Theater

Wenn Schicksale sich reimen

Szene aus »Replay« mit Carolin Haupt und Eva Meckbach Foto: Ivan Kravtsov

Theater

Wenn Schicksale sich reimen

Yael Ronens »Replay« erzählt die Geschichte einer DDR-Familie in Zyklen

von Leonie Ettinger  22.12.2024 16:10 Uhr

»Wie kann es sein, dass das wieder passiert? Wir haben so viele Fortschritte gemacht. Ich habe so viele Fortschritte gemacht. Wir haben so hart gekämpft, ich meine, ich hab so hart gekämpft. Und wo sind wir? Hier! Schon wieder«, heißt es in Replay, dem neuen Stück der israelischen Dramatikerin Yael Ronen, das am vergangenen Samstagabend an der Berliner Schaubühne Premiere feierte.

Seltsame Zufälle, überraschende Wiederholungen und trügerische Erinnerungen prägen das episodische Narrativ, das vier Generationen familiärer Traumata offenlegt. Doch trotz eleganter Inszenierung und scharfsinniger Dialoge fehlt es an Raffinesse; die Handlung gleitet in Klischees ab.

Charaktere sind ein Ex-Stasi-Spitzel, ein Trinker und ein jüdischer Uropa.

Replay erzählt die Geschichte einer DDR-Familie in Stereotypen: In den 80er-Jahren begeht die Mutter (Ruth Rosenfeld) Republikflucht, um als Opernsängerin im wagnerianischen Bayreuth Karriere zu machen.

Nach der Wende zieht die jüngere Tochter Luise, genannt Lulu (Carolin Haupt), zur Mutter; Lotte (Eva Meckbach) bleibt beim Vater (Renato Schuch), einem suizidgefährdeten Ex-Stasi-Spitzel. Lulu heiratet den wesentlich älteren Viktor (Christoph Gawenda), der die Trunksucht des Vaters und den Narzissmus der Mutter in sich vereint. Ihr Sohn Adam begeht Selbstmord, genau wie sein jüdischer Urgroßvater Herschele. Ohne ihren kulturellen Wurzeln viel Aufmerksamkeit zu schenken, liegen die Ursachen der tragischen Wiederholungszwänge dieser vermeintlich deutschen Familie also in der Schoa.

Ronen, die für ihren bissigen, satirischen Humor bekannt ist, zeigt sich in dieser dramatischen Studie über zyklische familiäre Verhaltensmuster nachdenklich und gedämpft. Sosehr die Figuren auch versuchen, neue Bahnen einzuschlagen und ihre Liebsten zu schützen, indem sie Handlungen ihrer Ahnen verschweigen, die Splitter der Vergangenheit brechen unheilvoll im Jetzt hervor.

Replay ist Yael Ronens zweite Produktion an der Schaubühne

Nachdem Ronens gewitzte Inszenierungen ein Jahrzehnt lang zum Standardrepertoire des Maxim Gorki Theaters gehörten, ist Replay die zweite Produktion an der Schaubühne. Die Nahost-Komödie The Situation am Gorki wurde nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 abgesetzt, da der Humor des Stücks angesichts der neuen Realität nicht zeitgemäß schien. Stattdessen widmete sich Ronen mit Bucket List, das im Dezember 2023 an der Schaubühne uraufgeführt wurde, einer herben theatralischen Auseinandersetzung mit Krieg und Traumabewältigung.

