Meinung

Das selektive Schweigen und Reden der Annalena Baerbock

Eigentlich dachte ich, die geschäftsführende Außenministerin äußere sich nicht mehr zu aktuellen außenpolitischen Fragen, da sie Rücksicht auf die kommende Regierung nehmen wollte.

Sie schwieg diese Woche zur Äußerung Erdogans über die Vernichtung Israels. »Möge Allah das zionistische Israel zerstören«, hatte der türkische Präsident während des Salat al-Eid-Gebets zum Ende des Festes des Fastenbrechens in einer Moschee in Istanbul gesagt. Aus Berlin war dazu kein Wort zu hören.

Die Einbestellung des türkischen Botschafters wäre eigentlich das Mindeste gewesen, um Ankara unmissverständlich klarzumachen, dass Angriffe auf Israels Existenz nicht toleriert werden. Was soll die Staatsräson denn sonst bedeuten, wenn selbst Vernichtungsdrohungen gegen Israel unbeantwortet bleiben?

Abstimmungsprobleme mit der potenziell künftigen Koalition können hier kaum der Grund für das Schweige sein, denn der mutmaßliche künftige Kanzler hat sich klar an die Seite Israels gestellt.

Sie schwieg diese Woche zur Diskussion über die Verlängerung von Albaneses Amtszeit. In Deutschland und Frankreich haben Abgeordnete ihre Regierungen dazu aufgerufen, sich gegen eine Verlängerung des Mandats der UN-Sonderberichterstatterin Albanese auszusprechen. Die USA haben sich bereits entsprechend geäußert.

Die Bundesregierung hat inakzeptable Äußerungen der UN-Sonderberichterstatterin sowie ihre antisemitischen und antiisraelischen Positionen in der Vergangenheit immer wieder kritisiert. Doch jetzt, wo es darum geht, Stellung zur Verlängerung ihres Mandats zu beziehen, schweigt die Außenministerin.

Direkter Affront

Am Donnerstag hat Frau Baerbock jedoch gezeigt, dass sie nicht verstummt ist und ihre Stimme wiedergefunden hat. Am Rande des NATO-Außenministertreffens in Brüssel kommentierte sie die Ankündigung Ungarns, Netanyahu nicht festzunehmen und den Internationalen Strafgerichtshof zu verlassen.

Lesen Sie auch

»Das ist ein schlechter Tag für das Völkerstrafrecht«, sagte sie. »In Europa steht niemand über dem Recht, und das gilt für alle Bereiche des Rechts.« Diese Äußerung wirkt wie ein direkter Affront gegenüber Friedrich Merz und dessen Einladung an Netanjahu – ein Umstand, der Baerbocks bisheriges Schweigen in einem neuen Licht erscheinen lässt. Eines steht fest: Mit dem Ende ihrer Amtszeit verliert Israel keine Freundin unter den Außenministern.

Es steht außer Frage, dass die Schwächung des Internationalen Strafgerichtshofs eine besorgniserregende Entwicklung darstellt. Mit seiner Einrichtung verband sich die Hoffnung, dass durch die Macht des Rechts Konflikte entschärft und eingedämmt werden könnten. Doch indem sich der Gerichtshof über den Geist und die Grundlagen seines eigenen Statuts hinwegsetzt, wird diese Idee nun geschwächt.

Leichtfertige Missachtung

Der Gerichtshof und sein Chefankläger haben einen zentralen Mechanismus des Rom-Statuts ignoriert. Nach dessen Grundprinzipien ist der Gerichtshof nur dann zuständig, wenn nationale Justizbehörden entweder nicht willens oder nicht in der Lage sind, die im Statut definierten Verbrechen zu verfolgen. Eine solche Feststellung zu treffen, erscheint zum jetzigen Zeitpunkt für Israel verfrüht.

Israel scheut sich nicht vor strafrechtlicher Verfolgung seiner Regierungsmitglieder – Netanjahu steht wegen Korruptionsverdachts vor Gericht – und zahlreiche Ermittlungsverfahren wurden wegen möglicher Rechtsverletzungen durch IDF-Angehörige im Gazakrieg eröffnet.

Wenn der Internationale Strafgerichtshof selbst seine eigenen Statuten so leichtfertig missachtet, müssen wir auch ernsthaft über unser Verhältnis zu dieser Institution nachdenken. So nassforsch wie Baerbock am Donnerstag kann man gerade nicht reden, wenn einem das Völkerrecht etwas wert ist.

Der Gerichtshof sollte sich auf seine Grundlagen besinnen. Denn er wird noch gebraucht. Gegen Herrscher, die ihre Nachbarn überfallen und vorsätzlich massakrieren, wie Putin die Ukraine. Autorität durch Konzentration. Daran hätte am Donnerstag jemand erinnern sollen, wenn er aus dem Völkerrecht zu kommen meint.

Der Autor ist Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Meinung

Die Gefahr des Islamismus endlich ernst nehmen

Nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD reichen Bekundungen der Trauer und Betroffenheit nicht. Es braucht konkretes gesetzgeberisches Handeln, um dem Terror zu begegnen

von Volker Beck  26.07.2026

Meinung

»Glückwunsch« zum Genozid-Vorwurf

Solange die Grüne Jugend einseitig gegen Israel gerichtete Beschlüsse fasst, kann sie kein Partner im Kampf gegen Antisemitismus sein

von Anika Schmütz  26.07.2026

Meinung

Bringt Israel die Vereinten Nationen zu Fall?

Die obsessive Fixierung der UN auf den jüdischen Staat steht im Widerspruch zu ihren ursprünglichen Werten. Diese Heuchelei wird der Staatengemeinschaft irgendwann noch zum Verhängnis werden

von Daniel Neumann  26.07.2026

Meinung

Wo ist der Geist von Sarajevo?

Auch in Deutschland rufen Vertreter der bosnischen Diaspora zunehmend nach harten Sanktionen gegen Israel und scheuen den Dialog mit den jüdischen Gemeinden hier. Das war schon einmal anders

von Marc Simon  24.07.2026

Meinung

Notbremse gegen Antisemitismus

Die Hochschulleitungen müssen den Judenhass ihrer Mitarbeiter und Studierenden als das ernst nehmen, was er ist: eine Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland

von Debora Eller  22.07.2026

Meinung

Herr Kretschmer, es gibt nichts mit der AfD zu bereden!

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer stellt einmal mehr die Brandmauer in Frage und will »mit jedem reden, der reden will«. Doch reden muss man allenfalls mit den Wählern der AfD

von Michael Thaidigsmann  22.07.2026

Meinung

Es reicht!

Im Angesicht der brutalen und mutmaßlich antisemitisch motivierten Gewalttat bei Würzburg muss endlich über Verantwortlichkeiten geredet werden

von Volker Beck  22.07.2026

Meinung

Ist der neue jüdische Außenminister nur ein Feigenblatt?

Großbritanniens neuer Premier Andy Burnham hat Ed Miliband zum Außenminister ernannt. Dass nun ein jüdischer Politiker für die Nahostpolitik zuständig ist, könnte auch ein Feigenblatt sein

von Michael Thaidigsmann  21.07.2026

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  18.07.2026 Aktualisiert