Essay

Chanukka und wenig Hoffnung

Leeor Engländer

Essay

Chanukka und wenig Hoffnung

Das hoffnungsvolle Leuchten der Menorah steht vor dem düsteren Hintergrund der Judenverfolgung - auch heute wieder

von Leeor Engländer  21.12.2025 10:13 Uhr

Chanukka ist kein biblischer Feiertag, er ist historisch begründet. Das Chanukkafest erinnert daran, wie König Antiochos IV. im zweiten Jahrhundert vor Christus versuchte, das Judentum in Judäa zu unterdrücken und auszulöschen. Er verbot jüdische religiöse Praktiken und entweihte den Tempel in Jerusalem.

Doch jüdische Gruppen unter der Führung der Makkabäer wehrten sich gegen die Fremdherrschaft. Ihr Aufstand war erfolgreich. Die Juden eroberten ihre Heimat zurück und weihten im Jahr 164 v. Chr. ihr Heiligtum, den Tempel in Jerusalem, erneut ein. Seit über zwei Jahrtausenden erinnern Juden sich an dieses Ereignis. Ein Freudenfest! Chanukka markiert einen frühen, historisch belegten Moment jüdischer Selbstbehauptung gegen Verfolgung, religiöse Auslöschung und Fremdbestimmung.

Man sollte sich zwischen all den Riten und Traditionen während des Chanukka Festes daran erinnern, dass dieses 2000 Jahre alte und heute religiös geprägte Fest einmal so zeitgenössisch war, wie etwa der Gedenktag zur Befreiung von Auschwitz, der Jom HaShoa und der Jom HaAzmaut, der Feiertag zu Erinnerung an die Gründung des Staates Israel oder wie das Gedenken an die Opfer der Massaker des 7. Oktober 2023. So wie Juden Chanukka feiern, werden sie auch diese Erinnerungstage in 2000 Jahren noch begehen – wenn die heutigen Antisemiten sie nicht gänzlich daran hindern.

Zeichen der Hoffnung

Im Gegensatz zu den meisten Gedenk- und Feiertagen im Judentum, ist Chanukka ein Fest der Freude und Zuversicht. Insbesondere in düsteren Zeiten strahlte das Chanukka-Licht für die Juden während tiefster Trauer und Besorgnis als Zeichen der Hoffnung umso heller, als Zeichen dafür, dass nach Hass, Vertreibung, Zerstörung und Mord auch wieder glückliche Tage kommen. Doch dieses hoffnungsvolle Leuchten steht nun mal vor dem düsteren Hintergrund der Judenverfolgung.

Die Chanukka-Geschichte zeugt davon, dass eben schon vor über 2000 Jahren versucht wurde, Juden dauerhaft aus ihrer Heimat zu vertreiben und das Judentum auszulöschen. Von da an wiederholte sich dieses Muster, geografisch zwar verschieden, strukturell aber immer gleich: Im Jahr 70 n. Chr. in Judäa, die Zerstörung Jerusalems durch das Römische Reich,135 n. Chr. die Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstands und die systematische Vertreibung der Juden aus ihrer historischen Heimat, der Beginn der Diaspora.

Es folgten in Spanien, nach einer Blütezeit unter muslimischer Herrschaft, Pogrome, Zwangstaufen und schließlich die Vertreibung aller Juden durch das Alhambra-Edikt im Jahr 1492. Danach in Mittel- und Osteuropa: Pogrome im Mittelalter, Massaker während der Kreuzzüge, Entrechtung in Ghettos, Pogromwellen im Zarenreich im 19. Jahrhundert. Und schließlich von Deutschland ausgehend im 20. Jahrhundert die industrielle Vernichtung von sechs Millionen europäische Juden. Überall und stets das gleiche Muster: Duldung auf Zeit, dann Ausgrenzung, dann Gewalt, dann Vertreibung und schließlich Mord.

Moralische Gesellschaftsbrüche

All diese Gewaltexzesse und moralischen Gesellschaftsbrüche geschahen nie zufällig, nie spontan. Sie folgten immer einer ideologischen Vorbereitung, begleitet und angeblich gerechtfertigt durch Verschwörungsnarrative. Zunächst religiös begründet, Juden galten als Feinde des Christentums. Sie wurden deshalb dämonisiert und verfolgt. Später waren es kulturelle Vorwände.

Juden wurden als fremd, übermäßig erfolgreich, moralisch verdorben und daher gesellschaftlich gefährlich dargestellt. Und im 19. und 20. Jahrhundert schließlich rassisch, die Juden als angeblich minder- oder überlegene »Rasse«, als Bedrohung für Nationen, als Drahtzieher eines »Weltfinanzjudentums« oder einer globalen Verschwörung. Diese Narrative waren Lügen. Das ist historisch belegt und heute unter zivilisierten Menschen unstrittig. Doch sie kosteten im Verlauf der Jahrhunderte Millionen von Juden das Leben.

