Stefan Laurin

Appeasement in Essen

Stefan Laurin Foto: Roland W. Waniek

Als sich am vergangenen Freitag in der Essener Innenstadt Antisemiten aus ganz Nordrhein-Westfalen zusammenrotteten, um gegen Israel zu demonstrieren, war er der Einzige, der dagegenhielt: Chris, 25 Jahre alt, stand ruhig mit einer Israelfahne in der Hand gut 40 Meter entfernt.

Für die Polizei war das Grund genug, ihn aufzufordern zu gehen. Als er sich weigerte, nahmen sie ihn in Gewahrsam. Ein Video auf Tiktok zeigt, wie die Beamten ihm die Fahne unter dem Jubel der Israelhasser entreißen. In einer Pressemitteilung begründet die Polizei ihr Vorgehen damit, dass sie die Veranstaltung schützen müsse.

Das ist natürlich Unsinn: Chris hat die Demonstranten nicht bedroht, er hat sie nicht einmal gestört. Er stand dort nur mit einer Israelfahne, dem Objekt des Hasses aller Antisemiten.

Als Chris im Herbst des vergangenen Jahres am Rathausplatz in Bochum mit seiner Israelfahne stand, während Hunderte gegen Israel hetzten, verhielt sich die Polizei anders: Mehrere Beamte stellten sich vor ihn und schützten ihn vor den Anfeindungen der Antisemiten.

Dass es bei einer Kundgebung zu Gegenprotesten kommt, ist normal. Zum Recht seine Meinung in der Öffentlichkeit sagen zu können gehört es, auch mit anderen Ansichten konfrontiert zu werden. In der Regel geschieht das in Ruf- und Sichtweite.

Offenbar ist das der Essener Polizei nicht bekannt. Für sie scheint es schon ein Problem zu sein, wenn jemand wie Chris allein, ruhig und friedlich Antisemiten klar macht, dass ihnen die Stadt nicht alleine gehört, dass es Menschen gibt, die solidarisch mit Israel sind. Als im vergangenen Jahr Tausende in Essen die Einführung eines Kalifats forderten, schützten Beamte ihr Recht auf Meinungsäußerung. Immerhin: Auf der Demonstration war keine Israelfahne zu sehen, welche die Gefühle von Antisemiten hätte verletzen können.

Aber Essens Polizei ist speziell, sie fährt einen Kurs des Appeasements, will sich weder mit Antisemiten noch mit der großen arabischen Community der Stadt anlegen. Als 2014 nach einer von der Linkspartei organisierten antiisraelischen Kundgebung ein Mob durch die Innenstadt zog und die Teilnehmer einer mehr als einen Kilometer entfernten proisraelischen Mahnwache angriffen, hatte sie nicht genug Polizisten bereitgestellt, um sie zu schützen.

Nach Schlägereien von 200 Clanmitgliedern in Essen ist es bereits vorgekommen, dass dafür niemand rechtlich belangt wurde. Mit islamischen Friedensrichtern hat die Polizei jedoch früher einmal zusammengearbeitet.

Chris will sich jetzt rechtlich gegen die Maßnahmen der Polizei wehren. Es wäre gut, wenn Richter der Polizei aufzeigen würden, dass für Israel zu demonstrieren keine Störung ist, sondern ein Recht, das es zu verteidigen gilt.

Der Autor ist freier Journalist und Herausgeber des Blogs Ruhrbarone.

Kommentar

Ärzte mit Grenzen

Die Waffen schweigen weitgehend in Gaza, der Informationskrieg tobt weiter. Ein besonders niederträchtiges Beispiel liefert »Ärzte ohne Grenzen«

von Wolf J. Reuter  10.01.2026 Aktualisiert

Kommentar

Ich gebe die Hoffnung für Brandenburg nicht auf

Nach dem Koalitionsbruch muss die Politik die Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen

von Alex Stolze  09.01.2026

Meinung

Instrumentalisiertes Leid kennt keine Moral

Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana braucht es Mitgefühl und Respekt. Wer eine lokale Tragödie von existenzieller persönlicher Wucht für politische Deutungen missbraucht, handelt zynisch – und entwürdigt die Betroffenen.

von Nicole Dreyfus  08.01.2026

Kommentar

Keine großen Sorgen vor Mamdani, bitte

Hannes Stein über den neuen Bürgermeister von New York und die Herausforderungen, die der Job für den Israelhasser mit sich bringt

von Hannes Stein  07.01.2026

Kommentar

Erst Maduro, dann die Mullahs?

Der Sturz des venezolanischen Diktators ist auch eine glasklare Warnung an das iranische Regime. Israel und die USA könnten einen Beitrag dazu leisten, es zu Fall zu bringen

von Saba Farzan  07.01.2026

Analyse

Warum die Proteste im Iran auch eine Chance für unsere Sicherheit sind

Anschläge und Morde, verdeckte Handelsfronten, Identitätsdiebstahl und Sanktionsumgehung: Das Regime in Teheran ist auch in Europa zu einem hybriden Bedrohungsakteur geworden. Umso wichtiger ist es, die Regimegegner zu unterstützen

von Rebecca Schönenbach  04.01.2026

Kommentar

Der Edelpilz, der keiner ist

New Yorks neuer Bürgermeister Zohran Mamdani hat bereits die Anerkennung der IHRA-Definition durch die Stadtverwaltung und das Boykottverbot gegen Israel aufgehoben

von Louis Lewitan  02.01.2026

Meinung

Solidarität mit Somaliland

Sabine Brandes findet Israels Anerkennung der Demokratie am Horn von Afrika nicht nur verblüffend, sondern erfrischend

von Sabine Brandes  30.12.2025

Meinung

Für mich heißt Neujahr Nowy God

Das Neujahrsfest hat mit dem Judentum eigentlich nichts zu tun. Trotzdem habe ich warme Erinnerungen an diesen Feiertag

von Jan Feldmann  30.12.2025