Rezension

Vorsicht, Sackgasse!

Ein unterhaltsames Buch, das den »Rechten« wie den »Linken« nichts durchgehen lässt. Foto: Klett-Cotta

Rezension

Vorsicht, Sackgasse!

Drei Autoren fragen sich, unter welchen Umständen das Gespräch mit Rechtspopulisten gelingen kann

von Harald Loch  20.11.2017 16:55 Uhr

Im Fadenkreuz des Leitfadens stehen die »Rechten«. Drei gestandene Autoren wollen uns erklären, wie wir mit ihnen reden sollen. Brauchen wir das wirklich, und hilft uns ihr Buch Mit Rechten reden. Ein Leitfaden, wenn wir nicht wissen, wie wir das anstellen sollen?

Vorweg ein a priori der Demokratie: Dass wir mit jedem reden dürfen und auch hin und wieder reden müssen, sollte unstrittig sein. Ebenso dürfte klar sein, dass wir es nicht mit der Intention eines Missionars tun sollten, nach dem Motto »Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag’ ich dir den Schädel ein!«

Provokation Per Leo, Autor des zu Recht hochgelobtem Romans Flut und Boden, Maximilian Steinbeis, Betreiber des auch international angesehenen »Verfassungsblogs«, und Daniel-Pascal Zorn, promovierter Philosoph mit dem Spezialgebiet Argumentationslogik, verknüpfen mit ihrem »Leitfaden« fast Unvereinbares miteinander. Das Wichtigste: Sie entschleiern die Taktik der politisch organisierten Rechten als einfachen rhetorischen Trick. Auf die gut dosierte Provokation erwarten sie den Keulenschlag der Nicht-Rechten, den sie mit der unwahren Unterstellung kontern, man könne in diesem Staat nicht einmal mehr die Wahrheit sagen, ohne sofort diffamiert zu werden.

Die Autoren nennen Beispiele dafür: Björn Höckes Dresdner Rede mit dem Etikett »Denkmal der Schande« für das Berliner Mahnmal zur Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden. Die bekannte rechtsnationalistische Einstellung Höckes ließ nur eine der in der Tat mehrdeutigen Lesarten zu. Die deutsche und internationale Öffentlichkeit war zu Recht empört und kritisierte den AfD-Politiker. Das verlogene, »klarstellende« Nachwort Höckes triefte dann vor Opfertränen, die erneut Empörung auslösten.

Die Autoren des Leitfadens fassen diese rhetorische Taktik der »Rechten« kurz zusammen: Mal spielen sie den Täter, dann wieder das Opfer – immer ist ihnen Öffentlichkeit sicher. Diese Entlarvung des argumentativen Tricks könnte oberlehrerhaft wirken. Darum fügen die drei Autoren eine vierte Person ein, einen anonym bleibenden Unbekannten. Dieser fiktionale Teil des Buches verstört den an logischer Beweisführung interessierten Leser, noch dazu, wenn diese Person auf ihrem Sterbebett den herbeigeeilten Autoren ihren letzten Traum erzählt, dessen Deutung offenbleibt.

Humor Der irritierte Leser muss bei der Stange gehalten werden. Deshalb würzen die Autoren ihre zeitgeschichtliche Analyse mit einer für solche Arbeiten nicht üblichen Portion Humor, gutem Humor, teils in englischer Sprache, teils auch auf Kosten der »Linken«, denen sich die Autoren in vielem verbunden, aber keineswegs zugehörig fühlen.

So entsteht ein unterhaltsames Buch, das den »Rechten« wie den »Linken« nichts durchgehen lässt, aber wie bei einer fernöstlichen Verteidigungsmethode zunächst nachgibt, um dann argumentativ den Gegner – pardon: die Gesprächspartner! – kampfunfähig zu machen. Das gelingt mal besser und mal weniger gut, ist aber als »Sprachspiel« neuerer Art ein interessantes, für manche Leser sicher überzeugendes Experiment. Ob es auch funktioniert, wenn die »Rechten« nicht mitspielen, muss offenbleiben.

Der Leitfaden ist für die Argumentation mit der »offiziellen«, zwar oft widersprüchlichen, aber doch organisiert auftretenden »Rechten« konzipiert. Im Gespräch mit dem Einzelnen kommt es darauf an, die persönlichen und die gesellschaftlichen Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen der Gesprächspartner zu einem der »Rechten« geworden ist, als der ja niemand geboren wird. Dass darunter viele Arbeiter sind, sagen die Wähleranalysen. Was hat die »geborenen Linken« zu »Rechten« gemacht? Es lohnt sich, hierzu Didier Eribons Studie Gesellschaft als Urteil zu lesen.

Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn: »Mit Rechten reden. Ein Leitfaden«. Klett-Cotta, Stuttgart 2017, 183 S., 14 €

Programm

100 Synagogen, zwei Chemnitzer und ein Eis am Stiel: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. Juli bis zum 23. Juli

 15.07.2026

David Baddiel

»Inzwischen kann man Messi in den Griff bekommen«

Der britische Autor über das Halbfinale England vs Argentinien, seinen legendären Fußball-Song »Three Lions« und warum er immer noch glaubt, dass England gegen Argentinien gewinnen wird

von Katrin Richter  15.07.2026

Interview

»Musik ist meine Heimat«

Die Sängerin Anna Margolina über Jazz, jiddische Lyrik und ihr Judentum

von Alicia Rust  14.07.2026

Medien

Wechsel im ARD-Studio Tel Aviv: Sophie von der Tann wird abgelöst

Während der BR seine Korrespondentin in höchsten Tönen lobt, wurde extern immer wieder heftige Kritik geübt. Von der Tanns Nachfolgerin in Israel ist Pia-Marie Steckelbach

 14.07.2026

Kommentar

Wenn Studenten wieder anfangen, Juden auszugrenzen

Es sind Beschlüsse wie der Boykott-Beschluss des Studierendenparlaments der Humboldt-Uni, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die zukünftige sogenannte deutsche Bildungselite noch zu retten ist

von Leeor Engländer  14.07.2026

München

Bayerns 180-Grad-Restitutionswende

Der Freistaat hat sich entschieden, eine Bronze von Picasso zurückzugeben und dabei gleich seinen Umgang mit NS-Raubkunst zu reformieren

von Michael Thaidigsmann  14.07.2026

London

Sacha Baron Cohen als »Ali G« in Wimbledon

Der britische Komiker und Schauspieler hat viele Gesichter. Eine Kunstfigur erscheint plötzlich beim Tennis

 14.07.2026

Sehen!

»In the Hand of Dante«

Die Handlung springt zwischen den Jahrhunderten hin und her. Trotzdem ist der Film mit Gal Gadot und Oscar Isaac ein gelungenes Werk

von Katrin Richter  13.07.2026 Aktualisiert

Paris

»Die Isolation Israels ist ein historisches moralisches Versagen«

»Es ist ein dunkler Moment für Juden auf der ganzen Welt«, sagt der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy. »Wir müssen stolz, stark und weise sein.«

 13.07.2026