Beim Berlinerischen »sitzt die Stimme hier so«, sagt Lea Streisand und zeigt mit ihrer Hand auf Höhe des Magens, so kurz unter dem Brustkorb. »Und«, ihre Hand schnellt geradeaus, »schießt sozusagen direkt nach vorne.« Das Hochdeutsche wiederum, das sitze weiter oben und werde stimmlich stärker moduliert. »Dadurch klingt auch gleich alles viel bedeutender, was ich sage. So formuliere ich Gesetze und Regeln, und ich erwarte, dass sie befolgt werden«, sagt die Berliner Autorin in feinstem Hochdeutsch.
Wer Lea Streisand aus ihrer Hörkolumne »War schön jewesen« bei Radio Eins kennt oder von Lesungen, der weiß, dass das eigentlich nicht so wirklich zu der gebürtigen Ostberlinerin passt. Deshalb geht das Gespräch auch schnell wieder in dem Dialekt weiter, über den Streisand gerade ein Buch geschrieben hat, dem Berlinerischen.
Lea Streisand sitzt an diesem Vormittag vor ihrem Schreibtisch, neben ihr hohe Bücherregale, vor ihr Bücher, von Daniel Donskoy, Edgar Allan Poe, Victor Schefé – hier ein paar kleine Zettel, dort ein Notizblock, sie spricht schnell und auf den Punkt. Nach langer und intensiver Recherche ist sie definitiv eine Expertin des Berlinerischen. Und dass sich dahinter viel mehr versteckt als nur »icke, dette, kieke ma, Oogen, Fleesch und Beene«, das beschreibt Streisand sehr amüsant in der kleinen Duden-Abhandlung.
In Ostberlin war die Sprache eine Abgrenzung gegen die sächselnde Obrigkeit.
Es ist eine sprachliche und auch eine geografische Reise, eine kulturelle und auch eine soziologische: »Mein Berlinerisch ist das ›Ostberliner Akademikersprech‹«. Was das genau ist, das erklärt sie so: »Wenn ich rede, baue ich ja durchaus lange Sätze mit vielen Relativsätzen. Das ist akademisches Sprechen, aber mit diesem bäuerlichen Unterton, sodass man immer das Gefühl hat, Inhalt und Form passten nicht richtig zusammen. Aber genau das macht es so interessant.«
Die Botschaft sei: »Ich habe mich sehr lange damit beschäftigt, und die Sache ist wichtig. Nicht ich als Person bin wichtig, sondern die Sache.« Außerdem ist es für sie »die Sprache des Nachdenkens«, so nach dem Motto: »Wir überlegen mal.« Nichtberliner verstünden das oft nicht »oder empfinden es als beleidigend, wobei der Berliner dann denkt: ›Hä? Niemand hat dich beleidigt, du Vogel.‹« Spätestens bei diesem netten Nachsatz weiß das Gegenüber dann, woran es ist. Berlinerisch kann sehr liebevoll sein, wie Lea Streisand in ihrem Buch über ihre Fanpost schreibt, die so klingt: »›Liebe Frau Streisand, normalerweise gehn Sie mir ja echt auf’n Senkel mit ihre Texte, aber ditt Ding war wirklich lustich jewesen!‹ Das ist wahre Liebe.« Aber woran liegt es, dass diese aufrichtige, direkte, schnelle Art nicht immer als wohlwollend aufgenommen werde? Die wichtigste Regel beim Berlinerischen sei: Fasse dich kurz. »Die Stadt ist groß, die Zeit ist knapp. Da wird auch stimmlich nicht groß rumgeeiert. Wir reden schnell geradeheraus und immer ein wenig so, als hätten wir einen Sack Kartoffeln auf den Schultern. Nach dem Motto: ›Wat willste?‹« Außerdem habe es etwas mit der Haltung zu tun: Ein Understatement sei es, was das Berlinerische ausmache, eben »dieses Prinzip: ›Nuʼ kommʼwa ma runter.‹«
»Wat willste?«, allerdings, diese Frage, die im ehemaligen Ostteil der Stadt durchaus öfter zu hören ist, die kligt in Gegenden vom ehemaligen Westberlin doch eher hochdeutsch.
Denn rein sprachlich gibt es durchaus eine Teilung der Stadt. Das habe historische Gründe, die nichts mit der Mauer zu tun haben, sagt Streisand: »Im Südwesten wohnten seit der Aufklärung die Reichen, also in Potsdam, Charlottenburg. Das waren eigene Städte, und zwar sehr viel wohlhabendere als dieses popelige Berlin. Charlottenburg wurde erst 1920 eingemeindet.«
Streisands Urgroßeltern wohnten in Charlottenburg: »Da hat niemand berlinert, höchstens das Personal, und das kam aus Kreuzberg oder Prenzlauer Berg.« Viel später in Ostberlin war das Berlinern »auch immer eine Abgrenzung gegen die sächselnde Obrigkeit«.
Und dann gibt es noch Begriffe, die bei Lea Streisand »Heimatgefühle« auslösen, weil ihre Großmutter so gesprochen hat, die jiddischen nämlich Tacheles, Schlamassel – »da ist die Herkunft klar«, sagt Streisand. »Aber kommt ›dufte‹ wirklich von ›tov‹? Gerade zum Berlinerischen wurde echt viel geschrieben und noch mehr behauptet, aber einiges leuchtet mir nicht ein.«
Allerdings kann auch die »Waschechte«, wie sich Streisand im Buch selbst nennt, noch etwas überraschen, nämlich der Unterschied zwischen »ick« und »icke«. »Ewald Harndt schreibt, und da hat er recht, das verhält sich zueinander wie «je» und «moi» im Französischen. «Icke» ist das bestimmte ich. Es wird nur in absoluten Ausnahmefällen verwendet. Etwa als Einwortsatz auf die Frage: Wer steht draußen?« Und jeder, der berlinert kennt die Antwort ganz sicher, wa?
Lea Streisand: »Berlinerisch. Watt denn, icke?«. Duden, Berlin 2026, 128 S., 14 €