Meinung

Alles muss ans Licht

Sabine Brandes Foto: privat

Für die Überlebenden und Angehörigen der Opfer ist der Horror des 7. Oktober noch immer nicht vorbei. Mehr als zwei Jahre nach dem Blutbad, das die Hamas über die südlichen Gemeinden des Landes brachte, wissen sie bis heute nicht, wie eine solch beispiellose Katastrophe im Staat Israel möglich war.

Bis zum 6. Oktober 2023 lebte man, trotz permanenter Bedrohung von außen, in einem Gefühl relativer Sicherheit. Man vertraute darauf, dass die Geheimdienste fast alles sehen, und die Armee in ihrer Funktion als Beschützer allzeit bereit ist. Doch an einem einzigen Morgen wurde das Fundament dieses Sicherheitsverständnisses zerstört.  

Israelis wurden gejagt und gemeuchelt, Familien in ihren Häusern verbrannt, junge Partygänger verschleppt und monatelang in Tunneln angekettet. Sie alle warteten – in Todesangst und Hoffnung zugleich – dass Hilfe kommt. Aber sie kam nicht. Das Land stand schockiert vor seinem größten Versagen.

Das Trauma folgt wie ein düsterer Schatten auf Schritt und Tritt

Doch das Trauma belastet nicht nur direkt Betroffene. Es folgt dem gesamten Volk bis heute wie ein düsterer Schatten auf Schritt und Tritt. Denn die kollektive Erschütterung hat tiefe Risse im Vertrauen, Selbstverständnis und gesellschaftlichen Zusammenhalt hinterlassen. Diese Belastung wird durch die anhaltende Unklarheit nur vergrößert. Offensichtlich waren weder Armee noch Geheimdienste oder die politische Führung auf einen Angriff dieser Art vorbereitet. Doch warum dies so war, ist bis heute nicht beantwortet.

Für die Opfer ist die Frage nach dem »Warum« kein politisches Anliegen, sondern eine Frage der Gerechtigkeit. Sie haben ein moralisches Recht zu erfahren, was versäumt wurde und warum jene, die sie hätten schützen sollen, nicht da waren, als sie sie am dringendsten brauchten.

Darum ist die Entscheidung der Regierung, statt einer unabhängigen Untersuchungskommission eine politische einzusetzen, nicht nur unpassend, sondern sogar gefährlich. Diejenigen, die untersucht werden sollen, dürfen nicht die Macht haben, die Ermittlungen zu beeinflussen.

Der Oberste Gerichtshof hat erneut seine Rolle als Hüter der Demokratie unterstrichen

Der Oberste Gerichtshof hat dies erkannt und mit seiner einstweiligen Verfügung gegen die Regierung erneut seine Rolle als Hüter der demokratischen Werte unterstrichen. Denn Demokratien sind nur dann stark, wenn sie sich überprüfen und hinterfragen lassen.

Dabei dient eine unabhängige Untersuchung nicht nur der Schuldzuweisung, sondern auch der Zukunft. Sie ist ein Akt von Pikuach Nefesch, dem Gebot im Judentum, Leben zu schützen. Nur wer die Wahrheit kennt, kann verhindern, dass sich das Geschehen wiederholt.

Eine Tragödie dieses Ausmaßes braucht ein Verfahren, das unparteiisch, transparent und vertrauenswürdig ist. Die Folgen des 7. Oktober sind zu schwerwiegend, als sie unter dem Teppich politischer Zweckmäßigkeit verschwinden zu lassen. Alles muss ans Licht. Nur so kann Israel daraus lernen – und die verwundete Seele des Landes beginnen zu heilen.

brandes@juedische-allgemeine.de

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