Der 7. Oktober markiert offenbar eine Zäsur im Schaffen der Dramatikerin, aus der das Gefühl der Ausweglosigkeit spürbar wird.
Replay orientiert sich an William Strauss’ und Neil Howes Bestseller The Fourth Turning (1996), der ein zweifelhaftes Geschichtsverständnis propagiert, in dem gesellschaftlicher Wandel in vier zyklische Phasen unterteilt wird (Höhepunkt, Erwachen, Auflösung, Krise). Ronen untersucht die Verstrickung von Individuen in diese historischen Wiederholungsmuster. Entgegen ihrer typischen Methode, die Biografien der Darstellenden in die Konzeption des Dramentextes einzubauen, ist Replay fiktiv und zielt darauf ab, universelle soziale Wunden bloßzulegen. Trotz fragwürdiger Theoriegrundlage ist das Ergebnis eine bewegende Theatermeditation, die erkundet, ob das Bewusstsein über transgenerationelle Traumata helfen kann, überlieferte Verhaltensweisen zu bewältigen.

Das Stück beginnt mit einer Publikumsansprache, in der eine schwarz gekleidete Erzählerin (Eva Meckbach) die Geschichtsauffassung von Strauss und Howe vorstellt. Dann erscheint ein Paar – wie sich später herausstellt, Lulu und Viktor – in bunten Badeanzügen, und die Erzählerin berichtet von einer unglückseligen Parallele: Die Frau liest in David Grossmans Aus der Zeit fallen (2011) vom Verlust eines Kindes, bevor sie weiß, dass sie selbst einen Sohn verlieren wird. Die nächste Szene zeigt Lulu und Lotte, benannt nach Erich Kästners Das doppelte Lottchen (1949), in der Kindheit, als die Mutter nach Bayreuth aufbricht.

Die Musik beruft sich auf Johann Sebastian Bachs ewigen Kanon.

Wiederholungen häufen sich, wenn die Eltern streiten und die Töchter Sätze wie »Dass du dich nicht für mich freuen kannst, für meinen Erfolg« in ihren Zwistigkeiten imitieren, oder wenn der Vater Handschuhe sucht – zuerst von der Mutter, einige Jahre später von Lulu. Das Narrativ schreitet chronologisch fort, bis die Mutter nach einem Schlaganfall im Koma liegt und Adam, der nie auf der Bühne erscheint, beerdigt wird.

Am Ende arbeitet Lotte die familiäre Vergangenheit therapeutisch auf. Viktor, nun trocken, erwartet Nachwuchs mit einer neuen Frau. Und Lulu hat in Paul (ebenfalls Renato Schuch) einen fürsorglichen Partner gefunden. Vielleicht deutet dieses Ende auf Hoffnung für einen Bruch mit den verhängnisvollen Zyklen hin?

Schallendes Gelächter und spontaner Applaus: Ronen hat die Fähigkeit, das Publikum in den Bann zu ziehen

Ronens scharfzüngiger Dialog ist dem fantastischen Ensemble auf den Leib geschrieben. Carolin Haupt sticht als Lulu hervor, die als junges Mädchen exzessive Tobsuchtsanfälle simuliert und auch als Erwachsene ihr Temperament behält. Hier, wie in einer Szene, in der die Mutter eine gekünstelte Opernversion von »Happy Birthday« singt, was schallendes Gelächter und spontanen Applaus auslöst, zeigt sich Ronens einzigartige Fähigkeit, das Publikum in den Bann zu ziehen.

Fast verzeiht man die geschichtspsychologischen Binsenweisheiten. Magda Willis’ kreisförmige, von weißen Textilplanen umsäumte Bühnenkonstruktion sowie Stefano di Buduos Videoloops mit spiralförmigen Abstraktionen und endlosem Schneefall spiegeln das zyklische Thema der Aufführung raffiniert wider.

Auch die musikalische Untermalung von Yaniv Fridel und Ofer Shabi knüpft an das Prinzip der Wiederkehr an und beruft sich auf Johann Sebastian Bachs »canon perpetuus«, den ewigen Kanon. Alles in allem eine starke, stimmige Leistung des gesamten Teams. Schade nur, dass das Narrativ sich in deterministischen Schemata verfängt und die Freiheit der Bühnenkunst fast aus den Augen verliert.

»Replay« wird erneut am 23., 24., 25 und 26. Januar 2025 aufgeführt.

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