Epigenetik

Unvergesslicher Rausch

Macht schnell abhängig: Kokain Foto: Thinkstock

Kokain gilt als die Droge der Reichen und Schönen. Der Musiker Sting bezeichnete sie einmal als »Gottes Art, dir zu sagen, dass du zu viel Geld hast«. Doch viele derjenigen, die zu dem Rauschmittel greifen, wissen nicht, dass Kokain schon nach der ersten Einnahme in hohem Maße süchtig machen kann.

»40 Prozent aller Kokain-Konsumenten werden abhängig«, sagt der Neuropsychopharmakologe Gal Yadid von der israelischen Bar-Ilan-Universität. »Die heute angebotenen Therapien sind jedoch höchst ineffektiv, 90 bis 95 Prozent der Patienten werden immer wieder rückfällig.« Ein Grund für die Rückfallquote ist die Wirkung der Droge auf das zentrale Nervensystem, das nach der Einnahme mit dem euphorisierenden Hormon Dopamin geflutet wird.

Der Weg zurück in ein drogenfreies Leben könnte dabei – zumindest theoretisch – ganz einfach sein: Entzug, Therapie, drogenfreies Leben. Das menschliche Gehirn neigt schließlich zum Vergessen, daher müssten auch die positiven Erinnerungen an den Rausch relativ schnell verblassen. Tatsächlich aber ist das Gegenteil der Fall, sagt Gal Yadid: »Selbst nach optimaler Therapie, in der der Abhängige umfassend versorgt und auf ein drogenfreies Leben vorbereitet wird, gibt es keine Garantie, dass die Abstinenz auch von Dauer ist.«

Erinnerung Denn selbst nach Jahren kann es passieren, dass der Abhängige irgendetwas sieht oder bemerkt, das er in seiner Erinnerung mit der Droge verbindet – einen Geruch, eine Person, mit der er früher zusammen Drogen genommen hat, einen Gegenstand, einen bestimmten Ort. »Und schon wird er rückfällig, und es ist so, als habe es den Entzug und die Reha gar nicht gegeben. Die Wissenschaft steht vor der schwierigen Situation, dass sie bislang über kein Mittel verfügt, Rückfälle dauerhaft zu verhindern«, erklärt der israelische Forscher.

Gal Yadid und sein Team erforschen schon seit mehr als zwei Jahrzehnten Erkrankungen, die mit Gehirnfunktionen zu tun haben. Um zu verstehen, was sich im Gehirn Kokainabhängiger abspielt, hat Yadid gemeinsam mit Moshe Szyf von der medizinischen Fakultät der kanadischen McGill-Universität ein Experiment mit Ratten durchgeführt. Die Tiere wurden so trainiert, dass sie sich selbst mit Kokain versorgen konnten, wenn sie einem Hebel betätigten, der die Droge automatisch freigab. Zusätzlich wurden jedes Mal eine bestimmte Musik und ein Lichteffekt aktiviert. In der akuten Entzugsphase konnten die Wissen- schaftler feststellen, dass die Ratten exzessiv nach Kokain suchten. Sie bedienten den Hebel in dieser Phase bis zu 200-Mal pro Stunde, im Gegensatz zu den rund 20 Malen stündlich, als sie ungehinderten Zugang zum Rauschmittel hatten.

Heilung »30 drogenfreie Tage einer Ratte entsprechen ungefähr fünf Jahren eines Menschen«, weiß der Mediziner. Auch nach dieser langen Zeit setzte die desperate Suche nach dem Stoff wieder ein, wenn die Tiere die Musik und die Lichteffekte wahrnahmen, die sie mit dem Kokainrausch verbanden. Um zu verstehen, warum das Verlangen nach der Droge nicht einfach verschwindet, bemühten die Forscher die Epigenetik. Die Abschnitte auf der DNA können ihre Funktionen nämlich selbstständig ändern, normalerweise geschieht dies durch Umwelteinflüsse. Das Team um Gal Yadid von der Bar-Ilan-Universität untersuchte deshalb, wie sich Kokainabhängigkeit und Entzug auf die Gene der Versuchstiere auswirken. Die gravierendsten epigenetischen Veränderungen ereigneten sich zur Überraschung der Forscher nicht während der Phase, in der Drogen genommen wurden, sondern während des Entzugs.

»Das Gehirn reagiert geradezu fieberhaft auf das Ende des Drogenkonsums – bis zu dem Punkt, an dem es Gene reprogrammiert und nur ein einziges Suchtverhaltensmuster zulässt«, erklärt Yahid das Ergebnis. Wurde den Ratten ein Stoff gespritzt, der die Methylation unterband, verhielten sie sich allerdings prompt auch nicht mehr wie Süchtige – umgekehrt verstärkte ein Stoff, der Methylation förderte, die verzweifelte Suche der Tiere nach der Droge. Genau darauf wollen die beiden Wissenschaftler nun aufbauen. »Wir brauchen eine komplett neue pharmakologische Herangehensweise an das Thema Abhängigkeit«, stellen sie fest. »Eine vollständige Heilung könnte dann möglich sein.«

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