Interview

»Es braucht eine umfassende Kampagne«

»Entscheidend ist auch, dass ›Birthright Israel‹ gestärkt wird«: Akiva Tor

Interview

»Es braucht eine umfassende Kampagne«

Der israelische Diplomat Akiva Tor beklagt, dass das angeschlagene Image seines Landes die nationale Sicherheit des jüdischen Staates gefährdet

von Sabine Brandes  27.06.2026 23:51 Uhr

Herr Tor, in Ihrer Studie, die Sie gemeinsam mit Ofir Dayan für das unabhängige Institute for National Security Studies (INSS) in Tel Aviv erstellt haben, beschreiben Sie, dass sich Israel »in einer Weise isoliert sieht, die das internationale Ansehen, die nationale Sicherheit, grundlegende Legitimität und jüdische Gemeinden weltweit bedroht«. Ist die Lage tatsächlich so düster?
Normalerweise befasst sich das INSS, für das ich arbeite, nicht mit solchen Themen, da es sich ausschließlich auf Fragen nationaler Sicherheit konzentriert. Doch wir kamen zu dem Schluss, dass es sich nicht nur um ein PR-Problem handelt, sondern tatsächlich auch um ein Problem für die Sicherheit Israels. Ja, die Situation ist schlimmer als je zuvor.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, der Imageschaden sei eine Bedrohung für die nationale Sicherheit?
Wir sehen es gerade deutlich am Beispiel USA. Der amerikanische Vizepräsident JD Vance traf eine extreme Aussage darüber, wie Israel heute wahrgenommen wird – nämlich, dass »nur noch Präsident Trump Israel wohlwollend gegenübersteht«. Die Art, wie er es ausdrückte, missfiel mir, faktisch falsch war es aber nicht. Wenn die Mehrheit der US-Amerikaner unter 30 Jahren sagt, dass sie der arabischen oder palästinensischen Seite mehr Sympathie entgegenbringen als Israel, gibt es ein existenzielles Problem.

Ein Argument der Studie ist, dass das Fehlen eines klaren politischen Ziels während des Gaza-Krieges Israels Ansehen am meisten beschädigt habe. Inwiefern sehen Sie das so?
Man muss verstehen: Wenn Kämpfe mit hoher Intensität schwierige Bilder erzeugen, ist es unmöglich, auf so lange Dauer mit einem unbeschädigten Image davonzukommen. Die israelische Regierung hatte während der gesamten Zeit große Schwierigkeiten, ihre Politik zu formulieren. Und sie tut es bis heute nicht. Da es an einer nachvollziehbaren Erklärung fehlt, wurde der Krieg von vielen Journalisten als »Racheakt gegenüber allen Palästinensern« wahrgenommen. Gleichzeitig führte die Zeitspanne zu einer »Vietnamisierung« des Konflikts. Denn irgendwann ist klar, dass es zu lange dauert. Im Fall des Vietnamkriegs wurde intern Druck auf die US-Regierung ausgeübt. Der Druck auf Israel allerdings kommt von außen.

Hat dieser äußere Druck keine Auswirkungen?
Natürlich könnte er theoretisch zu Veränderung führen. Diese Regierung jedoch rea­giert nicht darauf. Tatsächlich bewegt sie sich dadurch sogar in die entgegengesetzte Richtung. So gab es zahlreiche Fälle, in denen verfügbare Informationen nicht an Journalisten zur Aufklärung weitergegeben wurden. Ein Beispiel ist die humanitäre Hilfe für Gaza: COGAT (die Koordinierungsstelle der Regierungsaktivitäten in den Palästinensergebieten) verfügte über zahlreiche Daten, um den Vorwurf der »Aushungerung« zu entkräften. Aufgrund der innenpolitischen Lage der Regierung wurde dies jedoch verhindert. Offensichtlich fühlte man sich in der Koalition unwohl mit Botschaften, die klar zeigten, dass Israel versuchte, Schäden für die Zivilbevölkerung in Gaza zu minimieren. Und das ist ein gewaltiges Problem. Wir hatten niemals zuvor eine Regierung, die so blind für das eigene Image war und sich so wenig darum kümmerte. Wobei ich betonen möchte, dass dies nicht für alle Teile der Regierung gilt.

