Andrea Kiewel

Ein Weltwunder namens Regen

Andrea Kiewel lebt seit mehreren Jahren in Tel Aviv. Foto: picture alliance / dpa

Die Dinge, in denen Israelis nicht gut sind, kann ich an einer Hand abzählen:

1. Im Flugzeug nach der Landung angeschnallt sitzen bleiben, bis wir die endgültige Parkposition erreicht haben
2. In Reihen/ Schlangen anstehen
3. Das Reißverschlusssystem beim Autofahren, auch bekannt als einfädeln
4. Sich in angemessener Lautstärke unterhalten
5. Kindererziehung

Das mit den Kindern ist eine eigene Geschichte wert, hier soll es um ein Wetterphänomen gehen, welches »Regen« heißt. Also jenes Wasser, welches in Form von Tropfen vom Himmel fällt.

Seit Tagen hat sich das Land auf den kommenden Regen vorbereitet. Es ist Dezember, es regnet immer im Dezember - und dennoch starteten die Wetterberichte und Nachrichtensendungen eine Art Countdown. Als stünde uns der Weltuntergang bevor. Ich glaube sogar, Leute im Supermarkt bei Hamsterkäufen gesehen zu haben …

Seit Ende April gab es keinen Regen mehr, abgesehen von ein paar Tropfen, die wie Küsschen und damit Lichtjahre entfernt von einer echten Knutscherei waren. Ich verstehe ja, dass Regenschirme und Übergangsjacken hier nicht unbedingt zum Leben dazugehören. Aber es ist nun wahrlich nicht zum ersten Mal Dezember, und immer zucken erst Blitze am Himmel, gefolgt von Donner, und dann geht er los, der Regen. Okay, große Tropfen diesmal, aber dennoch einfach nur Regen.

Und wie immer sind augenblicklich alle Gullis verstopft, Wassermassen groß wie die Spree strömen am Straßenrand entlang, Ampeln blinken durchgehend gelb, weil sie das rote und grüne Licht irgendwelcher elektronischen Ausfälle wegen eingebüßt haben, weshalb der ohnehin chaotische Verkehr am Morgen in Tel Aviv komplett zum Erliegen kommt.

Kinder hüpfen in Shorts und bestenfalls mit einem Hoodie bekleidet durch Pfützen und wundern sich, wenn sie zwei Tage später erkältet sind. Erkältung kommt von kalt werden, sagt man in Deutschland. Womit wir wieder bei der Erziehung israelischer Kinder durch deren israelische Eltern wären. Eine never ending story. 

Meine Barbour-Jacke ist wasserabweisend, ich trage Stiefel und einen Regenschirm, der nicht gleich bei der kleinsten Böe den Geist aufgibt. Ich lache und sage dem Hund, er solle sich ruhig Zeit lassen beim Pipi machen. Es riecht so frisch und das Grün der Wiesen strahlt, als sei es das erste Grün jemals. Der Regen rauscht. Keine Sirenen! Kein Raketenalarm! Schon seit acht Wochen nicht. 

Ich liebe den Dezember 2025 in meiner Heimat. Er ist sehr optimistisch, und ich werde das Gefühl nicht los, dass alles Gute möglich ist. Wir müssen hier in Tel Aviv nur die nächsten zwei Tage überstehen.

Prognose: 19 Grad und Schauer. Panik in den Gesichtern meiner Familie. Ein typisch deutscher Sommer für mich.

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