Kunstgeschichte

Wie jüdisch ist die Moderne?

Für die Nazis war die Sache klar. Die Entwicklung der bildenden Künste in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verdankte sich, wie so viele andere ihnen verhasste Entwicklungen, den Machenschaften des Judentums. Im Katalog der Ausstellung »Entartete Kunst« in München 1937 war von »zahlreichen jüdischen Machwerken« die Rede. Und der Hetzfilm Der ewige Jude kommentierte expressionistische Gemälde: »Man hält es heute fast nicht mehr für möglich, aber solche Bildwerke wurden damals von fast allen staatlichen und städtischen Galerien angekauft, mussten von ihnen angekauft werden, weil jüdische Kunsthändler und jüdische Kritiker sie als die einzig mögliche ›moderne Kunst‹ anzupreisen wussten.«

retrospektive War die Kunst seinerzeit wirklich (wie es damals hieß) »verjudet«? Gaben tatsächlich vor allem jüdische Künstler, Kritiker und Händler den Ton an? Eine Antwort kann eine der wichtigen Ausstellungen vor dem Ersten Weltkrieg geben, die das Kölner Wallraf-Richartz-Museum jetzt in Teilen rekonstruiert hat: »1912 – Mission Moderne. Die Jahrhundertschau des Sonderbundes« heißt die Retrospektive, die an diesem Freitag eröffnet wird und bis zum 30. Dezember zu sehen ist.

Die ursprüngliche Sonderbund-Ausstellung fand von April bis September 1912 in Kölns neuer Ausstellungshalle am Aachener Tor statt. Düsseldorf, wo der Sonderbund eigentlich beheimatet war, hatte aufgrund des Widerspruchs lokaler Künstler, die sich benachteiligt fühlten, die Zusage für den Kunstpalast zurückgezogen. Ausgewählt wurden mehr als 600 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen, um mit den »Werken lebender Künstler einen Durchschnitt durch die expressionistische Bewegung« zu geben und zugleich in einer »retrospektiven Abteilung die historischen Grundlagen aufzuzeigen«.

Dieser rückblickende Teil prägte den Eindruck. 108 Gemälde und 17 Zeichnungen von van Gogh – fast ein Viertel der ausgestellten Kunstwerke – beherrschten die ersten fünf Räume. Ihnen folgten Soli von Paul Cézanne, Paul Gauguin, Henry Edmond Cross, Edvard Munch, Paul Signac und – besonders umstritten – Pablo Picasso. August Deusser, einem der Mitbegründer des Sonderbundes, wurde ein eigener Saal zugebilligt. Alle anderen Räume waren jeweils einem Land – Frankreich, Holland, Ungarn, Österreich, Schweiz – gewidmet. Die fünf deutschen Säle vereinten die noch jungen Protagonisten des »Blauen Reiters« und der »Brücke« mit Realisten und Spätimpressionisten, von denen den meisten die Nachwelt keine Kränze flicht.

flechtheim Auch die jetzige Jubiläumsschau erlöst nur wenige dieser Künstler für ein paar Wochen vom Vergessensein. Mit 116 Gemälden und Skulpturen (ohne das Kunstgewerbe, das 1912 ebenfalls dabei war) ist es eine Kurzfassung der Sonderbund-Ausstellung, die weniger die Breite, das Zeitbedingte eingeschlossen, spiegelt, sondern das inzwischen Kanonisierte als das vorausschauend als bleibend Erkannte herausstellt.

In der Liste der Künstler wie der Förderer und Leihgeber stößt man auf eine beachtliche Zahl jüdischer Namen. Zuallererst auf den von Alfred Flechtheim, dem Ausstellungssekretär und Schatzmeister des Sonderbundes. Gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Hans Tietze, dem später die Auswanderung nach Amerika gelang, und Walter Cohen vom Rheinischen Provinzialmuseum Bonn, der 1942 in Dachau umkam, war er einer der Organisatoren der Schau.

Aus Flechtheims Besitz, wie aus dem von Leonhard Tietz, Margarethe Mauthner, Walther Rathenau, Hugo Cassirer, Julius Stern und Alexander Sacharoff, kamen auch wichtige Leihgaben. Zu den Stiftern des Sonderbundes gehörten – ne ben Max Liebermann als Ehrenmitglied – unter anderen die Kunsthändler Paul Cassirer und Josse Bernheim-Jeune, die Sammler Max Grünbaum und Hermann Hertz sowie die Düsseldorfer Rechtsanwälte Davidsohn und Loewenstein. Unter den Künstlern findet man Albert Bloch, Walter Bondy, Jules Pascin, Otto Freundlich, Richard Engelmann, Josef Bato, Rudolf Levy, Olga Oppenheimer, Moissey Kogan, von denen nur Engelmann und Bloch jetzt einen erneuten Auftritt haben.

»deutsche kunst« Trotzdem wäre der Eindruck falsch, dass Juden entscheidend die Sonderbund-Ausstellung und damit die neue Kunst und ihre Durchsetzung beeinflusst hätten. Der Streit um die Moderne, der sich für die Nationalsozialisten in der propagandistischen Kontrastmontage von »gesundem Volksempfinden« versus »jüdisch-bolschewistischer Zersetzung« erschöpfte, bewegte sich im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts auf einem ganz anderen Feld.

