Igor Matviyets

Eine Entschuldigung wäre das Mindeste

Igor Matviyets Foto: Florian Korb

Innerhalb der jüdischen Community diskutieren wir jährlich, ob das Gedenken am 27. Januar und am 9. November in Form von Parlamentsreden von Holocaust-Überlebenden, dem Hochhalten von Schildern mit der Aufschrift »Nie wieder« oder dem Putzen von Stolpersteinen nicht schon längst zum Ritual geworden ist und keinen relevanten Beitrag mehr zur Bekämpfung des akuten Antisemitismus leistet.

Doch die Ereignisse der vergangenen Tage in Sachsen-Anhalt zeigen, dass selbst diese Pflicht der deutschen Erinnerungskultur nicht selbstverständlich ist. Zuerst sagte der Landtagspräsident Gunnar Schellenberger alle traditionellen Aktivitäten des Landtags für den 27. Januar ab. Seine Begründung war, dass die fast zeitgleiche Bauerndemo die Erinnerung an die Opfer des Holocausts nicht ermögliche.

Aufgrund der deutschlandweiten Empörung, die sich über diese Entscheidung ausbreitete, einigte man sich doch auf eine stille Kranzniederlegung. Das Erinnern des international anerkannten Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus solle an einem beliebigen Datum nachgeholt werden. In der Folge der Debatte wurde die Demonstration der Bauernverbände durch den Landesbauernverband auf den 28. Januar verschoben. Es blieb der Eindruck, dass für den Landtagspräsidenten, die Bauernverbände und die Versammlungsbehörde der Stadt Magdeburg das Ritual des Gedenkens eine nachrangige Bedeutung hat.

Natürlich haben sich jüdische Institutionen mit diesem Skandal befasst und dazu Stellung genommen. In einer Zeit, in der wir in der Unklarheit leben, ob nach den Landtagswahlen in Ostdeutschland zukünftig überhaupt an die Opfer des Holocausts gedacht wird, müssen wir uns um die Haltung der demokratischen Parteien offenbar auch Sorgen machen. Diese Energie braucht unsere Community aber eigentlich viel mehr für den Umgang mit dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland, für die Bewältigung des Traumas vom 7. Oktober, für das Hoffen und Beten für die Freilassung der Geiseln, für das Bangen um unsere Verwandten in Israel. Eine Entschuldigung der verantwortlichen Personen wäre daher das Mindeste.

Der Autor lebte in Halle und ist SPD-Politiker.

Meinung

Bringt Israel die Vereinten Nationen zu Fall?

Die obsessive Fixierung der UN auf den jüdischen Staat steht im Widerspruch zu ihren ursprünglichen Werten. Diese Heuchelei wird der Staatengemeinschaft irgendwann noch zum Verhängnis werden

von Daniel Neumann  30.07.2026

Kommentar

Die Hinrichtungen gehen weiter

Nach der brutalen Niederschlagung der Protestbewegung im Januar setzt das Regime die Exekutionen vor den Augen der Welt fort

von Nila Mozafari  30.07.2026

Meinung

Ein belasteter Ort verlangt Bewusstsein

Belastete Orte wie etwa Hitlers Geburtshaus in Braunau gibt es in Deutschland und Österreich viele. Erinnerung daran bedeutet, ihr in der Gegenwart die richtige Antwort zu geben

von Vladimir Vertlib  29.07.2026

Meinung

Wir müssen darüber sprechen, was der Terror mit dem Islam zu tun hat

Die islamistische Ideologie muss endlich klar und deutlich als solche benannt werden

von Ali Ertan Toprak  29.07.2026

Vladimir Shikhman

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

Meinung

KI: Wie die Welt einmal untergehen könnte

Der Kontrollverlust der Softwarefirma OpenAI über ihr neuestes Modell macht erneut die Notwendigkeit deutlich, KI-Technologie stärker zu regulieren. Dabei geht es um nicht weniger als die Zukunft der Menschheit

von Joshua Schultheis  28.07.2026

Meinung

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Meinung

Die Gefahr des Islamismus endlich ernst nehmen

Nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD reichen Bekundungen der Trauer und Betroffenheit nicht. Es braucht konkretes gesetzgeberisches Handeln, um dem Terror zu begegnen

von Volker Beck  26.07.2026

Meinung

»Glückwunsch« zum Genozid-Vorwurf

Solange die Grüne Jugend einseitig gegen Israel gerichtete Beschlüsse fasst, kann sie kein Partner im Kampf gegen Antisemitismus sein

von Anika Schmütz  26.07.2026