Kontroverse

Zu dicht an der Wahrheit

Fünf Jahre lang hat die Yale Initiative for the Interdisciplinary Study of Antisemitism (YIISA) an der amerikanischen Yale University Wissenschaftler aus aller Welt angezogen, auch aus Deutschland. »Ich fand den interdisziplinären Ansatz spannend, den YIISA verfolgt – zudem gibt es überhaupt wenige Zentren für Antisemitismusforschung«, sagt die Berliner Historikerin Ulrike Becker, die dort ein Jahr lang an ihrer Dissertation arbeitete. »Ich bin froh, dass YIISA mir die Möglichkeit gegeben hat, meine Forschungen zu Antiglobalisierungsbewegung und Antisemitismus in diesem Rahmen betreiben zu können«, sagt der Münchner Soziologe und Psychologe Holger Knothe. »Ob das in Deutschland so auch möglich gewesen wäre, ist eine andere Frage.«

Die Entscheidung der Universität, die 2006 ins Leben gerufene Einrichtung zu schließen, kam überraschend, auch für Charles Small, den Leiter: »Es war ein Schock. Noch nie ist ein so dynamisches und aktives Institut geschlossen worden.«

YIISA finanzierte sich durch Spenden, fiel der Universität also nicht zur Last. Viele Kommentatoren vermuten deshalb politische Motive. Eine im vergangenen Jahr veranstaltete Konferenz, in der Antisemitismus in islamischen Ländern im Blickpunkt stand, drohte Yales Sponsoren aus dem Nahen Osten zu verprellen. Der Vorwurf der »Islamophobie« wurde erhoben. »In Yale und anderen Universitäten gibt es eine Atmosphäre, in der die Wahrheit, wenn sie für Israel spricht, als rassistisch betrachtet wird«, sagt die für ihr Engagement gegen Antisemitismus bekannte Schriftstellerin Phyllis Chesler.

vorurteile »Das Problem, das viele mit uns haben, ist, dass wir uns um den gegenwärtigen Antisemitismus kümmern«, glaubt Small. Dabei habe sich YIISA keineswegs mit dem Islam oder Muslimen im Allgemeinen beschäftigt, sondern mit dem genozidalen Antisemitismus, wie er etwa beim iranischen Regime oder der Muslimbruderschaft anzutreffen sei. »Judenhass macht sich im Nahen Osten breit, und als Wissenschaftler müssen wir den Prozess und seine Folgen verstehen. Aber wenn man den Antisemitismus in Ägypten, Syrien, Iran oder bei Hamas und Hisbollah untersucht, dann ist für viele Wissenschaftler, die behaupten, vorurteilslos zu sein, eine Grenze überschritten.«

Was sagen die für die Entscheidung Verantwortlichen? Yales Kanzler Peter Salovey verweist auf die Pressemitteilung. Dort heißt es, YIISA habe »leider nicht den gleichen Erfolg« gehabt wie andere Programme; zu wenig wissenschaftliche Arbeit sei in »erstrangigen Periodika veröffentlicht« worden. Auf Nachfrage erklärt Pressesprecher Thomas Conroy: »Es ist nicht wahr, dass die Kritik aus nichtakademischen Kreisen den Beschluss beeinflusst hat.« Wie üblich sei das Programm nach fünf Jahren von einem Komitee der Fakultät überprüft worden. »Die Mitglieder sind zu dem Schluss gekommen, dass es nicht genug Forschung und Lehre in Gang gebracht oder unterstützt hat, die eine Fortführung rechtfertigen.«

YIISA-Leiter Small kritisiert, dass der Bericht des Komitees nicht veröffentlicht worden ist – das sei sehr ungewöhnlich. »Es ist schwer, sich gegen Kritik zu wehren, solange ich nur auf Statements von Yales PR-Abteilung antworten kann.«

von yiisa zu ypsa Alvin Rosenfeld, Leiter des 2009 gegründeten Institute for the Study of Contemporary Antisemitism an der Universität von Indiana – der einzigen YIISA vergleichbaren Einrichtung in den USA –, sieht eine Ironie in dem Vorwurf, YIISA habe zu wenig in wichtigen Zeitschriften publiziert. Da es in den USA kaum akademische Forschung über Antisemitismus gebe, sei auch die Zahl infrage kommender Fachzeitschriften gering. Trotzdem könne YIISA sich vieler wichtiger Veröffentlichungen rühmen; exzellent sei auch das Videoarchiv im Internet.

»YIISA war sehr wichtig für die Erforschung des gegenwärtigen Antisemitismus«, pflichtet die Holocaustforscherin Deborah Lipstadt bei. »Auf der Konferenz im letzten Jahr waren großartige Wissenschaftler, Pioniere bei der Erforschung der Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus.«

So sieht es auch Ruth Wisse, Professorin für Jiddische Literatur in Harvard: »YIISA hat Wissenschaftler, die sich mit Antisemitismus beschäftigen, zusammengebracht.« Sie und viele andere Akademiker hätten davon profitiert. »Wenn die Verantwortlichen in Yale denken, dass YIISA nicht gut genug war, dann wäre es ihre Aufgabe gewesen, es zu verbessern, nicht zu schließen.«

Kurz vor Redaktionsschluss sandte Kanzler Salovey dem Autor dieses Beitrags eine offizielle Erklärung, in der Yale die Einrichtung des »Yale Program for the Study of Antisemitism« (YPSA) bekannt gibt. Geleitet werden soll es von dem Französischprofessor Maurice Samuels, der ein Experte für jüdisch-französische Literatur des 19. Jahrhunderts ist.

Diplomatie

Lebendiges Netzwerk

30.000 Euro für die deutsch-israelische Zusammenarbeit: Botschafter Ron Prosor zeichnet vier wegweisende Initiativen aus

 03.06.2026

Musik

Barry Manilow: Comeback mit neuem Album und Videoclip aus Schönefeld

Der legendäre Sänger hat eine Lungenkrebs-Operation hinter sich und Angst um seine Stimme. Einige seiner neuen Lieder sind melancholisch ausgefallen

von Imanuel Marcus  03.06.2026

Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen

Leipziger Fotoausstellung zu jüdischem Leben

Die Ausstellung »Momentaufnahme. Das Fotoarchiv Mittelmann« stellt u.a. die Familie des Fotografen vor

 03.06.2026

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  02.06.2026

Programm

Klang, Gang und Streisand: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 3. Juni bis zum 10. Juni

 02.06.2026

Film

Die Entwirrung der UNRWA

Eine neue Dokumentation beleuchtet Geschichte, Auftrag und politische Rolle des Palästinenserhilfswerks

von Maria Ossowski  02.06.2026

Punta Cana

Gal Gadot und Mila Kunis zeigen sich entspannt im Karibikurlaub

Die jüdischen Schauspielerinnen gehen in Puerto Rico ganz besonderen Freizeitaktivitäten nach

 02.06.2026

Leipzig

Jennifer Rush lernte mit dem Sandmännchen Deutsch

Die Sängerin mit jüdischem Familienhintergrund kam als Kind nach Deutschland. Warum das für sie ein Schock war und wie ihr das Fernsehen beim Ankommen geholfen hat

 01.06.2026

Jubiläum

Dichter und Bürgerschreck: Allen Ginsberg vor 100 Jahren geboren

Er lehnte sich gegen eine spießige und militarisierte Gesellschaft auf und propagierte ein ökologisches Bewusstsein: Der US-Dichter Allen Ginsberg war ein Pionier der »Beat-Generation«. Seine Visionen sind heute wieder aktuell

von Holger Spierig  01.06.2026