Auszeichnung

Was das Leben erzählt

Juniorprofessorin in Potsdam: Grazyna Jurewicz Foto: Chris Hartung

Auszeichnung

Was das Leben erzählt

Die Philosophin, Judaistin und Biografie-Forscherin Grazyna Jurewicz erhält den Moses-Mendelssohn-Preis 2022

von Blanka Weber  03.03.2022 08:16 Uhr

»Wir sollten über das sprechen, was uns verbindet.« Dieser Satz könnte so oder so ähnlich von Moses Mendelssohn stammen. Zumindest geht Grazyna Jurewicz davon aus, wenn sie Zeitzeugen liest, die den Philosophen beschreiben. Er soll konfliktscheu gewesen sein, sanft, auf Dialog ausgerichtet und habe jedem Respekt gezollt. Geboren wurde er 1729 in Dessau. Am 6. März erhält die Religionsphilosophin genau dort den Moses-Mendelssohn-Preis 2022.

Sie sei dankbar für den Preis und damit auch für die Anerkennung ihrer Arbeit, sagt Jurewicz. Seit einem Jahr ist sie Juniorprofessorin am Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft der Universität Potsdam. Davor forschte und lehrte sie in Frankfurt am Main, sammelte in Toronto, Mainz und Düsseldorf Erfahrung. Studiert hat sie in Prag und Potsdam.

LEBENSGESCHICHTEN »Etwas, was mich immer interessierte, ist das Aufeinanderstoßen der großen Geschichte und einzelner Lebensgeschichten.« Es sei jener Moment, wo eine individuelle Biografie geformt werde, aber auch Wirkung entfalten könne. Wenn »unterschiedliche Zeitschichten aufeinanderstoßen«, sagt Jurewicz, »sind es gerade einzelne Lebensgeschichten, in denen die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen besonders sichtbar werden kann.«

Das »biografische Schreiben in Geschichte und Gegenwart« ist einer ihrer Arbeitsschwerpunkte.

Vielleicht war es die eigene Familien­geschichte, die sie einst inspirierte, genauer hinzuhören, zu fragen und zu überlegen: In welchem Kontext stehen Biografien? Schon früh erfuhr sie selbst vom Leben ihrer Großeltern, die Vertriebene aus der heutigen Ukraine und Belarus waren und sich nach 1945 im polnischen Riesengebirge niederlassen sollten – so sah es die politische Nachkriegsordnung vor –, wo früher Deutsche ihr Hab und Gut zurückgelassen hatten.

Lebhaft schildert Jurewicz das Haus der Großeltern, in dem sie aufwuchs, und das für die neuen Besitzer jahrzehntelang kein Zuhause sein sollte. Zu groß war die Sehnsucht nach der früheren Heimat, die keine mehr war, und groß war auch die Hoffnung, wieder dorthin zurückzukehren. Das Leben spielte anders. Und vermutlich sind es die Brüche, die Grazyna Jurewicz motivieren, als Religionsphilosophin auf jüdische Biografien zu blicken. Das »biografische Schreiben in Geschichte und Gegenwart« ist einer ihrer Arbeitsschwerpunkte, ebenso die Haskala, die jüdische Aufklärung.

FREUNDSCHAFTEN Geboren wurde Grazyna Jurewicz 1979 in Oberschlesien. Zwar habe sie keine jüdischen Wurzeln, erzählt die Wissenschaftlerin, doch es ging ihr schon als Kind sehr nahe, wenn ihr Vater davon berichtete, dass seine jüdischen Freunde 1968 Polen verlassen hatten, weil die antisemitischen Anfeindungen zu groß waren. »Das war ein Verlust, der ihn sein Leben lang beschäftigte, der Verlust der jüdischen Freundschaften. Dieser Verlust war ein sehr wichtiger Teil des Gedächtnisses unserer Familie.« Und er stand symbolisch für die »Abwesenheit der Juden« in der polnischen Gegenwart.

Moses Mendelssohn hat ein Denken vertreten, das für ein individuelles Recht auf die Selbstentfaltung in Freiheit stand.

Als Wissenschaftlerin hat sie nach den Ursachen für diese »Abwesenheit« gefragt und bei Moses Mendelssohn einen Anker gefunden, bei jenem Aufklärer, der mit Lessing befreundet und ein Zeitgenosse Kants und Rousseaus war, der Westjiddisch und Hebräisch sprach, als Hochbegabter Deutsch, Französisch, Englisch und Griechisch selbst erlernte und einer der führenden Philosophen und Intellektuellen des Landes werden sollte.

Mendelssohn, so Jurewicz, habe voller Optimismus ein Denken vertreten, das für ein individuelles Recht auf die Selbstentfaltung in voller Freiheit stand. In seinem Hauptwerk Jerusalem gehe es genau darum, dieses universelle Recht auch für Juden einzuklagen und das Judentum gegenüber den Christen als aufgeklärte Religion zu vertreten. Mendelssohns Argument: Es sei die Religion der Vernunft − eine, die ein richtiges Handeln erfordere. Die aber keinem sage, was zu denken sei.

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  05.03.2026

Thüringen

Doppelkonzert eröffnet Jüdisch-Israelische Kulturtage

Nach stornierten Flügen gelingt dem israelischen Sharon-Mansur-Trio aus Haifa doch noch die Anreise nach Deutschland. Jetzt starten die Jüdisch-Israelischen Kulturtage Thüringen gemeinsam mit israelischen und iranischen Künstlern

 04.03.2026

Berlin

Tricia Tuttle bleibt Berlinale-Chefin

Die Amerikanerin muss sich allerdings an Auflagen halten

 04.03.2026

Shkoyach!

Eine Begegnung vor dem Krieg Oder Frieden. Schalom. Saleh.

Die Mullahs mit ihrem rasenden Hass auf Israel als Staatsdoktrin haben bei vielen Iranern genau das Gegenteil bewirkt. Eine Begegnung vor dem Krieg

von Sophie Albers Ben Chamo  04.03.2026

Lebende Legende

Wolf Biermann feiert 90. Geburtstag mit drei Festkonzerten

Vor 50 Jahren wurde der Liedermacher aus der DDR ausgebürgert. Zudem feiert er seinen 90. Geburtstag. Mit Konzerten blickt er auf ein bewegtes Leben voller Musik und politischer Haltung zurück

 04.03.2026

Berlin

Nächste Krisensitzung: Wie geht es weiter bei der Berlinale?

Lebhaft wurde in den vergangenen Tagen über die Zukunft des Filmfestivals und Intendantin Tricia Tuttle diskutiert. Nun trifft sich der Aufsichtsrat erneut

 04.03.2026

Programm

Kleine Großstadtdetektive, ein musikalischer Golem und Gespräche: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 5. bis zum 12. März

 03.03.2026

Kult-Comics

80 Jahre Lucky Luke: Der Cowboy mit dem smarten Pferd

Zwar trägt Lucky Luke keinen Davidstern. Der jüdische Autor René Goscinny trug aber entscheidend zum Witz und dem großen Erfolg der Serie bei

 03.03.2026

Berlin

Tuttle will bei Berlinale bleiben - ist der Streit vorbei?

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle leitet das renommierte Filmfestival seit 2024. Nach Vorwürfen und Kontroversen legt sie sich fest: Sie will weitermachen. Aber längst nicht alle Fragen sind geklärt

von Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat  03.03.2026