Geschichts-Thriller

Vergiftetes Erbe

Wie in dem Roman Das große Haus (2010), in dem die US-Autorin Nicole Krauss die Odyssee eines ungewöhnlichen Schreibtisches schildert, tritt auch in Die späte Reue des Jack Wiseman, dem neuen Buch von Ayelet Waldman, als Zeuge unglaublicher Ereignisse in der Geschichte des Holocaust ein stummer Gegenstand auf. In diesem Fall ist es ein reich verzierter Jugendstil-Emailleanhänger an einer Goldkette, auf dem ein Pfau gemalt ist – in jedem Federauge ein Edelstein.

Love and Treasure, so der Titel der Originalausgabe, ist eine Mehrgenerationengeschichte, die nach Salzburg und Budapest führt und bis ins Jahr 1913 zurückreicht. Die Erzählung setzt 100 Jahre später ein: Die New Yorkerin Natalie Stein, von Liebeskummer geplagt (ihr Mann hat sie kurz nach der Hochzeit betrogen), besucht ihren Großvater Jack Wiseman in Maine, der nicht mehr lange zu leben hat. Der an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte Mann vermacht ihr die kostbare Kette, die er sechs Jahrzehnte in einem schwarzen Samtbeutel aufbewahrt hat. Und mit dem Geschenk vertraut der alte Mann seiner Enkelin ein lange gehütetes Geheimnis an: Er hat das Schmuckstück einst gestohlen.

Detektiv Weitere Details zu verraten, ginge auf Kosten der Spannung, die das Buch zur Genüge bereithält. Nur so viel sei noch ausgeplaudert: Jack bittet Natalie, die ehemalige Besitzerin (oder deren Erben) ausfindig zu machen und ihr den Pfauen-Anhänger zurückzugeben. Mit detektivischem Gespür und der Hilfe eines Kunstexperten macht sich die junge Frau in Budapest auf die Suche.

Der Kern der Geschichte beruht auf dem von Historikern als »größten Diebstahl der Weltgeschichte« bezeichneten Vorgang, der sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ereignete: Amerikanische Besatzungssoldaten stoppten am 11. Mai 1945, drei Tage nach der deutschen Kapitulation, im Tauerntunnel bei Böckstein einen Eisenbahnzug mit 24 Waggons – beladen mit Gold und Silber, Juwelen, Teppichen und Gemälden. Aber auch liturgische Gegenstände wie Menorot und Kidduschbecher türmten sich in den Waggons. Es waren die Besitztümer von 800.000 ungarischen Juden, die die Nazis konfisziert und penibel in Inventarlisten verzeichnet hatten.

Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Ungarn wollten die Nazis den Schatz beiseiteschaffen. Doch statt zu versuchen, die persönlichen Dinge den Beraubten nach der Beschlagnahmung durch die Amerikaner zurückzugeben, riss sich der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Österreich, Mark Clark, Teile des Raubgutes unter den Nagel. Auch ungarische Soldaten und österreichische Zivilisten bedienten sich auf der fast halbjährigen Irrfahrt des »ungarischen Goldzugs«, die im Dezember 1944 in Budapest gestartet war und nach Österreich führte.

Demütigung Auf diese Weise erfuhren die ungarischen Juden, sofern sie überhaupt überlebten – 1944 wurden in 56 Tagen 437.402 Personen nach Auschwitz deportiert –, eine doppelte Demütigung. Auch durch den fiktiven Jack Wiseman, der eine späte Reue zeigt. Die spärlichen Überreste der ursprünglichen Kriegsbeute wurden nach Amerika verschifft und kamen 1948 in New York zur Versteigerung. 2005 wurde der Fall vor einem Bundesbezirksgericht in Florida verhandelt, worauf die USA rund 21 Millionen US-Dollar an jüdische Sozialeinrichtungen zahlen mussten.

