Berlin

»Wie es wirklich war«: Schoa-Überlebende als Hologramme  

Die Holocaust-Überlebende Eva Weyl wird in einem Studio der TU Dortmund für ein Hologramm bei der Beantwortung von Fragen zu ihrem Leben gefilmt und ist dabei auf einem Monitor zu sehen. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Pool

Zusammen sind sie 200 Jahre alt – die bekannten Zeitzeugen und Schoa-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch und Leon Weintraub. Sie gehören zu den heute hochbetagten Menschen, die das millionenfache Morden der Nazis überlebten und aus erster Hand von den Verbrechen an den europäischen Jüdinnen und Juden erzählen können. Noch. Denn es werden immer weniger Zeitzeugen. Nach jüngsten Angaben der Claims Conference gibt es weltweit derzeit etwa 200.000 verbliebene Überlebende der Schoa.

Die Frage, wie es nach dem Tod der Zeitzeugen weitergeht, beschäftigt Forschende und andere mit dem Thema Befasste schon lange. Das Thema stand jetzt auch auf dem Programm einer Konferenz zu Formen digitaler Erinnerung am Dienstag und Mittwoch in Berlin. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung von der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland – zwei Wochen vor dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar. Das Datum erinnert an die Befreiung überlebender Häftlinge im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau 1945.

Gefahr durch Manipulation

Das Feld der Erinnerung dürfe nicht Erschaffern von Desinformationen und »Fake News« überlassen werden, darin waren sich die Teilnehmenden der Konferenz einig. Denn Künstliche Intelligenz macht viele Manipulationen in Wort und Bild möglich. Zugleich hilft Technik aber auch, Erinnerung lebendig zu halten. So gibt es Zeitzeugen, die als Hologramme beziehungsweise Projektionen Fragen zu ihrem eigenen Schicksal, zur Schoa und zum Nationalsozialismus beantworten. Mitgemacht haben unter anderem Lasker-Wallfisch und Weintraub.

Und auch Eva Umlauf. Sie gehört zu denen, die aus der Hölle von Auschwitz gerettet wurden – als eine der jüngsten Überlebenden. Heute ist die 83-Jährige die Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees, und sie nahm auch an der Konferenz in Berlin teil. Im Januar 1945 war sie gerade einmal zwei Jahre alt. Die Rote Armee befreite das Mädchen zusammen mit seiner Mutter. Eva Umlaufs Vater überlebte dagegen nicht. Sie kam in der Slowakei zur Welt, wohnt in München und ist Kinderärztin sowie Psychotherapeutin.

Keine Updates

Sie und andere Zeitzeugen, die als Hologramme zum Beispiel in Gedenkstätten und Museen zu sehen sind, haben im Vorfeld Fragen beantwortet. Oft sind es Hunderte. Einem Algorithmus folgend, setzen sich daraus Antworten auf Fragen von Besuchern an die virtuelle Abbildung von Eva Umlauf oder anderen Menschen zusammen. Dabei geht es beispielsweise um ihre Biografie, ihr Schicksal unter dem NS-Regime und ihre Erfahrungen.

Zeitzeugen als Hologramme seien eine Form der Erinnerung, die sie befürworte, sagte Umlauf. Allerdings könne man sie nicht mit einer lebendigen Person vergleichen, mit der man in Gesprächen viel weiter in die Tiefe gehen und Nachfragen stellen könne. Hologramme könnten das nicht, weil sie keine Updates bekämen. Diese virtuellen Abbildungen von Überlebenden seien gleichwohl ein Ersatz - »ob es ein guter ist, wird die Zeit zeigen«, so Umlauf.

Digitales Erinnern sei lediglich ein Teil des Gedenkens. »Wir haben viele Dokumente«, betonte Umlauf. Als Beispiele nannte sie Bücher und Filme. Sie kritisierte Formate in Sozialen Medien, in denen das Leben von Überlebenden zum Teil in 90 Sekunden erzählt werde: »Das ist nicht möglich.«

»Digitale Gespenster«

Hologramme sind nicht unumstritten. So sagte der kürzlich gestorbene jüdische Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik zu Lebzeiten einmal: »Ich bin entschieden dagegen, dass gleichsam digitale Gespenster als Gesprächspartner zur Verfügung stehen. Geschichte ist Geschichte, und man kann das Geschehene nicht elektronisch wieder auferstehen lassen.«

Anders sieht es der Überlebende Weintraub. Anlässlich seines 100. Geburtstages am 1. Januar dieses Jahres sagte er: »Es wurden schon zweimal Hologramme von mir eingespielt. Man wird mir daher auch noch in 30 Jahren gegenübersitzen können und mich fragen können, wie es wirklich war.« Denn zu vermitteln, wie es wirklich war unter der Nazi-Herrschaft, dürfte angesichts von unechten oder KI-generierten Bildern in Sozialen Medien nicht nur ihm ein Anliegen sein.

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