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Auch in unserer Zeit sind es wieder Lügen und Gerüchte über Juden, die Juden gefährden und töten. Behauptungen wie, Juden würden einen Genozid an den Palästinenser betreiben, Juden ließen absichtlich Kinder in Gaza verhungern, Juden seien böse, weiße Kolonialisierer, Juden betreiben einen Apartheidsstaat oder Juden stellten eine Bedrohung für den Weltfrieden dar, folgen derselben Logik der Dämonisierung wie in früheren Jahrhunderten.

Zeitgenössische Varianten

Es sind zeitgenössische Varianten eines alten antisemitischen Musters. Die Kanäle und Mittel, über die diese Lügen und die Gewaltaufrufe gegen Juden vorbereitet werden, unterscheiden sich kaum von früher: Was einst von Kanzeln, Pamphleten oder Hetzschriften ausging, findet sich auch heute in Moscheen und Kirchen, in Nachrichtensendungen und vor allem in den Dynamiken sozialer Medien wieder.

Juden lebten nicht gelegentlich in Angst. Angst ist der historische Normalzustand jüdischer Existenz. Die letzten etwa 80 Jahre relativer Sicherheit, Anerkennung und fast vollständiger Assimilation in einigen Teilen der Welt sind in der jüdischen Geschichte keine Selbstverständlichkeit, sondern eine fragile Ausnahme – eine kurze Atempause. Im Maßstab von zwei Jahrtausenden ist sie erschreckend klein. Und damit scheint nun auch wieder Schluss zu sein.

Doch was sich früher lokal ereignet, Vertreibungen von einem Land in das andere, lokale Pogrome, das vollzieht sich heute unter den Bedingungen globaler Vernetzung zunehmend zeitgleich und überall. Antisemitismus ist nicht mehr regional begrenzt. Juden, sobald sie als solche erkennbar sind, werden fast überall auf der Welt zum Ziel von Bedrohung, Ausgrenzung, Gewalt und Mord. Gleichzeitig gelingt es immer weniger Staaten und vor allem den Gesellschaften, denn auf sie kommt es an, jüdisches Leben wirksam zu schützen. Selbst Israel, das müssen wir uns seit dem 7. Oktober 2023 schmerzhaft eingestehen, ist daran gescheitert.

Schutz vor Tod und Verfolgung

Dabei wurde der jüdische Staat mit eben jenem Anspruch gegründet, Juden Schutz vor Tod und Verfolgung zu bieten und ihnen erstmals seit ihrer römischen Vertreibung aus Judäa die Möglichkeit zu geben, jüdisches Leben aus eigener Kraft zu verteidigen. Darum sollte jedem Einzelnen, der sich für den Schutz jüdischen Lebens einsetzt, der Schutz und die Verteidigungsfähigkeit des jüdischen Staates mindestens genauso wichtig sein wie der Kampf gegen den Judenhass selbst. Dass selbst dieser Anspruch heute unter Druck steht, unterstreicht die historische Tragweite der gegenwärtigen Situation.

Viele Juden beginnen, oder sollten beginnen, sich erneut darauf einzustellen, wandern zu müssen, fliehen zu müssen, jederzeit bereit sein zu müssen, ihre Koffer zu packen, um dort Schutz zu suchen, wo man ihnen wohlgesonnen ist - um gesellschaftliche und politische Protektorate zu finden, die ihnen ihr Überleben sichern. Sich über Generationen hinweg an einen Ort zu binden, Wurzeln zu schlagen, ein Zuhause zu bauen scheint aus heutiger Sicht für Juden immer mehr ausgeschlossen, ganz in der Tradition ihrer jüdischen Vorfahren.

Chanukka ist deshalb kein harmloses Lichterfest. Ja, der Fokus lag für Juden dabei immer auf Freude und Hoffnung und vor allem auch in den schlimmsten Tagen ihrer Geschichte auf Zuversicht. Dies alles stand und steht aber vor der unheilvollen Kontinuität von Vertreibung und Rückkehr, von Zerstörung und Wiederaufbau, von Verlust und Selbstbehauptung – eine Kontinuität, die offensichtlich auch heute nicht beendet ist. 

Leeor Engländer ist Kulturmanager. Seine Großeltern überlebten den Holocaust in Polen. Er lebt und arbeitet in München und Berlin. Er ist Mitglied des Kuratoriums der Margot Friedländer-Stiftung.

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