Adolf Busch ist untröstlich. Am 14. September 1951 ist sein nur anderthalb Jahre älterer Bruder Fritz gestorben. Im Februar des Jahres hatte der Dirigent zum ersten Mal seit seiner Emigration aus Nazi-Deutschland wieder im Heimatland konzertiert, hatte bei der Wiener Staatsoper Aussichten auf die Anstellung als Generalmusikdirektor und konnte im südenglischen Glyndebourne wieder anknüpfen als Dirigent dieses Opernfestivals, das er ab 1934 mit aufgebaut und musikalisch geprägt hatte. 17 Vorstellungen bei den Opernfestspielen von Edinburgh lagen gerade hinter ihm, die letzte war Mozarts »Don Giovanni« am 8. September. Sechs Tage später erliegt der umtriebige Orchesterleiter im Londoner Hotel Savoy seinem Herzleiden.
Der Bruder schreibt am 1. Oktober an seinen Schwager, dass ihn der Tod von Fritz sehr traurig mache. Er habe »eine große Arbeit angefangen: den 6. Psalm für Chor, Orch. u. Orgel«. Das Werk wird sein Vermächtnis werden: Kurz vor seinem eigenen Tod, am 9. Juni 1952, kann Adolf Busch diese ausdrucksstarke Arbeit vollenden.
Seite an Seite sind die beiden berühmtesten Kinder der Eheleute Wilhelm und Henriette Busch durch ihr Leben gegangen. Fritz kam am 13. März 1890 in Siegen zur Welt, Adolf am 8. August 1891; beide lernten im familiären Rahmen ihr Instrument – der Ältere Klavier, der Jüngere Geige. Mit dem Vater muggten sie sich durchs Land. Ein Umzug nach Siegburg, später nach Köln machte eine gründliche musikalische Ausbildung möglich. Beide studierten am Conservatorium der Musik, beide begegneten früh dem Komponisten Max Reger, einem Mentor, der zum Freund werden sollte und dessen Erbe sie pflegten.
Kurkapellmeister in Bad Pyrmont und Kapellmeister am Deutschen Theater in Riga
1909 startete Adolf Busch seine glänzende Karriere als Violinist. Fritz Busch wurde im selben Jahr Kurkapellmeister in Bad Pyrmont und Kapellmeister am Deutschen Theater in Riga. Nach zwei Jahren als Leiter des Musikvereins Gotha bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs (zu dem sich Busch als Freiwilliger meldete) bekam er in Aachen eine Anstellung als Städtischer Musikdirektor. 1911 hatte er sich mit Grete Boettcher vermählt; das Paar bekam einen Sohn und zwei Töchter.
Nach vier Jahren in einer Leitungsposition am Opernhaus in Stuttgart tat Fritz Busch 1922 einen weitreichenden Karriereschritt: Der Dirigent aus dem Siegerland wurde Sächsischer Generalmusikdirektor. Dort, an der Dresdner Staatsoper, stand Busch mit dem allmählichen Erstarken rechtsextremer Kräfte zusehends in der Kritik.
Schon vor Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 hatte er deutlich signalisiert, dass er von den Nationalsozialisten und ihrer menschenverachtenden Doktrin nichts hielt.
Schon vor Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 hatte er deutlich signalisiert, dass er von den Nationalsozialisten und ihrer menschenverachtenden Doktrin nichts hielt. Die Presse fuhr eine Kampagne, gestützt auch auf Spitzel in Buschs Umgebung. Die Vorwürfe zielten unter anderem auf die »bevorzugte« Beschäftigung jüdischer und ausländischer Sänger sowie auf seine zahlreichen privaten Kontakte mit Juden. So war der jüdische Pianist Rudolf Serkin enger musikalischer Partner von Bruder Adolf und wurde später auch dessen Schwiegersohn; der Geiger Yehudi Menuhin konzertierte schon 1929, mit elf Jahren, in Dresden mit der Staatskapelle.
Am 7. März, zwei Tage nach der Reichstagswahl, bei der die NSDAP 43,9 Prozent der Stimmen erhielt, vertrieb ihn das Geschrei der SA-Getreuen im Publikum vom Pult: »Nieder mit Busch! Verräter raus!« In seinen Tageskalender notierte der Dirigent: »!!! // aus.« Die offizielle Amtsenthebung folgte.
Das Angebot Görings, eine Stelle in Berlin anzunehmen, schlug Busch aus.
Das Angebot Görings, eine Stelle in Berlin anzunehmen, schlug Busch aus. Er verließ das Land, emigrierte über England nach Südamerika. Am Teatro Colón in Buenos Aires dirigierte er die, ausgerechnet vom Deutschen Kampfbund für deutsche Kultur finanzierte, deutsche Saison und übernahm im November 1933 die Leitung des Radio-Symphonieorchesters in Kopenhagen. Viele weitere internationale Engagements folgten.
Über die England-Kontakte seines schon 1927 in die Schweiz ausgewanderten Bruders Adolf kommt Fritz Busch in Verbindung zu John Christie, der auf seinem Landsitz in Sussex ein Opernhaus eröffnen wollte. Busch ist einer der Exilanten, die das Festival künftig prägen sollten – wie der Regisseur Carl Ebert, wie der jüdische Kulturmanager Rudolf Bing oder der deutsch-jüdische Dirigent Hans Oppenheim.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs muss Busch sein Engagement in Glyndebourne beenden. Längst ist der Landsitz in den grünen Hügeln von Sussex zum »englischen Salzburg« geworden, Europa aber für die Familie ein brandgefährlicher Ort. Fritz Busch arbeitet vor allem in Südamerika, gibt regelmäßige Gastspiele auch in New York. 1951 kehrt er zu Konzerten in Köln und in Hamburg nach Deutschland zurück. Danach schreibt er aus Stockholm: »Was mich am meisten nach diesen fast 18 Jahren Pause beeindruckte, war, daß man überall deutsch sprach!« Gerade hat Busch seinen 61. Geburtstag gefeiert. Älter geworden ist er nicht.