Kommentar

Ein freier Iran wäre kein Risiko für Israel, sondern ein Partner  

Die Polizei in Teheran schützt Aufmärsche von Regime-Unterstützern, geht aber brutal gegen Anti-Regierungs-Protestierer vor. Foto: picture alliance / NurPhoto

Während ich dies schreibe, werden in Iran Verletzte aus Krankenhäusern gezerrt. Menschen werden auf offener Straße hingerichtet, die Zahl der Toten steigt. Was wir erleben, ist kein Protest. Es ist eine nationale Revolution. Die Menschen in Iran wissen, dass es um alles geht. Nachts schlagen sie auf Mülltonnen, schalten das Licht ihrer Handys ein und versuchen verzweifelt, ihre Stimmen durch die Dunkelheit nach außen zu tragen.

Die Antwort der Islamischen Republik folgt einem bekannten Muster: erst Beschwichtigungen, dann Drohungen und Schuldzuweisungen an angebliche »ausländische Provokateure« und schließlich Abschottung und Massaker an der Zivilbevölkerung. Wurden die Leichen der Getöteten in der Vergangenheit noch vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen, sind die wenigen Bilder, die das Regime nach herauslässt, die Bilder der Toten. Gewalt und Unterdrückung sind alles, was dem Regime noch bleiben. Als nächstes folgen Massenverhaftungen – und schließlich Hinrichtungen.

Wer aus sicherer Entfernung darüber diskutiert, ob diese Revolution »legitim« sei, sollte sich fragen, ob er eine Woche unter Folter, Angst und völliger Willkür leben könnte. Fast fünfzig Jahre Diktatur haben Armut, Umweltzerstörung, Hoffnungslosigkeit und ein kollektives Trauma hinterlassen.

Lauwarme Aufrufe

Dass nach dem 7. Oktober die Flagge mit Löwe und Sonne, dem eigentlichen Nationalsymbol Irans, immer wieder neben der israelischen Flagge zu sehen war, ist kein Zufall. Schon zuvor wurde auf Demonstrationen für »Frau, Leben, Freiheit!« die israelische Flagge gezeigt – lange bevor dieser Slogan von Aktivisten vereinnahmt und entleert wurde. Es ist Ausdruck einer gemeinsamen Wertschätzung von Leben und Freiheit und einer klaren Ablehnung des mörderischen islamistischen Regimes in Teheran.

Lesen Sie auch

Leider teilen Iraner und Israelis neben ihrer lebensbejahenden und freiheitsliebenden Einstellung auch die Erfahrung mangelnder Solidarität der deutschen Öffentlichkeit. Auf den Straßen bleibt es seltsam still, nachdem Islamisten Zivilisten ermorden. Man stelle sich vor, die Rufe der mutigen Iraner nach einer ausländischen Intervention würden erhört - die Straßen füllten sich schnell mit »Stimmen für den gerechten Frieden«, Anti-Imperialisten und sonstigen Bekannten.

Aber auch Politik und Medien versagen. Bis heute sind die Revolutionsgarden nicht als Terrororganisation eingestuft und außer lauwarmen Aufrufen zur »Mäßigung« erfolgt keine Reaktion. Gleichzeitig erhalten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk regelmäßig Stimmen Raum, die dem bestehenden System nahestehen oder seine Spaltungsnarrative reproduzieren, während Vertreter der breiten nationalen Bewegung marginalisiert werden. Das verzerrt die Realität – und raubt den mutigen Menschen in Iran ihre Stimme.

Falsche Neutralität

Die Menschen dort kämpfen nicht nur gegen ein mafiöses Regime, sondern gegen einen religiösen Extremismus, dessen Folgen längst auch Europa erreicht haben. Für viele Iranerinnen und Iraner ist der Islam keine »Phobie«, sondern ein kollektives Trauma. Ihr Leben ist kein Experimentierfeld für gescheiterte Ideologien, keine Projektionsfläche für politische Selbstsuche.

Ein freier und säkularer Iran wäre kein Risiko, sondern ein Partner – auch für Deutschland und Israel. Die Geschichte wird festhalten, wer in diesen Tagen geschwiegen hat und wer geholfen hat. Und die Iranerinnen und Iraner werden nicht vergessen, wer auf ihrer Seite stand.

Die Zeit für moralische Distanz oder falsche Neutralität ist längst vorbei. Jetzt ist die Zeit, hinzusehen, zuzuhören und Partei zu ergreifen. Es ist Zeit zum »ausländischen Provokateur« zu werden, es ist Zeit die Stimme des iranischen Volkes zu hören, seinen Ruf nach Leben und Freiheit.

Meinung

Danke, Boy George!

Wie die 80er-Jahre-Ikone gegen alle Widerstände für Israel eintritt, verdient unseren Dank

von Sophie Albers Ben Chamo  05.08.2026

Kommentar

Politische Pünktchensammler

Ewig bewegte Palästina-Aktivisten wie Javier Bardem und israelische Politiker nutzen den Massenansturm auf Ceuta für politisch unwürdige Spielchen

von Nils Kottmann  04.08.2026

Kommentar

Sánchez’ alter, antisemitischer Trick

Wer trägt die Verantwortung für die jüngste Katastrophe in Ceuta? Ausnahmsweise wohl nicht »die Zionisten«

von Rafael Seligmann  02.08.2026

Meinung

Die Vereinten Nationen und ihre obsessive Fixierung auf den jüdischen Staat

Warum der Staatengemeinschaft ihre Heuchelei und Doppelmoral eher früher als später zum Verhängnis werden wird

von Daniel Neumann  01.08.2026

Kommentar

Die Hinrichtungen gehen weiter

Nach der brutalen Niederschlagung der Protestbewegung im Januar setzt das iranische Regime die Exekutionen vor den Augen der Welt fort

von Nila Mozafari  30.07.2026

Meinung

Ein belasteter Ort verlangt Bewusstsein

Belastete Orte wie etwa Hitlers Geburtshaus in Braunau gibt es in Deutschland und Österreich viele. Erinnerung daran bedeutet, ihr in der Gegenwart die richtige Antwort zu geben

von Vladimir Vertlib  29.07.2026

Meinung

Wir müssen darüber sprechen, was der Terror mit dem Islam zu tun hat

Die islamistische Ideologie muss endlich klar und deutlich als solche benannt werden

von Ali Ertan Toprak  29.07.2026

Vladimir Shikhman

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

Meinung

KI: Wie die Welt einmal untergehen könnte

Der Kontrollverlust der Softwarefirma OpenAI über ihr neuestes Modell macht erneut die Notwendigkeit deutlich, KI-Technologie stärker zu regulieren. Dabei geht es um nicht weniger als die Zukunft der Menschheit

von Joshua Schultheis  28.07.2026