Meinung

Die Kälte der »Sozialreform«

Günter Jek Foto: Gregor Matthias Zielke

Meinung

Die Kälte der »Sozialreform«

Für die Haushaltslücken lässt die Bundesregierung wieder einmal die Schwächsten der Gesellschaft büßen. Jüdische Rentnerinnen und Rentner werden besonders hart getroffen

von Günter Jek  26.10.2025 08:23 Uhr

Wer kennt es nicht? Kaum wird es kälter, ziehen wir unsere zu kleine Decke verzweifelt von einer Seite zur anderen und schaffen es nicht, komplett im Warmen zu liegen. Ähnlich geht es gerade der Bundesregierung. Trotz historischer Schuldenaufnahme fehlt Geld für den laufenden Haushalt. Und wie stets in solchen Lagen heißt die erhoffte Lösung »Sozialreform«. Die, die im Kalten liegen, sollen zum Wohle aller ein wenig mehr frieren. Steuerfinanzierte Leistungen wie Bürgergeld, Wohngeld und Kinderzuschlag will die Bundesregierung effizienter, bürgerfreundlicher und digitaler gestalten – angeblich, ohne das soziale Schutzniveau zu gefährden.

Für die Rentnerinnen und Rentner, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind, ist diese Behauptung bereits widerlegt, da die Bedarfssätze 2026 nicht steigen werden. Wegen der Inflation bedeutet das real eine Leistungskürzung, die Menschen mit niedrigen Renten besonders spüren werden. Überproportional in dieser Gruppe vertreten sind die jüdischen Kontingentflüchtlinge, die zu über 90 Prozent auf ergänzende Sozialleistungen zur Rente angewiesen sind.

Einmalige Zahlungen aus dem Härtefallfonds haben die strukturellen Probleme jüdischer Altersarmut nicht kompensiert.

Die beabsichtigte Verschärfung der Nachweispflichten, die Reduzierung der Wohnkostenübernahme und strengere Vermögensanrechnung werden vor allem diejenigen hart treffen, die kaum familiäre Unterstützungsnetze haben und unter Sprachbarrieren leiden. Dasselbe gilt für die erleichterte Sanktionspraxis, die künftig für alle Grundsicherungsempfänger vorgesehen ist.

Einmalige Zahlungen aus dem Härtefallfonds, dessen Mittel nur zur Hälfte ausgeschüttet wurden, haben die strukturellen Probleme jüdischer Altersarmut nicht kompensiert. Solange keine nachhaltigen Maßnahmen wie Rentenanrechnung aus dem Herkunftsland, eine Lösung im Rentenrecht oder wiederkehrende Kompensationszahlungen etabliert werden, trifft die Sozialstaatsreform jüdische Kontingentflüchtlinge überproportional stark und verstärkt deren Ausgrenzung.

Der Autor ist Leiter des Berliner Büros der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST).

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität. Ein Kommentar von JA-Schweiz-Korrespondentin Nicole Dreyfus

von Nicole Dreyfus  16.08.2026

Essay

Politische und moralische Bankrotterklärung

Die Literaturkritikerin Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten. Trotzdem wurde sie in die Jury des renommierten Deutschen Buchpreises berufen

von Daniel Neumann  15.08.2026

Meinung

Brennende Moscheen: Moralische Klarheit bei Siedlergewalt

Die Stimme gegen Gewalt, die im Namen des jüdischen Volkes ausgeübt wird, muss ebenso klar und deutlich vernehmbar sein wie gegen die Gewalt, die sich gegen uns richtet

von Rabbiner Pinchas Goldschmidt  14.08.2026

Meinung

AfD als Sicherheitsrisiko

Es ist die Pflicht jedes Einzelnen, unsere Verfassung zu verteidigen und ein Überprüfungsverfahren anzustrengen. Verbieten kann nur unser freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat

von Roderich Kiesewetter  13.08.2026

Meinung

Warum die Begründung des OLG Zweibrücken nicht überzeugt

Der Beschluss des Pfälzischen Oberlandesgerichts zur Gleichsetzung von Davidstern und Hakenkreuz zeigt, wie die bestehende Dogmatik angesichts des Anstiegs des Antisemitismus in der Gesellschaft an Grenzen stößt

 12.08.2026

Kommentar

UNRWA: Fakten statt Tabus

Warum Kritik am Palästinenserhilfswerk auf Schweigen und Ablehnung stößt

von Duki Dror  12.08.2026

Georg Restle

Medien

Geglaubt und geteilt

»Antisemitismus«, definierte Adorno, sei »das Gerücht über Juden«. Was ist dann dessen Verbreitung? Die ARD muss sich einer längst fälligen Debatte stellen

von Esther Schapira  11.08.2026

Medien

Wo steckt die palästinensische Opposition?

Zwei taz-Essays erzählen eindringlich von palästinensischer und muslimischer Entfremdung in Deutschland. Sie lassen zugleich einen entscheidenden blinden Fleck im Nahostkonflikts unerwähnt

von Leeor Engländer  10.08.2026

Meinung

Wie Georg Restle die Glaubwürdigkeit des ÖRR untergräbt

Nach dem X-Post des Journalisten hat sich Felix Schotland, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, an WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk gewandt. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut

von Felix Schotland  07.08.2026