Das Staatstheater Kassel hat bei dem Autor Jörg-Uwe Albig und dem Komponisten Philipp Krebs mit Zornfried ein Stück Musiktheater in Auftrag gegeben, bei dem es um den journalistischen Umgang mit der neuen Rechten geht. Die Relevanz ist offensichtlich. Kerstin Steeb (Regie), Jade J. Boeckh (Bühne), Hanne Lenze-Lauch (Kostüme) und Rosa Wernecke (Video) nutzen für die Inszenierung geschickt die Möglichkeiten der Interims-Spielstätte. Viktor Jugović und die Musiker des Staatsorchesters Kassel lieferten hinter der Spielfläche den verfremdet romantisierenden Orchestersound und die ironisch tümelnde Melodik, die als vorführendes Kunstprodukt überzeugen.
Den Auftakt bildet eine »Expertenrunde« im Stil eines dokumentarischen Reality-Theaters, die der Intendant Florian Lutz moderiert. Es geht um eine fiktive Ausgrabung neben der temporären Ersatzspielstätte, die Rolle der Geschichte und des Theaters. Samt eingezäunter Beleg-Ausgrabung. Das Orchester ist da noch durch eine Transparentwand mit dem Spruch »die Toten sinds, in denen Leben wohnt« verdeckt. Nach mitinszenierten Buhrufen aus dem Publikum zu den Sprechblasen der Runde stürmen junge Männer mit nacktem Oberkörper die Bühne. Das W auf ihrer Haut und dann auf diversen Fahnen (erfahren wir später) kann für Wir, Wachsam, Widerstand, Waffen, Wölfe oder Waldgänger stehen.
Simulierte neurechte Blut- und Boden-Lyrik
Von da an begleiten wir den Journalisten Jan Brock (Schauspieler Aljoscha Langel) und die zeitweise dazu stoßende Jenny (mit Influencerinnenhabitus: Annabelle Kern) auf ihrer Exkursion zur Burg Zornfried, in das Reich der dräuenden Wortfinsternis einer wabernden Kunstlyrik und Waldmetaphorik. Brock folgt der Einladung für eine Homestory dorthin. Wobei abnehmende Distanz seinen anfänglichen Enthüllungsehrgeiz schwinden lässt.
Die W-Bubis und blondbezopften Maiden (»Denn die da folgen, müssen nicht begreifen«) leben im Banne des mönchshaften Dichter-Gurus Storm Linné (weihevoll: Filippo Bettoschi). Das Kommando haben Wilhelmine Freifrau von Schierling (eloquent und entschieden: Maren Engelhardt) und ihr arischer Blondie Matzek (aalglatt und präsent: Johannes Strauß). Mit wehrsportlichen Leibesübungen, Tafelrunde und Waldausflug. Von da schallt uns jede Menge simulierte, neurechte Blut- und Boden-Lyrik entgegen.
Einmal wird das germanisch verquaste Neusprech überdeutlich: Da sagt Matzek in griffigem Alternativ-Sprech zu Brock: »Wenn Ihre Regierung die Grenzen aufmacht und dort eine Lüge mehr gilt als Papiere, dann können wir das zurzeit noch nicht ändern. Doch hier auf Burg Zornfried gilt noch das Recht. Und das ist eindeutig auf unserer Seite.«
Es klingt wie die »heilige deutsche Kunst« aus Wagners »Die Meistersinger von Nürnberg«. Und das soll es wohl auch.
Wenn die Freifrau den verbalen Flammenwerfer anwirft, dann spricht sie vom Hass aufs Eigne, der »schrill vor den Altären klingt« und von üblen Priestern, die Mann und Mann vermählen, um sich dann ins »So bleibt uns doch der ewig deutsche Wald« aufzuschwingen. Klingt wie die »heilige deutsche Kunst« aus Wagners Die Meistersinger von Nürnberg. Und soll es wohl auch.
Die Freifrau im Video tauscht für Momente die Gestalt mit Alice W.
Es ist keine optische Täuschung, wenn die Freifrau im Video für Momente die Gestalt mit Alice W. tauscht und die wie ein verirrtes Original durchs Waldvideo huscht. In einem metaphorischen deutschen Wald, den »fremder Rassen Schleichen nie betrat.« So wie diese erfundene neugermanische Als-ob-Lyrik einem an vielen Stellen die Sprache verschlägt, wird das Ganze zum Lehrstück über die Vergiftung der Sprache und eine Aufforderung nichts zu schlucken, bevor man nachgeschmeckt hat.
Zornfried re-konstruiert ausgehend von den Diskursen und Sprachbildern der Gegenwart eine kontrafaktische Dichtung und Musik und zelebriert sie als Menetekel einer möglichen Zukunft. Das Gesamtkunstwerk als Warnung. Die Kunst ist, die Verführung der Verführung zu zeigen, ohne aus Versehen selbst der Verführung zu erliegen.