Autobiografie

Unter dünner Eisschicht

Foto: PR

Autobiografie

Unter dünner Eisschicht

Die Psychotherapeutin Helga Kurzchalia erzählt lakonisch und prägnant von einer kommunistischen Kindheit in Ost-Berlin

von Marko Martin  13.08.2022 23:14 Uhr

Als ihre Schulklasse das ehemalige KZ Buchenwald besucht, bemerkt das Mädchen Helga, mit welch eifernder Automatenstimme der Lehrer auf sie einredet; zuvor hatte er im Unterricht mit einem Schlüsselbund nach ihr geworfen, um sie vom Schwatzen abzuhalten. »Nach dem Besuch in Buchenwald erfuhr ich von meinen Eltern, mein Lehrer sei im Krieg bei der Waffen-SS gewesen (…). Sie sagten mir nicht, woher sie das wussten, sondern nur, dass ich nicht darüber reden solle.«

Währenddessen wird Helgas polnischer Schulfreundin Janina von deren Eltern eingeschärft, mit niemandem über Katyn zu sprechen, jenen Ort, an dem im Zweiten Weltkrieg der sowjetische NKWD polnische Offiziere, Ärzte und Intellektuelle (darunter auch zahlreiche Juden) massakrierte. »Aber wir hielten uns nicht an das elterliche Sprechverbot, sondern teilten das bruchstückhafte Wissen, mit dem weder sie noch ich allein zurechtkamen. Nur, dass eins nicht zum anderen passte.«

KALEIDOSKOP Helga Kurzchalia wurde 1948 in Ost-Berlin geboren und arbeitet bis heute als Psychotherapeutin. In ihrem Buch Haus des Kindes hat sie jetzt die damaligen Bruchstücke zu einem konzisen Erinnerungs­kaleidoskop zusammengefügt, in kurzen, lakonischen Sätzen, bei denen kein Wort zu viel ist. Wo andere sich in ausufernder Epik verloren hätten, setzt die Autorin auf das präzise und dabei auch sinnlich erfahrbare Bild. Die Mutter, eine überzeugte jüdische Kommunistin aus Wien, der rechtzeitig die Flucht nach Großbritannien gelungen war, wo sie auf einen ebenso enthusiastischen deutschen Kommunisten trifft, den sie alsbald heiratet.

Zusammen, die ersten beiden Kinder sind bereits geboren, siedelt man nach Kriegsende nach Ost-Berlin über und nimmt 1954 Quartier im damaligen »Haus des Kindes«, in einem der beiden bis heute existierenden Hochhaustürme am Strausberger Platz. Hier wächst Helga auf, in einem Gebäude mit Marmorsäulen im Foyer, Zentralheizung und hauseigenem Kindergarten, Puppentheater und Kinder-Café.Der Aufbau-Elan der frühen Ulbricht-Jahre hatte Großes vor mit der Elite der »sozialistischen Menschengemeinschaft«, und quasi vor der Tür steht ein riesiges Stalin-Denkmal.

Als dieses späterhin im Zuge der sogenannten Entstalinisierung über Nacht verschwindet, spricht man in der Familie Kurzchalia freilich ebenso wenig darüber, wie man zuvor über das nahe gelegene Frauengefängnis gesprochen hatte – oder über jene Wohnungsnachbarn oder Lehrer, die bis zum Mauerbau 1961 der DDR den Rücken gekehrt hatten.

SCHWEIGEN Helgas Vater hat da längst Karriere gemacht, ist stellvertretender Minister für Schwerindustrie geworden und danach stellvertretender Vorsitzender der Staatlichen Planungskommission. Als deren Chef Erich Apel 1965 aus Verzweiflung über Ulbrichts sowjetabhängige Wirtschaftspolitik Selbstmord begeht, schweigt der Vater – und wird auch schweigen, als sein ehemaliger Freund Robert Havemann vom gläubigen SED-Genossen zum berühmtesten Dissidenten der DDR wird.

