Literatur

Von Widrigkeiten und Veränderungen

Grace Paley (1922–2007) Foto: imago/ZUMA Press

Literatur

Von Widrigkeiten und Veränderungen

Zum 100. Geburtstag von Grace Paley – Jüdin, Feministin, politische Aktivistin und Autorin

von Ellen Presser  11.12.2022 07:36 Uhr

Wie wird man Schriftstellerin? Grace Paley war es nach eigenem Bekunden schon immer. Zunächst war das Gedicht ihr Format, mit über 30 fand sie ihr wahres Medium, die Kurzprosa. Susan Sontag zählte Paley zu einer seltenen Gattung. Sie schreibe »komisch, traurig, bescheiden, energisch, genau«. Dabei hatte Paley die Form der Kurzgeschichte gewählt, weil sie als zweifache Mutter für Romane nie die notwendige Zeit und Ruhe gefunden hätte.

Während es in Deutschland eher die Ausnahme ist, kann man in den USA mit Erzählungen reüssieren. Gleich der erste Sammelband The Little Disturbances of Man (1959) erregte Aufmerksamkeit. Und für den deutschen Markt wurde Paley Anfang der 70er-Jahre vom Suhrkamp Verlag entdeckt. Die ersten Erzählungen erschienen unter dem holprigen Titel Die kleinen Störungen der Menschheit. Geschichten vom Lieben.

gesamtwerk Inzwischen gibt es eine Neuübersetzung bei Schöffling & Co., wo man in den 2010er-Jahren begann, das Gesamtwerk neu herauszugeben, mit dem Titel Die kleinen Widrigkeiten des Lebens. Storys (2013). Gerade die Überschriften sind bedeutungsvoll, weil sie Schlüsselmomente des Lebens beschreiben, wie sie jedem widerfahren – insbesondere Frauen.

2014 erschien der Erzählband Ungeheure Veränderungen in letzter Minute, ebenfalls einfühlsam übersetzt von Sigrid Ruschmeier. 2015 folgten, übertragen von Mirko Bonné, Am selben Tag, später. Storys und 2018 Manchmal kommen und manchmal gehen. Gedichte. Quantitativ alles in allem überschaubar, qualitativ meisterhaft und Anlass genug, zum 100. Geburtstag genauer auf das Leben und Schaffen von Grace Paley zu blicken.

Das Milieu, in dem Grace im New Yorker Stadtteil Bronx aufwuchs, war geprägt vom Alltag osteuropäisch-jüdischer Einwandererfamilien.

Geboren wurde sie am 11. Dezember 1922 als jüngstes von drei Kindern des Ehepaares Manja, geborene Ridnyik, und Isaac Goodside. Der Name der aus der Ukraine eingewanderten Eltern war amerikanisiert und das Milieu, in dem Grace Goodside im New Yorker Stadtteil Bronx aufwuchs, geprägt vom Alltag osteuropäisch-jüdischer Einwandererfamilien. Es sollte ihre erste wichtige Inspirationsquelle werden. 1982 erklärte sie in einem Interview: »Ich glaube, das Formale verdanke ich der Literatur, aber die Sprache und meine Stoffe habe ich aus meiner Umgebung, vom Park, von der Straße und meiner Familie.«

Es heißt, dass die wiederkehrende Figur Faith Darwin autobiografische Züge trage. Paley bestritt dies, sie stehe ihr lediglich nahe: »Sie ähnelt meistens meinen Freundinnen mehr als mir selbst.« Hier schimmert auch der Humor durch, mit dem sie vor allem die Heldinnen ihrer Geschichten skizziert. Ihre Ausbildung war fragmentarisch. Sie beendete weder Highschool noch Uni-Kurse.

Leben Ihr Leben verlief zunächst eher konventionell: 1942 Heirat mit dem Fotografen und Filmemacher Jess Paley, 1949 und 1951 Geburt der Kinder, 1967 Trennung, 1972 Scheidung, danach Heirat mit dem Autor Bob Nichols. Doch schon Anfang der 60er-Jahre war sie bei der Gründung des Greenwich Village Peace Centers dabei, protestierte gegen den Vietnam-Krieg.

1965 nahm sie eine Lehrtätigkeit auf, gab Kurse in Kreativem Schreiben. Paley reiste nach Frankreich und Schweden zu Treffen mit Wehrdienstverweigerern und 1969 nach Vietnam, um drei Kriegsgefangene in die USA zurückzubegleiten. Sie reiste nach Moskau, China, El Salvador und Nicaragua; 1978 gehörte sie zu den »White House Eleven«, die verhaftet wurden, weil sie vor dem Weißen Haus ein Anti-Atom-Banner ausgebreitet hatten.

1987 fuhr Grace Paley nach Israel, wo sie gegen die Politik in Bezug auf das Westjordanland und auf Gaza wetterte. Es war ein weiter Weg, der Grace Paley vom Einwanderermilieu bis zum politischen Aktionismus führte. Sie starb am 22. August 20o7 in Thetford Hill, Vermont.

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 01.11.2026

Konferenz in Berlin

Wie die Schlagzeile das Israelbild formt

Bei einem Workshop an der Technischen Universität Berlin gingen Wissenschaftler und Journalisten der Frage nach, wie deutsche Medien über Israel berichten, welche Narrative dabei wirken und wo sich Fehler einschleichen

 01.11.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Der ungelesene Bücherstapel oder Die Bibliografie des idealen Menschen

von Nicole Dreyfus  01.11.2026

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Am Montag wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  30.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  29.10.2026