Das machte im April 1911 die Streitschrift Ein Protest deutscher Künstler deutlich, mit der der Worpsweder Maler Carl Vinnen gegen jene Museumsdirektoren zu Felde zog – Gustav Pauli in Bremen, Hugo von Tschudi in München, Alfred Lichtwark in Hamburg –, die angeblich »die ausländische Kunst zum Nachteil der einheimischen deutschen begünstigten«. 123 Künstler, Kunstschriftsteller und Museumsleute schlossen sich diesem Protest an, bei dem sich hinter den nationalistischen Tönen über die »Überschätzung und Vergötterung fremden Wesens« allerdings vor allem materielle »Brotkorbinteressen« verbargen.

Das klang wiederholt in der Erwiderung Im Kampf um die Kunst. Die Antwort auf den Protest deutscher Künstler an, die bereits drei Monate später vorlag. In dieser Replik war zwar der »jüdische« Anteil mit Liebermann, Struck, Bondy, Spiro, Pascin, Orlik, Tietze, Cohen, Flechtheim und Paul Cassirer nicht unbeträchtlich. Aber Antisemitismus spielte in dem Streit damals keine Rolle. Wohl war in Vinnens Protest gelegentlich von »Rasse« die Rede. Doch das richtete sich nicht gegen Juden. Beschworen wurde damit nur ein mystifiziertes »Deutsch-« und »Germanentum«.

»entartet« Das änderte sich später. Bereits vor 1933 und erst recht danach wurden die einst dem »Erbfeind« Frankreich zugesprochenen »krankhaften Erscheinungen von Erzeugnissen der Erschöpfung und Überkultur – oder ganz einfach der Reklametollheit« jetzt als »jüdisch« und »volksfremd« deklariert. Das machte es Malern wie Arthur Kampf und Richard Müller oder dem Architekten Paul Schultze-Naumburg leicht, die Gunst der neuen Machthaber und dadurch jenen wohl gefüllten »Brotkorb« zu gewinnen, der ihnen zwei Jahrzehnte zuvor angeblich zu Unrecht vorenthalten geblieben war.

Dagegen fand sich der überwiegende Teil jener Maler, die ihnen mit der Antwort widersprochen hatten und von denen viele für die Sonderbund-Ausstellung ausgewählt worden waren, auf den Listen der »entarteten Kunst«, die »auszumerzen« sei. Wenn einer der Künstler Jude war oder als Jude galt, wurde das zu einem die Diskriminierung verschärfenden Faktum.

Denn damit sollte die Behauptung untermauert werden, die missliebige Moderne sei eine Erfindung des Judentums, um das hehre Deutschtum zu zersetzen. Der Blick 100 Jahre zurück auf die Sonderbund-Ausstellung widerlegt diese Schimäre. Man kann dort Werke sehen, die auf christliche Motive zurückgreifen. Das macht diese Kunst so wenig »christlich«, wie sie »jüdisch« ist, nur weil die Künstler aus jüdischem Haus kamen. Die Moderne ist schlicht die Moderne und – obwohl inzwischen 100 Jahre alt – immer noch modern.

»1912 – Mission Moderne«. Die Jahrhundertschau des Sonderbundes. Wallraf-Richartz-Museum Köln, 31. August bis 30. Dezember
www.wallraf.museum

Lebende Legende

Wolf Biermann feiert 90. Geburtstag mit drei Festkonzerten

Vor 50 Jahren wurde der Liedermacher aus der DDR ausgebürgert. Zudem feiert er seinen 90. Geburtstag. Mit Konzerten blickt er auf ein bewegtes Leben voller Musik und politischer Haltung zurück

 04.03.2026

Berlin

Nächste Krisensitzung: Wie geht es weiter bei der Berlinale?

Lebhaft wurde in den vergangenen Tagen über die Zukunft des Filmfestivals und Intendantin Tricia Tuttle diskutiert. Nun trifft sich der Aufsichtsrat erneut

 04.03.2026

Programm

Kleine Großstadtdektive, ein musikalischer Golem und Gespräche: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 5. bis zum 12. März

 03.03.2026

Kult-Comics

80 Jahre Lucky Luke: Der Cowboy mit dem smarten Pferd

Zwar trägt Lucky Luke keinen Davidstern. Der jüdische Autor René Goscinny trug aber entscheidend zum Witz und dem großen Erfolg der Serie bei

 03.03.2026

Berlin

Tuttle will bei Berlinale bleiben - ist der Streit vorbei?

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle leitet das renommierte Filmfestival seit 2024. Nach Vorwürfen und Kontroversen legt sie sich fest: Sie will weitermachen. Aber längst nicht alle Fragen sind geklärt

von Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat  03.03.2026

Berlin

Weimer: »Auf gutem Weg« zu zukunftsfester Berlinale

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle will Leiterin des Filmfestivals bleiben. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien reagiert knapp

 03.03.2026

Berlin

Tuttle: Will »in vollem Vertrauen« Berlinale-Chefin bleiben

Nach politischen Kontroversen wird lebhaft über die Zukunft der Berlinale diskutiert - und die ihrer Chefin. Im Interview erklärt Tricia Tuttle, wieso sie im Amt bleiben will

von Sabrina Szameitat  03.03.2026

Potsdam

Zentrum für jüdischen Film wird eröffnet

An der Filmuniversität Babelsberg soll Lea Wohl von Haselberg ein neues Zentrum für jüdischen Film und audiovisuelles Erinnern leiten

 03.03.2026

Doppel-Interview zu Holocaust-Forschung

»Wir streiten uns nicht über die Fakten«

Seit Wochen tobt im Feuilleton ein Streit über den Stellenwert der Kollaboration in den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern. Erstmals diskutieren die Hauptprotagonisten, die Schoa-Historiker Jan Grabowski und Stephan Lehnstaedt, direkt miteinander

von Ayala Goldmann, Michael Thaidigsmann  03.03.2026