Und dennoch ist nicht alles dunkel in diesem Buch. Helgas Mutter erzählt Gute-Nacht-Geschichten aus Wien (wenngleich sie ihr Judentum fast verschämt nur am Rande erwähnt), und auch der prominente Nachbar, der Architekt Hermann Henselmann (unter den Nazis als »Halbjude« diskriminiert, in der DDR zum »Baumeister des Strausberger Platzes« geworden) sorgt samt Familie für frohsinnigen Trubel. Auch der aus dem mexikanischen Exil zurückgekehrte Romancier Bodo Uhse wohnt im »Haus des Kindes«.

Als die heranwachsende Helga schließlich mit Thomas Brasch einen anderen Sprössling jener jüdischen Kommunisten kennenlernt, die ihre einstige »Westemigration« gegenüber den stalinistischen »Moskau-Rückkehrern« um Ulbricht & Co. durch besondere Linientreue wettzumachen trachten, beginnt sie immer mehr zu verstehen.

TERROR Vor allem ihre Mutter hat Gründe, ihre österreichische Vergangenheit nie wirklich zu thematisieren: Zwei ihrer damaligen Genossen waren später zu Opfern des stalinistischen Terrors geworden, während jener »Rudi«, dem sie in der Wiener Illegalität geholfen hatte, in Wirklichkeit Josip Broz Tito war, der in der DDR der 50er-Jahre als »faschistischer Revisionist« galt.

Was für eine Geschichte! Erzählt ohne jegliche Eitelkeit oder bedeutungsschwangeres Raunen. Die »dünne Eisschicht«, unter der Helga Kurzchalias Eltern gelebt hatten (der Vater starb vor dem Ende der DDR, der Mutter war es vergönnt, 1992 noch ihren Bruder im chilenischen Valparaiso wiederzusehen), wird von der Tochter sorgsam abgetragen, Stück für Stück. Was für ein Buch!

Helga Kurzchalia: »Haus des Kindes«. Friedenauer Presse, Berlin 2022, 140 S., 18 €

Programm

Drei Chöre, 100 Synagogen und ein Unbezähmbarer: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. bis zum 26. März

 18.03.2026

Nachruf

Der die Debattenkultur formte

Jürgen Habermas prägte die Bundesrepublik, positionierte sich im »Historikerstreit«, setzte Begriffe und gab Orientierung. Zum Tod des großen Philosophen

von Johannes Heil  18.03.2026

Literatur

Als die Donau durch Kakanien floss

Zur Leipziger Buchmesse: Eine (jüdische) Vision für ein Europa der Regionen, Religionen und der Vielfalt

von Awi Blumenfeld  18.03.2026

Literatur

Gefühle und Zustände

Lena Gorelik schreibt über »Alle meine Mütter«

von Sharon Adler  18.03.2026

Sachbuch

Unter Gedächtnisbeton

Ines Geipel widmet sich in »Landschaft ohne Zeugen« der Rolle kommunistischer Häftlinge im KZ Buchenwald und der Nicht-Aufarbeitung in der DDR

von Steffen Alisch  18.03.2026

Sachbuch

Flucht nach Zaton Mali

Marie-Janine Calic schreibt in »Balkan-Odyssee 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa« über Exilanten auf dem Balkan

von Alexander Kluy  18.03.2026

Jan Jekal

Als Billy Wilder vor dem FBI zitterte

»Paranoia in Hollywood« macht da weiter, wo die Geschichte der rettenden USA aufhört. Eine Achterbahnfahrt mit bitterem Ausgang

von Sophie Albers Ben Chamo  18.03.2026

Philosophie

Habermas, Israel und die Juden

Eine kritische Würdigung

von Frederek Musall  18.03.2026

Interview

»Die Toleranz gegenüber kontroversen Filmen ist seit dem 7. Oktober gesunken«

Die 11. Ausgabe des jüdischen Filmfestival Yesh! will das Judentum in seiner ganzen Vielfalt und Widersprüchlichkeit zeigen

von Nicole Dreyfus  18.03.2026