Ayelet Waldman, 1964 in Jerusalem geboren und heute in Berkeley lebend, wird das juristische Gezerre aufmerksam verfolgt haben. Sie arbeitete nach dem Jurastudium in Harvard als Strafverteidigerin und ist seit 22 Jahren mit dem Schriftsteller und Pulitzerpreisträger Michael Chabon verheiratet, von dem die erfolgreichen Romane Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay und Die Vereinigung jiddischer Polizisten stammen. Damit sind Waldman und Chabon weiterhin das jüdische Literaturtraumpaar, nachdem sich Nicole Krauss und Jonathan Safran Foer 2014 getrennt haben. Mit ihren zusammengenommen gut zwei Dutzend Büchern haben diese vier jüdischen Autoren die amerikanische Literatur maßgeblich bereichert.

Auf Deutsch sind von der 50-jährigen Waldman der Roman Dem Himmel so fern (2006) und das viel diskutierte Sachbuch Böse Mütter (2010) erschienen. Darin erzählt die vierfache Mutter, wie sie ihren Job als Unidozentin und Rechtsanwältin aufgegeben hat, um Vollzeitmutter zu werden und sich dabei wie »lebendig begraben« fühlte, weil die körperliche Liebe in dieser Zeit zu kurz kam: »Sex stärkt nun einmal die Beziehung.« Und so hat sie ihren aufwühlenden neuen Roman ihrem Gatten gewidmet: »Für Michael. Immer nur für dich.« Und am Ende dankt sie ihm dafür, dass er »jeden Tag, jeden Gedanken, jedes Wort schöner« macht, »als mir von Rechts wegen zustünde«.

Ayelet Waldman: »Die späte Reue des Jack Wiseman«. Roman. Deutsch von Brigitte Hilzensauer. Paul Zsolnay, München 2015, 478 S., 22,90 €

Meinung

Warum ich mich für meine Teilnahme am »Dschungelcamp« niemals schämen würde

Die »Lindenstraßen«-Darstellerin Rebecca Siemoneit-Barum war 2015 bei der berühmt-berüchtigten RTL-Sendung in Australien dabei. Hier erzählt sie, was die Zeit im Dschungel bis heute für sie bedeutet

von Rebecca Siemoneit-Barum  06.02.2026

Erfurt

Einzigartiges Klezmer-Projekt: Jubiläumskonzert zum Zehnjährigen als »Höhepunkt eines Prozesses«

Im Klezmerorchester Erfurt musizieren Laien und Profis gemeinsam. Nun feiert das Projekt sein zehnjähriges Bestehen - mit einem einzigen Konzert

von Matthias Thüsing  06.02.2026

Fernsehen

Doku über Geisel-Familie zeigt zerrissene israelische Gesellschaft

Ein 3sat-Dokumentarfilm zeigt das Martyrium einer amerikanisch-israelischen Familie, deren Angehörige am 7. Oktober 2023 von der Hamas entführt wurde

von Manfred Riepe  06.02.2026

Fernsehen

»Er verarscht hier alle«: Ofarim wird wieder Zielscheibe von Ariel

Endspurt im Dschungelcamp vor dem großen Finale am Sonntag. Gil Ofarim tritt nach seinem Unfall zur nächsten Prüfung an, das Kandidatenfeld lichtet sich weiter - und der Ton wird rauer

von Lukas Dubro  06.02.2026

Australien

»Action, Action, Action« im Dschungel

Regeln sind Regeln. Und Überraschungen sind Überraschungen: Jetzt unterhalten sich sogar Ariel und Gil

von Martin Krauß  06.02.2026

Berlin

Liebermann-Villa zeigt »Alles für die Kunst!«

Seinen Erfolg musste sich der Künstler Max Liebermann hart erkämpfen. Eine Ausstellung in der Liebermann-Villa am Berliner Wannsee zeigt, wie strategisch und konsequent er dabei vorging.

 05.02.2026

Kulturkolumne

Make Judaism cool again!

Wie Tel Aviver Mode für Empowerment und Hoffnung sorgt

von Sophie Albers Ben Chamo  05.02.2026

Theater

Mit Kufiya und Kippa

Noam Brusilovskys Stück »Fake Jews« in Berlin knüpft an die Geschichte von Fabian Wolff an

von Stephen Tree  05.02.2026

Film

Ganz links in der Ecke

»Coexistance, my Ass« porträtiert die israelische Comedian Noam Shuster Eliassi und ein polarisiertes Land. Doch eine wichtige Info fehlt

von Ayala Goldmann  05.02.2026