Geschichte

Zu faul, zu tüchtig

Die Degradierung von Alfred Dreyfus am 5. Januar 1895 Foto: ullstein bild - Heritage Images / Ann Ronan Pictures

Geschichte

Zu faul, zu tüchtig

Drei Historiker aus Norwegen widmen sich den verschiedenen Formen des Judenhasses seit der Antike

von Harald Loch  03.11.2019 09:47 Uhr

Drei norwegische Historiker haben einen großen historischen Längsschnitt durch die Geschichte eines nicht erklärbaren und unverständlichen Phänomens gezogen: Judenhass.

Der Untertitel des jetzt im Zusammenhang mit dem norwegischen Gastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse auf Deutsch erschienenen Buches sagt, worum es geht: »Die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart«. In 32 von je einem der drei Autoren verantworteten Kapiteln stellen sie in chronologischer Reihenfolge nach Ländern gegliederte Untersuchungen über die unterschiedlichen Motive und Ausprägungen des Judenhasses vor.

Zeitgenossen Böswillige Zeitgenossen könnten auf den Gedanken kommen, es müsse doch »etwas dran« sein, wenn über viele Jahrhunderte in unterschiedlichsten Gesellschaften Antisemitismus entstanden ist. Die Lektüre dieses verdienstvollen Buches widerlegt solche Gedanken auf eindrucksvolle Weise. Die »Begründungen« für den Judenhass sind so widersprüchlich, dass sich das, was da »dran« sein könnte, auf eine einfache Tatsache reduziert: Gehasst, verfolgt und ermordet wurden sie, weil sie Juden waren.

Den einen waren sie zu arm, den anderen zu reich. Die einen warfen ihnen vor, sich dominant in ihre Mehrheitsgesellschaften einzumischen, die anderen bemängelten, dass sie sich nicht um die sie umgebenden Gemeinwesen, sondern nur um ihresgleichen kümmerten. Manchen galten sie als faul, anderen als zu tüchtig. Den antiken Römern war ihr Monotheismus fremd, die neueren abrahamitischen Religionen machten ihnen den Rang als von Gott auserwähltes Volk streitig.

LEUGNUNG Später kamen rassistische »Argumente« hinzu. Schließlich werden der Staat Israel und seine existenzgefährdenden Auseinandersetzungen mit einer feindlichen arabisch-muslimischen Umgebung über den Begriff des Antizionismus zu einer Quelle politisch »gerechtfertigten« Antisemitismus.

Besonders perfide ist der angeblich linke neue Antisemitismus, den Håkon Harket vornehmlich in Frankreich vorfindet: Die Juden würden ihre millionenfache Vernichtung im Holocaust instrumentalisieren. Wieder andere – rechte – Antisemiten leugnen diese Vernichtung gegen alle historische Wahrheit.

Der Hass hat nichts mit den Juden zu tun, aber alles mit den Hassenden.

Wenn das Buch allgemeine Aussagen über den Judenhass zulässt, dann sind es solche über die Hassenden, nicht über die Verhassten. In allen Gesellschaften, die die Autoren untersuchen und beschreiben, waren und sind die Juden eine kleine Minderheit. Fremde, Andersgläubige, Andere sind immer und überall dem Hass ausgesetzt.

Nicht weil sie fremd und andersgläubig sind oder andere Speisegewohnheiten haben, sondern weil die meisten Angehörigen der Mehrheit das Fremde verachten oder gar nicht erst kennenlernen wollen. Allgemein ist die primitive Neigung der Hassenden, von den Schwächen oder Verfehlungen einzelner Juden auf alle zu schließen, was natürlich auch auf »die« Deutschen, »die« Amerikaner und »die« Russen zuträfe.

FORMEN Das Buch Judenhass ist also eine Geschichte der Hassenden und der unterschiedlichen Formen ihres Antisemitismus. Eigentlich hat nichts von diesem Hass mit den Juden zu tun, sondern alles mit den Hassenden. Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die aus diesem enzyklopädischen Werk gewonnen werden kann. Sie erschließt sich dem Leser über zahlreiche Details, die vielen unbekannt sein dürften: Selbstverständlich haben die norwegischen Autoren auch einen Blick auf ihr eigenes Land geworfen.

Mit Überraschung ist zu erfahren, dass die erste, als besonders liberal geltende Verfassung Norwegens aus dem Jahr 1814 in Paragraf 2 den Juden »als Anhängern der mosaischen Religion den Zugang zum Reich (Norwegen)« verwehrt hat. In Wirklichkeit waren es nicht religiöse, sondern politische Gründe, weil den Juden nicht wegen ihres Glaubens, sondern wegen ihres aus ihrer Geschichte abgeleiteten »mangelnden Patriotismus« misstraut wurde.