Ihr Papier kritisiert die Politisierung der israelischen Öffentlichkeitsarbeit. Wie geschah das?
Nichts passiert im luftleeren Raum. Es gibt Regierungsmitglieder, die ihre Wünsche sehr deutlich äußern. Intelligente Beobachter wissen, dass der Finanzminister Bezalel Smotrich und der Minister für Innere Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, nicht der Premierminister sind. Wenn die Regierung den umstrittenen Aussagen dieser Minister jedoch nicht widerspricht, hat es weitreichende Folgen.

Gab es auch »professionelle« Probleme?
Während des gesamten Krieges ernannte die Regierung keinen nationalen Chef für »Hasbara« (Öffentlichkeitsarbeit). Zudem wechselte dreimal der Stab im Außenministerium. Unsere Interpretation ist die, dass politischer Druck innerhalb der Regierung eine Art »Kommunikationslähmung« verursacht. Gaza ist kein einfacher Fall, aber er muss vorgebracht werden. Wer seine Argumente nicht präsentiert, nicht auf Journalisten reagiert und keine proaktive Strategie für seine Ausdrucksweise entwickelt, wird niemals gute Ergebnisse erzielen.

In Israel hört man oft Argumente wie »Sie werden uns sowieso hassen, egal, was wir sagen«. Wie berechtigt ist das?
Es wird immer einen Teil der internationalen Gemeinschaft geben, der uns nicht wohlgesinnt ist. Wir leben in einer schwierigen Region. Aber Israel hatte stets verstanden, dass es in einem suboptimalen Umfeld erfolgreich sein muss. Diese Anstrengungen müssen wir wieder unternehmen.

Führt Israel nicht einen Kampf, der aufgrund der Natur der sozialen Medien fast unmöglich zu gewinnen ist?
Soziale Medien sind generell schwierig. Das heißt aber nicht, dass Israel nicht sein Bestes geben muss. Ich denke, wir sind gut aufgestellt, um die Herausforderungen der Algorithmen zu bewältigen, aber wir müssen anders organisieren, denn die sozialen Medien werden von fünf Regierungsbehörden verwaltet, die nicht zusammenarbeiten. Es braucht eine zentrale öffentlich-private Behörde.

Das Papier empfiehlt, jüdische Gemeinden und pro-israelische Verbündete weltweit zu mobilisieren. Welche Rolle kann die Zivilgesellschaft spielen?
Eine große. Wir müssen die Voraussetzungen schaffen, damit die jüdische und auch die evangelikale Welt, junge Israelis und pro-israelische Menschen weltweit Inhalte erstellen und verbreiten können. Es ist entscheidend, dass »Birthright Israel« gestärkt wird. Und wir brauchen einen großen Forschungsfonds für die Zusammen­arbeit zwischen israelischen und westlichen Universitäten. Wenn etwa 250 Millionen Dollar zur Debatte stehen, wird man es sich zweimal überlegen, Israel zu boykottieren. Wir müssen einen Weg finden, so zusammenzuarbeiten, wie wir es bisher noch nie getan haben.

Wenn Sie morgen nur eine einzige Empfehlung aus Ihrem Bericht umsetzen könnten, welche wäre das?
Am wichtigsten ist im Moment, dass Israel vor dem Internationalen Strafgerichtshof den Vorwurf des »Völkermordes« niederringt. Denn er hat juristisch keine Grundlage. Ich habe mit mehreren Völkerrechtlern gesprochen, übrigens keine rechtskonservativen, die alle meinen, der Fall ist fadenscheinig. Solange man die Definition nicht so ändert, dass sie auf nahezu jede Kriegssituation anwendbar ist, ist der Völkermordvorwurf gegen Israel schwach. Wir wissen, dass die Rechtsabteilung des Außenministeriums in Jerusalem ein Dokument vorbereitet hat, um auf die Vorwürfe zu reagieren. Aber das reicht nicht aus, es braucht eine umfassende Kampagne. Das alles mag seine Zeit brauchen, doch im Moment verschließt Israel hierbei die Augen vor der Realität und steckt den Kopf in den Sand. Stattdessen sollte es seine Verteidigung so führen wie Benjamin Netanjahus Anwälte dessen persönliche Verteidigung (im Korruptionsprozess, Anm. d. Red.). Denn wenn wir vor dem Internationalen Strafgerichtshof gewinnen, wird es – davon bin ich überzeugt – die Atmosphäre in Bezug auf Israel grundlegend verändern.

Mit Akiva Tor, dem Leiter des INSS-Projektes zur Wiederherstellung des Images von Israel und ehemaligem israelischen Botschafter in Südkorea, sprach Sabine Brandes.

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