Sigmount A. Königsberg

Behaltet eure guten Ratschläge!

Sigmount A. Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Sigmount A. Königsberg

Behaltet eure guten Ratschläge!

Juden sind sehr wohl selbst in der Lage, Entwicklungen in Israel zu beobachten, zu bewerten und entsprechend zu kommentieren

von Sigmount A. Königsberg  08.12.2022 08:36 Uhr

»Was macht denn deine Regierung da unten?« Diese Frage wurde mir bereits in den 80er-Jahren gestellt. Mein Gegenüber hatte bemerkt, dass ich Jude und als solcher offenbar per se für die Handlungen der israelischen Regierung verantwortlich bin.

So, wie es mir erging, ist es wohl den meisten Juden dieses Landes schon ergangen. Der Bekannteste unter uns war Ignatz Bubis sel. A., der sich anhören musste: »Sie sind deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ihre Heimat ist Israel. Ist das richtig so?« Oder auch: »Ich meine Ihren Präsidenten, den Herrn Weizman.«

orientierung Heute meint die Publizistin Charlotte Wiedemann, Juden müssten »in Deutschland zur künftigen israelischen Regierung eine Haltung entwickeln, die auch anderen Orientierung gibt«. Mit Haltung meint sie offenbar Protest, denn sie verweist gleich auf einen entsprechenden Aufruf. Nun haben und werden Juden in Europa, den USA und in Israel stets selbst gegen oder für eine Regierung in Jerusalem demonstrieren.

Auch aktuell haben sich deutsche Juden zu dem, was in Israel passiert, bereits sehr kritisch geäußert. Ihnen allen ist aber gemein: Sie stehen zu Israel. Frau Wiedemann, die sowohl über Russland als auch über den Iran schreibt, hat meines Wissens nie dazu aufgefordert, gegen Wladimir Putin oder Ajatollah Chamenei zu protestieren. Aber wenn es um Israel geht, ist sie sofort zur Stelle und gibt Ratschläge, wie Juden mit dem Land umzugehen haben.

Ich habe den Eindruck, dass es manch einem schwerfällt, Juden als handelnde Subjekte zu akzeptieren, die selbstbewusst entscheiden und sich auch zu verteidigen wissen.

Nur: Auch Ratschläge sind Schläge, insbesondere dann, wenn sie öffentlich erteilt werden. Wiedemanns angebliche Besorgnis ist unglaubwürdig, ihre Ratschläge sind paternalistisch, übergriffig und anmaßend. Wir sind sehr wohl in der Lage, Entwicklungen in Israel zu beobachten, zu analysieren, zu bewerten und entsprechend zu kommentieren.

Ich habe den Eindruck, dass es manch einem schwerfällt, Juden als handelnde Subjekte zu akzeptieren, die selbstbewusst entscheiden und sich auch zu verteidigen wissen. Dies aber ist für eine Begegnung auf Augenhöhe erforderlich.

Der Autor ist Beauftragter gegen Antisemitismus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Meinung

Die Fußball-WM war ein voller Erfolg

Schon jetzt steht fest, dass die Weltmeisterschaft 2026 unvergesslich bleiben wird. Zumindest, wenn man die Kriterien des Fußballphilosophen Nick Hornby zugrunde legt

von Elke Wittich  15.07.2026

Kommentar

Sichere Hochschule auch für Jüdinnen und Juden!

Sicherheit ist zentral, aber auch Respekt vor Arbeitsruhegeboten. Wer Prüfungen auf hohe jüdische Feiertage legt, verlangt von Juden, für ihre Religionsausübung Nachteile beim Studienfortschritt in Kauf zu nehmen

von Volker Beck  15.07.2026

Analyse

Das iranische Regime hat sich verkalkuliert

In Teheran glaubte man, dass US-Präsident Trump den Konflikt bis zu den Midterm-Wahlen nicht mehr eskalieren lassen würde. Doch in der amerikanischen Außenpolitik hat offenbar ein Lernprozess eingesetzt

von Michael Spaney  15.07.2026 Aktualisiert

Kommentar

Wenn Studenten wieder anfangen, Juden auszugrenzen

Es sind Beschlüsse wie der Boykott-Beschluss des Studierendenparlaments der Humboldt-Uni, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die zukünftige sogenannte deutsche Bildungselite noch zu retten ist

von Leeor Engländer  14.07.2026

Brüssel

900 Millionen Euro Herzenswärme

Knapp eine Milliarde Euro soll für den Wiederaufbau in den Gazastreifen gehen. Dass die Mittel am Ende tatsächlich nur in die zivile Infrastruktur fließen, ist zweifelhaft

von Michael Thaidigsmann  13.07.2026

Essay

Der Flüchtlingsstatus der Palästinenser muss endlich enden!

Wer über Asyl spricht, muss auch über die Bedingungen sprechen, unter denen Schutz wieder entfallen sollte

von Steven Guttmann  13.07.2026

Meinung

Wenn die Brandmauer bröckelt

Immer öfter erlebt unser Autor, dass die rechtsextreme AfD selbst in der gesellschaftlichen Mitte verharmlost wird. Ein persönlicher Erfahrungsbericht aus Düsseldorf

von Jacques Abramowicz  12.07.2026

Meinung

Reformprogramm der Bundesregierung: Auf schmalem Grat

Ein Sozialstaat, der Sicherheit verspricht und Misstrauen praktiziert, ist ein Signal für jene Kräfte, die von Angst und Spaltung leben

von Günter Jek  12.07.2026

Meinung

Das Wiener Lueger-Denkmal muss weg!

Die Performance des jüdischen Künstlers Alon Ishay hat eine neue Debatte über den Umgang der österreichischen Hauptstadt mit ihrer antisemitischen Geschichte angestoßen

von Tobias Kühn  08.07.2026