Meinung

Wenn deutsche Linke jüdische Selbstbestimmung ablehnen

»Welt«-Redakteur Frederik Schindler Foto: privat

Meinung

Wenn deutsche Linke jüdische Selbstbestimmung ablehnen

In einer Resolution delegitimiert die Linksjugend Israel als koloniales, rassistisches Projekt. Dabei ist der Staat der Juden nicht zuletzt eine Konsequenz aus den Verbrechen der Deutschen im Nationalsozialismus

von Frederik Schindler  06.11.2025 12:26 Uhr

Der Ausspruch »Nie wieder« ist mit den Lehren aus der nationalsozialistischen Judenvernichtung verbunden. Die Jugendorganisation der Linkspartei hat nun einen Antrag mit dem Titel »Nie wieder zu einem Völkermord schweigen« beschlossen. Darin wird fälschlicherweise nicht nur von der »Vernichtung des palästinensischen Volkes« durch Israel gesprochen, sondern auch vom »kolonialen und rassistischen Charakter des israelischen Staatsprojekts« – »von seinen Anfängen bis heute«.

Die Gründung des Judenstaats, nicht zuletzt eine Konsequenz aus den Verbrechen der Deutschen, halten nicht wenige deutsche Linke also selbst für ein Verbrechen. Sie brandmarken die jüdische Emanzipationsbewegung, den Zionismus, als rassistisch. Nach Auschwitz hätte jeder Zweifel am jüdischen Selbstbestimmungsrecht eigentlich verstummen müssen – doch er hallt ausgerechnet auch in den Reihen derer nach, die sich als antifaschistisch verstehen.

Die Entstehung des Zionismus war eine Antwort auf Entrechtung und antisemitische Pogrome. Die Schoa bestätigte die zionistische Grundthese: dass Juden ohne eigenen Staat nicht sicher sein würden. Wer heute den jüdischen Staat als »rassistisch« oder »imperialistisch« verunglimpft, verkennt, dass er aus dem Scheitern der Weltgemeinschaft hervorgegangen ist, Juden zu schützen. 

In großen Teilen der Partei gehört Israelfeindschaft zum guten Ton.

Die Mehrheit der Linksjugend jedoch will die Fähigkeit der Juden zur Selbstverteidigung nicht als legitime Konsequenz jüdischer Geschichte anerkennen. Sie macht israelische Soldaten implizit zu nationalsozialistischen Tätern, dämonisiert damit erstere und verharmlost letztere. Eine neu gewählte Bundessprecherin der Linksjugend macht das sogar explizit, wenn sie in einem mittlerweile gelöschten Video vom »Holocaust« in Gaza spricht. Mit einer legitimen Kritik an der Kriegsführung eines israelischen Ministerpräsidenten, der mit Rechtsextremen zusammenarbeitet, hat das nichts zu tun. Es ist NS-Verharmlosung in Reinform.

Die »Befreiung Palästinas« müsse »als Teil einer breiteren demokratischen und sozialistischen Revolution betrachtet werden, die den Imperialismus und Kapitalismus aus der Region herauswirft«, heißt es in dem hetzerischen Linksjugend-Beschluss weiter. Gemeint ist Israel. Der Beschluss richtet sich damit gegen die Existenz des jüdischen und demokratischen Staates. Er ist ein eindeutiges Beispiel für antizionistischen Antisemitismus, den es innerhalb der politischen Linken schon seit Jahrzehnten gibt und der sich seit dem 7. Oktober 2023 stark radikalisiert hat. 

Die genozidale Vernichtungsaktion von diesem Tag findet in dem Beschluss keinerlei Erwähnung. Dafür fordert die Linke-Parteijugend darin die Unterstützung »sozialistischer« und »revolutionärer Bewegungen in der Region« – und ignoriert geflissentlich, dass sich ihre marxistisch-leninistischen Gesinnungsgenossen vor Ort längst der islamistischen Hamas unterworfen haben, mit dieser im Kampf gegen den »Fremdkörper Israel« zusammenarbeiten und selbst Terroranschläge gegen israelische Zivilisten verüben. 

Lesen Sie auch

Aus der Linkspartei waren auf Anfrage der »Welt« immerhin kritische Stimmen zur eigenen Jugend zu hören. Klar ist jedoch, dass auch in großen Teilen der Partei Israelfeindschaft zum guten Ton gehört. Mehrere Landtagsabgeordnete aus Berlin und Sachsen-Anhalt, die sich einer entschiedenen Kritik jeder Spielart des Antisemitismus sowie einer Solidarität mit Israel als Schutzraum für Juden und Staat der Holocaust-Überlebenden und ihrer Nachkommen verschrieben und sich dabei immer wieder auch mit den eigenen Leuten angelegt hatten, haben die Partei im vergangenen Jahr verlassen. 

Die verbliebenen antisemitismuskritischen und israelsolidarischen Kräfte wurden dadurch bedeutend geschwächt. Mit der Gründung einer Bundesarbeitsgemeinschaft »Shalom« versuchen sie nun, dem Wiederaufleben des antizionistischen Antiimperialismus Einhalt zu gebieten. Dem Vorhaben kann nur viel Erfolg gewünscht werden. Allerdings sieht derzeit leider alles danach aus, dass eine weitere Marginalisierung dieses Spektrums innerhalb der Linken kaum abgewendet werden kann. 

Der Autor ist Politik-Redakteur der »Welt« und »Welt am Sonntag«.

Meinung

KI-Warnung: ehrlich oder eigennützig?

Wenn Künstliche Intelligenz wirklich so gefährlich zu werden droht, wäre nicht freiwillige Zurückhaltung, sondern internationale Kontrolle die richtige Antwort

von Elke Wittich  27.09.2026

Meinung

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismus-Leugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität. Ein Kommentar von JA-Schweiz-Korrespondentin Nicole Dreyfus

von Nicole Dreyfus  25.09.2026

Kommentar

Sprecht mit uns. Nehmt uns ernst

Herr Ramelow, die jüdische Gemeinschaft, die vor Judenhass warnt, ist nicht das Problem. Antisemitismus ist das Problem - insbesondere in Ihrer Partei

von Avitall Gerstetter  24.09.2026

Glosse

Ein Clan-Chef als Antisemitismusbeauftragter!

Warum Issa Remmo der »Linken« offiziell Persilscheine ausstellen und Arafat Abou-Chaker neuer Polizeipräsident in Berlin werden sollte

von Ayala Goldmann  22.09.2026

Kommentar

Schwesigs Erfolg: Wie man die AfD im Zaum halten kann

Manuela Schwesig hat gezeigt, wie man dem Populismus der Rechtsextremen begegnen kann. Das ist nicht nur eine gute Nachricht für die SPD, sondern für alle Demokraten

von Michael Thaidigsmann  22.09.2026

Meinung

Berlin bekommt, was es verdient!

Ein Kommentar von Chefredakteur Philipp Peyman Engel zum Erdrutschsieg der Linkspartei in der Hauptstadt

von Philipp Peyman Engel  20.09.2026

Essay

Wo ist mein Berlin, in dem es keinen Hass auf Juden mehr geben sollte?

Unsere Gastautorin Dorothea Schupelius warnt vor der unheiligen Allianz der Linkspartei mit radikalen Muslimen - und vermisst das Berlin, in dem sie aufgewachsen ist

von Dorothea Schupelius  20.09.2026

Es braucht eine Brandmauer gegen die Linkspartei

Wenn Rassismus von rechts für Regierungsverantwortung disqualifiziert – warum sollte Antisemitismus von links weniger schwer wiegen?

von Nelly Eliasberg  20.09.2026 Aktualisiert