Kino

Wütend, wütender, Peaches

Peaches heißt eigentlich Merrill Nisker. Foto: © Avanti Media Fiction

Peaches hat Anfang der 2000er-Jahre im Alleingang das Patriarchat des Punkrocks gesprengt. Sie gab der Wut, dem Frust ein Gesicht, war das wilde Tier, das Mädchen und Frauen gefälligst zu bändigen haben, und damals fühlte es sich so an, als hätte sie es für uns alle von der Leine gelassen.

Madonna war ein Witz dagegen. Peaches riss der Welt die Kleider vom Leib, während sie in pinken Latex-Hotpants neben einer Beatbox noch grimmiger dreinschaute als Chilly Gonzales, der im Feinrippunterhemd zu ihren obszönen Beschimpfungen die Goldkette schwang. Glücklich brüllten wir mit ihr »Fuck The Pain Away« und wollten kaputt machen, was uns kaputt macht. Alles war möglich. Sogar, sich nicht die Achseln zu rasieren.

Peaches scheint mit 57 genauso roh und wütend wie damals

Rund ein Vierteljahrhundert später wissen wir, dass der haarige Sidekick solch ein begnadeter Pianist ist, dass er Glenn Gould parodieren kann und dabei noch Neues schafft. Und auch die Sängerin Feist, die zwar nicht mit Peaches und Gonzo auf Clubtour ging, aber elementarer Bestandteil des kanadischen Superkreativ-Freundschaftstrios war, erfindet sich immer wieder neu. Nur Peaches scheint mit 57 genauso roh und wütend wie damals. Was auch eine Leistung ist.

Um die geht es in der Dokumentation, die nach ihrem erfolgreichsten Album aus dem Jahr 2000 benannt ist: Teaches of Peaches. Und so wie es das deutsche Label Kitty-Yo war, das Peaches einst zum Durchbruch verhalf, ist es eine deutsche Produktion, die das Leinwandprojekt in seine Form gegossen hat. Um das Gestern mit dem Heute zu verbinden, drehte das Regie-Duo Philipp Fussenegger und Judy Landkammer 2022 vor und hinter den wilden wie professionellen Kulissen der »Teaches of Peaches Anniversary Tour« und flöhte Peaches’ privates Videomaterial.

Das ist berührend, wenn Merrill Nisker, wie Peaches mit bürgerlichem Namen heißt, in jungen Jahren in einem jüdischen Kindergarten den Kleinen spielerisch Musik nahebringt, und auch wenn sie zu den Bildern aus ihrer Berliner WG sagt, dass sie nie geglaubt hätte, dass ihre Musik diese vier Wände je verlassen würde. Interessant ist es, wenn Chilly Gonzales, Feist oder auch Garbage-Frontfrau Shirley Manson über Peachesʼ Anfänge und ihre Bedeutung im Musikbusiness sprechen.

Anstrengend wird es allerdings, wenn der Film versucht, Peaches zu feiern, indem einfach schnell geschnittene Konzertszenen gezeigt, Kostüme aus- und wiedereingepackt werden oder die eigenwillige Kanadierin alles tut, um bloß nicht sympathisch zu wirken.

Der Film hebt nicht ab. Ich habe mehr Wumms erwartet

Womit wir beim grundsätzlichen Problem des Films sind: Er hebt nicht ab. Die Form steht in ihrer Konventionalität im krassen Gegensatz zum Thema. Oder einfacher gesagt: Ich habe mehr Wumms erwartet, denn hey, es geht um Peaches!

2018 gab es übrigens einen wundervollen Zeichentrickfilm, gerade einmal fünf Minuten lang, The Junction, in dem Peaches und Gonzales von ihren Anfängen berichten. »Ich war auf der Barmizwa meines Cousins in New York«, erzählt eine erstaunlich gut gelaunte Peaches. »Ich war sieben Jahre alt und sagte zu meiner Mutter: Ma, kann ich mit der Band singen?« Die habe geantwortet: »Ich weiß es nicht, kannst du denn singen?« Und das Kind meinte souverän: »Ja, kann ich!«

Sie habe der Band vorsingen müssen: »Ich weiß noch, dass sie währenddessen gegessen haben. Jüdischer als jüdisch sang ich Barbra Streisands ›The Way we were‹. Ziemlich gut, meinten sie, und von da an musste ich auf jeder Barmizwa singen!«

Ja, Merrill Nisker, deren Großeltern einst aus Polen nach Kanada kamen, die auf dem Schulweg beschimpft und mit Steinen beworfen wurde, weil sie Jüdin ist, und die »Fuck The Pain Away« geschrieben hat, als sie mit 30 eine Schilddrüsenkrebs-Diagnose bekam, hätte definitiv mehr Tiefe vertragen. Denn die Quelle ihrer Musik liegt, wie gesagt, ganz nah bei der Wut.

Der Film läuft ab 9. Mai im Kino.

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