Sophie Albers Ben Chamo

Antisemitismus-Rehab für Akademiker

Sophie Albers Ben Chamo, Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen Foto: Stephan Pramme

Dass ausgerechnet die Horte des Wissens zu Zentren des Hasses auf Israel und auf die Juden per se werden, ist gelinde gesagt aberwitzig. Aber wenn der Nahost-Konflikt in Universitätsveranstaltungen ohne jeden Bezug zum Thema zum Politikum wird, wenn die unbedingte Verurteilung Israels für gute Benotung sorgt, wenn jüdische Studierende angepöbelt und angegriffen werden, ja sich vor einem hasserfüllten Mob verstecken müssen, und das auf dem Campus der sogenannten Ivy-League-Universitäten, den renommiertesten (und teuersten) Universitäten der USA, dann ist in aller Grundsätzlichkeit der Gesellschaftsvertrag des toleranten Miteinanders in einer Lehranstalt abgeschafft.

Und wenn dann auch noch die Universitätspräsidentinnen auf tragischste Weise nicht in der Lage sind, zu benennen, was gerade passiert, wenn die Frage, ob es gegen die Verhaltensregeln der Universität verstoße, wenn der Genozid an Juden gefordert wird, mit »Es kommt auf den Kontext an« beantwortet wird, dann ist das gesamte System in Gefahr. Schließlich werden hier die Eliten der Zukunft ausgebildet.

Auch wenn es im Augenblick so aussieht, als wären die Universitäten verloren, einen Versuch ist es wert.

Wären die gefallenen Präsidentinnen der Elite-Universitäten Amerikas Hollywood-Stars, man würde sie nach ihren menschenverachtenden Verbal-Ausset­zern in eine Rehab schicken. Allein schon, um die empörte Öffentlichkeit zu besänftigen. Aber warum eigentlich nicht. Auch wenn es im Augenblick so aussieht, als wären die Universitäten verloren, einen Versuch ist es wert. Also, nach Alkohol-, Drogen- und Sexsucht-Entzug ist es so weit: Willkommen in der Antisemitismus-Rehab für Akademiker.

Ressentiments an der Rezeption abgeben

Dort geben die Patienten gleich beim Einchecken an der Rezeption ihre Ressentiments ab, die Dozierende wie Studierende so offen vor sich hertragen, was Repräsentanten der Tempel des Wissens und der Rationalität eigentlich qua Amt besser wissen müssten. Denn, Universität kommt vom lateinischen »universitas«, was Gesamtheit heißt oder auch Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden. Ja, auch Juden, meine Damen und Herren. Das sind die, die auf dem Campus gerade Angst haben, Kippa zu tragen oder Hebräisch zu sprechen.

Weiter geht es in den Lesesaal. Dort bekommt jeder einen Einzeltisch und eine Ausgabe von Der Verrat der Intellektuellen, dem Bestseller aus dem Jahr 1927. Kennen Sie nicht? Darin hat der französische Starautor Julien Benda der Geisteselite seiner Zeit vorgeworfen, sich, anstatt politisch neutral und unparteiisch mit den Mitteln der Vernunft nach Wahrheit zu streben, zu Karrierezwecken in den von Leidenschaften getriebenen politischen Kampf zu werfen – um es arg verknappt auszudrücken. Und dabei hat sie das Wesentliche aus dem Blick verloren: die Menschlichkeit. Wir wissen, wo das enden kann. Der jüdische Kaufmannssohn Benda würde staunen, dass die Karrieristen knapp ein Jahrhundert später aus der entgegengesetzten Ecke kommen.

Aus der geht es nun direkt in den Schreibsaal, wo die Patienten 100-mal »Wenn es um Menschenleben geht, kommt es nicht auf den Kontext an« an die Tafel schreiben müssen. Nach dezentem Applaus wird ein Statement verlesen, in bester Hollywood-Manier: »Der Gedanke, dass etwas, das ich gesagt habe, diesen Schmerz verursacht hat, ist wirklich schwierig für mich. Das macht mich traurig.«

Dann dürfen sie gehen. Bis zum nächsten Rückfall.

Meinung

Das iranische Regime hat sich verkalkuliert

In Teheran glaubte man, dass US-Präsident Trump den Konflikt bis zu den Midterm-Wahlen nicht mehr eskalieren lassen würde. Doch in der amerikanischen Außenpolitik hat offenbar ein Lernprozess eingesetzt

von Michael Spaney  12.07.2026

Meinung

Wenn die Brandmauer bröckelt

Immer öfter erlebt unser Autor, dass die rechtsextreme AfD selbst in der gesellschaftlichen Mitte verharmlost wird. Ein persönlicher Erfahrungsbericht aus Düsseldorf

von Jacques Abramowicz  12.07.2026

Meinung

Reformprogramm der Bundesregierung: Auf schmalem Grat

Ein Sozialstaat, der Sicherheit verspricht und Misstrauen praktiziert, ist ein Signal für jene Kräfte, die von Angst und Spaltung leben

von Günter Jek  12.07.2026

Meinung

Das Wiener Lueger-Denkmal muss weg!

Die Performance des jüdischen Künstlers Alon Ishay hat eine neue Debatte über den Umgang der österreichischen Hauptstadt mit ihrer antisemitischen Geschichte angestoßen

von Tobias Kühn  08.07.2026

Sicherheit

Der NATO-Gipfel darf nicht zum Kniefall vor dem national-islamistischen Autokraten Erdoğan werden

Ein Kommentar von Ali Ertan Toprak

von Ali Ertan Toprak  08.07.2026

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  04.07.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  02.07.2026 Aktualisiert

Meinung

Was Deutschland von Albanien lernen kann

Wer immer noch überrascht tut und nicht konsequenter gegen die Mullahs vorgeht, handelt nicht nur fahrlässig, sondern lädt ihre Killer geradezu ein

von Ralf Balke  02.07.2026

Meinung

Warum Hessens Vorstoß mit der Meinungsfreiheit vereinbar ist

Die Landesregierung will die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe stellen. Mit einer veränderten Begründung und anderen leichten Modifikationen wäre der umstrittene Entwurf grundgesetzkonform

von Fiete Kalscheuer  01.07.2026