Andreas Nachama

Der 9. November sollte ein Lerntag sein

Rabbiner Andreas Nachama Foto: Gregor Zielke

Der 9. November 1918: Deutschland ist in schier auswegloser militärischer Lage. Als Voraussetzung für einen Waffenstillstand fordert Woodrow Wilson, der amerikanische Präsident, die Abdankung von Wilhelm II. Kurz danach ruft der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die Republik aus. Die darauf folgende Proklamation einer Sozialistischen Republik durch Karl Liebknecht bleibt erfolglos.

Die neue Regierung war nicht besonders erfolgreich beim Aushandeln des Friedensvertrages: sechs Milliarden Reichsmark Reparation, drastische Reduzierung der Armee auf 100.000 Mann, Verzicht auf sämtliche Kolonien, früheres Reichsgebiet gehört zu Polen, das Saarland ist abgetrennt, das Rheinland entmilitarisiert.

REPUBLIK Die Weimarer Republik wurde schon bald »November-Republik« tituliert – wegen der Folgen des 9. November 1918, aber auch, weil der November mit dunkler Jahreszeit negativ konnotiert ist. Separatistische Splittergruppen bildeten sich, am 9. November 1923 – fünf Jahre nach der Revolution – versuchten diese Kreise, in München eine »nationale Regierung« zu proklamieren.

Doch der Putschversuch schlug fehl, ihr Marsch auf die Feldherrenhalle wurde von der Polizei gestoppt, der Clochard von Wien und spätere sogenannte Führer wurden bald verhaftet. Sie kamen unter sehr komfortablen Bedingungen in Landsberg in Haft. In der Nazipartei galten sie später als die »alten Kämpfer«. Der verlorene Aufstand von 1923 wurde zum Mythos der NS-Bewegung.

POGROME 15 Jahre später: Ab 28. Oktober 1938 wurden 20.000 vermeintlich polnischstämmige Juden gezwungen, über die polnische Grenze zu gehen. Polen akzeptierten die aus dem Reich abgeschobenen Juden nicht. So mussten diese Menschen in Baracken oder sogar unter freiem Himmel im Niemandsland kampieren. Um die Welt auf dieses Elend aufmerksam zu machen, schoss der 17-jährige Jude Herschel Grynszpan am 7. November in Paris auf ein Mitglied des diplomatischen Korps von Deutschland und verletzte es schwer.

Als sich am Abend des 9. November 1938 die NS-Führungsclique zum Gedenken an die »alten Kämpfer« im Alten Rathaus in München zu einem Besäufnis traf, kam die Nachricht, dass der Diplomat seinen Verletzungen erlegen war. Dies wurde dann als willkommener Anlass gesehen, einen deutschlandweiten »spontanen Ausbruch des Volkszornes« anzuordnen.

Der Ablauf war aber schon am 7. und 8. November in Kassel geprobt worden, wo die Synagoge und jüdische Wohnungen generalstabsmäßig zerstört worden waren. Die Gestapo ordnete die Festnahme von mehreren Zehntausend Juden an. Am Ende wurden mehr als 1300 Synagogen und 7500 Geschäfte durch Brandstiftung und Vandalismus zerstört, 17.000 Personen festgenommen und in Konzentrationslager wie Sachsenhausen oder Buchenwald verbracht und mehrere Hundert Menschen bei den Ausschreitungen ermordet.

MAUERFALL Das könnte man wissen, die Details sind aber wenig bekannt. Noch unbekannter ist der 9. November 1918, der zur ersten deutschen Republik mit einer freiheitlichen Verfassung führte. In aller Munde hingegen ist der Abend des 9. November 1989, an dem die Reisefreiheit der DDR-Bürger proklamiert wurde und innerhalb weniger Stunden die Grenzen gestürmt wurden. In dieser Nacht fiel die am 13. August 1961 eingerichtete Abzäunung der DDR.

Was hat die jüdische Gemeinschaft aus dem Gedenken an die »Kristallnacht« und ihre Opfer gemacht? Sie hat wie immer in ihrer Geschichte Geschehenes in lehrende Rituale und Texte eingeordnet. Aus der Versklavung in Ägypten wurde: »Vergiss nicht, dass du ein Fremdling im Ägypterland warst.« Aus dem Angriff des bösen Amalek wurde: »Erinnere dich, was Amalek dir angetan hat.« Aus der Zerstörung des Tempels wurde ein Fasttag. Aus dem Gedenken an die Opfer der »Kristallnacht« wurde: »Vergiss nicht!«

lehren Geschichte ist immer Konstruktion aus der Jetztzeit. Nicht vergessen, heißt zu wissen, woher man kommt, und dass man nicht zurückgeht. Aber mit dem Erinnern ist es nicht immer einfach, denn es gibt auch rückwärtsgewandtes, fundamentalistisches Erinnern, beispielsweise an die ach so wirksamen Wunderwaffen der Wehrmacht. Dieser Fundamentalismus beruft sich auf Vergangenheiten, die es nicht gegeben hat, und verklärt diese. Geschichte als Lernziel zeigt jedoch Vergangenheit, um nicht in sie zurückzufallen, sondern aus ihr zu lernen.

Der 9. November sollte Lerntag für die Geschichte des 20. Jahrhunderts sein. Vom autoritären Kaiserreich zur Weimarer Demokratie in einer Republik, vom zerstörerischen gewaltsamen Nationalsozialismus zur friedlichen Grenzöffnung: Wir Juden gehen erinnernd voran, wohl wissend, woher wir kommen. Da sind wir nicht allein, aber doch noch immer nicht genug.

Der Autor leitet die Stiftung Topographie des Terrors in Berlin und ist Rabbiner der Synagoge Sukkat Schalom.

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