England Ebenso interessant ist der von Trond Berg Eriksen geschriebene Artikel über die Juden in England: »Nachdem sie im 13. Jahrhundert durch die Könige als Steuereintreiber instrumentalisiert wurden, wurden sie 1290 endgültig aus dem Land vertrieben. Es war bei ihnen kein Geld mehr zu holen. … Die Ausstoßung war selten prinzipiellen, theologischen Charakters. Waren die Begründungen vonseiten der christlichen Mehrheit niemals sonderlich fromm, so waren die wirklichen Ursachen für das Vorgehen der Behörden oft äußerst bodenständig und praktisch. Es ging darum, eine Minderheit, die nicht denselben Rechtsschutz wie die christlichen Untertanen des Königs genoss, maximal auszunutzen. Ihre Ausbeutung war eine einfache und naheliegende Möglichkeit, sich Einnahmen zu verschaffen.«

In ähnlicher Weise führt das Buch durch die Jahrhunderte und die Länder Europas. Ausgangpunkt des neueren Antisemitismus wurde die sogenannte Damaskus-Affäre von 1840. Ein Mord an einem katholischen Priester wurde dort von interessierter Seite den Juden als Ritualmord in die Schuhe geschoben, was zu ihrer massiven Verfolgung führte. Die Rolle des französischen Konsuls in Damaskus deutet schon die 40 Jahre später in seinem Heimatland entfesselte Dreyfus-Affäre an.

Dreyfuss Der Prozess gegen die angeblichen Täter wurde von Folterungen begleitet, der Fall weitete sich zu einem in ganz Europa geführten Kampf um die Wahrheit – und um die Hegemonie der europäischen Großmächte im Orient – und führte schließlich zu einer Freilassung der Angeschuldigten.

Die sich auf Deutschland beziehenden Kapitel hat der aus Berlin stammende norwegische Historiker Einhart Lorenz unter Mitarbeit von Izabela A. Dahl verantwortet. Diese Beiträge zu lesen, ist eine erneute Herausforderung zur Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte.

Die liberale norwegische Verfassung von 1814 schloss Juden aus.

Details wie diese zeigen, dass und wie der Hass auf Juden immer unterschiedlich motiviert und instrumentalisiert wurde. Das ganze Buch ist eine einzige Anklage gegen den Hass der Hassenden und gegen die intellektuelle Dürftigkeit und Beliebigkeit ihrer Argumente.

Trond Berg Eriksen, Håkon Harket und Einhart Lorenz: »Judenhass. Die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart«. Unter Mitarbeit von Izabela A. Dahl. Aus dem Norwegischen von Daniela Stilzebach. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, 687 S., 50 €

Debatte

»Sie war mehr als froh, als alles zu Ende war«: Berlinale-Kreise: Tuttle überfordert und resigniert

Wie geht es nach Debatten um die Berlinale weiter? Eine Krisensitzung bringt nach Angaben des Kulturstaatsministers keine Entscheidung - zumindest vorerst

 26.02.2026

Thüringen

Jüdisch-israelische Kulturtage fordern Verantwortung ein

16 Musiker und andere Vertreter der Kultur aus Israel sind dieses Mal dabei

 26.02.2026

Interview

»Lachen statt verzweifeln«

Ein Gespräch mit der Meme-Künstlerin ruth__lol über jüdischen Humor, die komische Seite des Antisemitismus und eine Leerstelle in den sozialen Medien

von Joshua Schultheis  26.02.2026

Reaktionen

»Plattform für antisemitische Hetze«: Das sagen Künstler und Politiker zur geplanten Tuttle-Absetzung

Wolfram Weimer will die Berlinale-Chefin nach dem jüngsten Antisemitismus-Skandal absetzen. Das sorgt – so wie die Rede von Abdallah Alkhatib – für kontroverse Diskussionen. Ein Überblick

 26.02.2026

Berlinale

Tom Shoval unterstützt Tricia Tuttle

Der israelische Regisseur schreibt in einem Instagram Post Tuttle sei »eine Person von beispielloser Integrität.«

von Katrin Richter  26.02.2026

Programm

Berliner Rebellin, Kafkas Schwester und ein junger Detektiv: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 26. Februar bis zum 4. März

 26.02.2026

Aufgegabelt

Tomato tonnato mit Kapern

Rezepte und Leckeres

von Alice Zaslavsky  25.02.2026

Rezension

Erfolg und Versagen

Konstantin Richter beschreibt deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1871 – und das Schicksal des jüdischen Bankiers Hermann Wallich

von Maria Ossowski  25.02.2026

Debatte

Streit um die Deutungshoheit

Die harten Auseinandersetzungen um die Studie des Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe über die Rolle polnischer Bürgermeister in der Schoa sind ein Lehrstück über den Umgang mit der Freiheit der Wissenschaft

von Julien Reitzenstein  26.02.2026 Aktualisiert