Hamburg

Zwischen Israel und Indien

Glaubensfragen» bildeten das Motto des 51. Deutschen Historikertages, der an vier Tagen der vergangenen Woche 3800 Geschichtswissenschaftler an der Universität Hamburg versammelte. Der größte geisteswissenschaftliche Kongress Europas findet alle zwei Jahre statt, umfasst weit mehr als 100 Veranstaltungen und stellte dieses Jahr die Geschichte und Politik des Partnerlandes Indien in den Fokus. Darüber hinaus lieferte die Tagung aber auch allerhand Stoff für Entdeckungen und aktuelle Themen, die sich mit der europäischen Politik befassten.

«Zeitgeschichte und Wissenschaftsgeschichte am Beispiel deutsch-israelischer Wissenschaftsbeziehungen von den 1950er- bis in die 1980er-Jahre» lautete etwa der Titel einer Podiumsdiskussion unter Leitung des Berliner Historikers Jürgen Kocka. Darin ging es um die Auflösung des – verständlichen – israelischen Boykotts gegenüber deutschen Wissenschaftlern nach dem Krieg. Erst durch die diplomatischen Annäherungen Adenauers und Ben Gurions folgten zaghafte Kontakte zwischen dem Weizmann-Institut und der Max-Planck-Gesellschaft.

Deren Präsident war damals der Kernphysiker Otto Hahn, der den Israelis Hilfe bei der Entwicklung ihres Atomprogramms anbot. Diese «Anerkennung» der deutschen Seite durch Israel sollte manchem belasteten deutschen Forscher die Rückkehr in den internationalen Wissenschaftsbetrieb erleichtern. Erst Jahrzehnte später wurden die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland von solchen politischen Einflüssen befreit.

massenmord Die wohl meisten Teilnehmer besuchten die Veranstaltung «75 Jahre Babyn Jar: Erinnerungen von Juden, Ukrainern und Deutschen». Ende September 1941 erschoss ein Einsatzkommando der SS unter Beteiligung der Wehrmacht und der nationalistisch-ukrainischen Miliz 33.771 jüdische Frauen, Männer und Kinder. Die Toten wurden von Gefangenen der Roten Armee verscharrt. Die Erinnerung an dieses Massaker wurde in der frühen Sowjetunion aus antisemitischen Gründen unterdrückt. Erst das 1961 von Jewgeni Alexandrowitsch Jewtuschenko geschriebene Gedicht «Babi Jar» ermöglichte die Entstehung eines Gedenkens an das Massaker.

In dieser Veranstaltung wurde auch die erst nach vielen Jahren beginnende Diskussion um die Beteiligung der ukrainischen Polizei an dem Verbrechen problematisiert. «Babyn Jar ist für den Holocaust an mehr als 150.000 Juden Osteuropas genauso ein Topos wie Auschwitz für die westeuropäischen Juden», betonten die ukrainischen Teilnehmer Yaroslav Hrytsak und Igor Shchupak.

Aber nicht ausschließlich Vorträge, die die NS-Zeit thematisierten, spielten bei der Tagung eine Rolle. «Islam and History in Global Modernity», die Frage nach «Sinn und Unsinn des Reformationsjubiläums 2017» oder die Rolle des Hinduismus im Partnerland Indien stellten das Konferenzthema auf eine breitere Basis.

Wie alt das Problem der religiösen Gewalt ist, diskutierte ein Podium unter Leitung der Konstanzer Historikerin Dorothea Weltecke – angefangen bei den Vertreibung von Juden aus Spanien bis hin zum Kaukasus. «Glaub – würdig? Proselyten im Judentum zwischen Spätantike und früher Neuzeit» – darüber wurde auf einem Podium kontrovers debattiert, an dem auch Yosef Kaplan aus Jerusalem teilnahm.

Dissertationen Wer nicht von einer Diskussion zur nächsten hetzen wollte, konnte sich eine Ausstellung mit Postern über ausgewählte Dissertationsthemen ansehen oder an einem Rundgang «Auf den Spuren jüdischer Geschichte am Grindel» teilnehmen. Oder den Jüdischen Friedhof Königstraße in Altona besuchen, der einen portugiesischen Teil hat und wohl demnächst von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt wird.

Wer keinen Zutritt mehr zur hoffnungslos überfüllten, von Ulrich Herbert geleiteten Podiumsdiskussion zum Thema «Hitler. Eine historische Vergewisserung» mehr fand, verpasste eine temperamentvolle Kontroverse über Sinn und Unsinn der Veröffentlichung von Hitlers Mein Kampf in kommentierter Form. Er wich dann vielleicht in ein zeitgleich stattfindendes, ebenfalls gut besuchtes Panel zum Thema «Die Schoa im schulischen Alltag – zur Pragmatik und Empirie des Einsatzes von videografierten Zeitzeugeninterviews im Geschichtsunterricht» aus.

Überhaupt der Geschichtsunterricht an den Schulen: In einer etwas handzahmen Resolution hat der Verband der Geschichtslehrer gefordert, die Stundenzahl im Fach Geschichte wieder zu erhöhen und den Unterricht von ausgebildeten Historikern erteilen zu lassen. Das könnte vielleicht auch ein Mittel gegen den wieder aufblühenden Populismus sein, der in der von der Gerda-Henkel-Stiftung und der Körber-Stiftung organisierten Reihe «History@Debate» auf die Tagesordnung gesetzt wurde.

«Von Haider bis Brexit. Populismus in Europa» lautete das Thema, über das ein international besetztes Podium diskutierte. Gerade die neuen kommunikativen Strukturen hätten einen Anteil am aktuell zu beobachtenden Populismus in Europa. Es handele sich übrigens – das sei neu – um einen «Populismus der Mitte», der nicht überall ausdrücklich «rechts» oder «links» sei, so die einhellige Meinung.

Europa Genauso aktuell wurde über das Thema «Flucht und Grenzen – eine historisch-politische Debatte» diskutiert. Dieter Gosewinkel vom Wissenschaftszentrum Berlin legte Wert auf die Feststellung, dass Menschenrechte, Asyl und Zuwanderung nur von Staaten innerhalb ihrer Grenzen gewährt werden könnten. Das gelte auch für Europa als Schengen-Raum. Es komme also nicht darauf an, ob, sondern nur wie und für wen die Grenzen durchlässig sein sollten.

Diese Fragen könnten aktuell durchaus kontrovers, aber zumindest politisch verhandelt werden, erklärte Gosewinkel. Dieser Prozess müsste indes endlich die «Lautsprecheransagen» von Politikern über Obergrenzen und andere politische Forderungen ablösen.

www.historikertag.de

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