwurf des Machtmissbrauchs und des Erzeugens eines »Klimas der Angst« stehe, sei »nicht möglich«, da sie sich »oberflächlich im Abstrakten« hielten.

MACHTMISSBRAUCH Auf die Klage Homolkas gegen den Zwischenbericht bestätigte das Landgericht Berlin nun in seinem Urteil, dass unter anderem die Äußerungen zum Machtmissbrauch und der Schaffung eines Klimas der Angst zulässig sind. Homolkas Rechtsanwälte kündigen insoweit bereits Rechtsmittel gegen die Entscheidung an, obwohl sie noch gar nicht begründet ist. Lediglich Äußerungen, die den Vorwürfen eine straf- oder ordnungswidrigkeitsrechtliche Relevanz beimaßen, dürfen dem Gericht zufolge nicht mehr artikuliert werden.

Homolka wertet dies als großen Erfolg. Wie bezeichnend! Es zeigt einmal mehr, wie zwischenmenschliche Standards von Walter Homolka mit Füßen getreten werden. Denn über wen weiterhin mit Fug und Recht unter anderem gesagt werden darf, er stehe im Verdacht, systematisch seine Macht missbraucht zu haben, der wurde nicht von einem Gericht entlastet, sondern der ist am Ende – ethisch, moralisch und erst recht als Rabbiner.

Nora Goldenbogen

Widerstand in Sachsen: Auch wir sind gefragt

Die Ergebnisse der Europa- und Kommunalwahlen sind der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung, die schon in den 90er-Jahren begann

von Nora Goldenbogen  14.06.2024

Meinung

Kleines Licht im Dunkeln

Was die Rettungsaktion der vier israelischen Geiseln für das vom Terror geschundene Land und die jüdische Diaspora bedeuten

von Sophie Albers Ben Chamo  08.06.2024

Meinung

Die Teflon-Präsidentin

Geraldine Rauch agiert ebenso irrlichternd wie amoralisch. Wenn es um Juden und Israel geht, ist offenkundig alles erlaubt

von Ralf Balke  07.06.2024

Meinung

Kein Koscher-Stempel für Geraldine Rauch

Warum die TU-Präsidentin nach einem »Like« für einen antisemitischen Tweet endlich zurücktreten sollte

von Ayala Goldmann  05.06.2024 Aktualisiert

Cornelia DʼAmbrosio

Es braucht moralische Klarheit

Offener Dialog kann nur mit denjenigen stattfinden, die verstanden haben, warum die Hamas in Deutschland verboten ist

von Cornelia DʼAmbrosio  05.06.2024

Meinung

Die EU als Ort der Freiheit stärken

Die Europäische Union ist nur so stark, wie wir sie machen. Deshalb sollten wir bei der Europawahl unsere Stimme nutzen

von Josef Schuster  09.06.2024 Aktualisiert

Jacques Abramowicz

Von der Welt im Stich gelassen

Nicht die Palästinenser sind das von der Weltgemeinschaft unfair behandelte Volk, sondern die Kurden

von Jacques Abramowicz  03.06.2024

Nicole Dreyfus

Kafka? - Überschätzt!

Unsere Redakteurin bestreitet das Genie des vielfach Gepriesenen und erklärt, warum sie mit Kafka nichts anfangen kann

von Nicole Dreyfus  02.06.2024

Noam Petri

Ein ungenügendes Statement

Übernehmen Sie Verantwortung, Geraldine Rauch

von Noam Petri  02.06.2024