FU Berlin

Unbekannte Herkunft

Das Gebäude des Otto-Suhr-Instituts der FU Berlin, das ehemalige Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik Foto: picture alliance / dpa

Die ersten Teile von Skeletten waren im Juli 2014 bei Bauarbeiten aufgetaucht: In Berlin-Dahlem riss ein Bagger ein Loch auf, aus dem Knochenreste rieselten. Der Polizei wurden wenig später 250 Liter des makabren Funds in Säcken übergeben – die wurden an die Rechtsmedizin der Charité weitergeleitet.

Doch weil verschiedene Institutionen nicht klar miteinander kommunizierten, wurden die Skelettreste im Dezember 2014 auf dem Friedhof Ruh­leben eingeäschert und anonym bestattet – zur Empörung der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Nach dem jüdischen Religionsgesetz, der Halacha, ist eine Feuerbestattung nicht zulässig.

ns-zeit Es hätte nicht so weit kommen müssen, wenn allen Beteiligten die Vergangenheit eines bestimmten Gebäudes bewusst gewesen wäre: Knapp 100 Meter entfernt von der damaligen Baustelle, in der Ihnestraße 22, liegt das Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin (FU). Während der NS-Zeit befand sich in diesem Haus das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWIA).

Dort wurde im Sinn der »Rassenhygiene« geforscht, dorthin lieferte der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele Präparate aus Auschwitz. In diesem Haus lagerten auch medizinische Sammlungen aus der deutschen Kolonialzeit und der NS-Diktatur. Doch dass es sich bei den Knochenfunden um Überreste aus diesen Sammlungen handeln könnte, konnte die FU offenbar weder der Polizei noch der Charité noch der Berliner Senatsverwaltung begreiflich machen.

In diesem Haus lagerten auch medizinische Sammlungen aus der deutschen Kolonialzeit und der NS-Diktatur.

Ein solcher Fehler sollte nicht noch einmal passieren: Eine Kooperation der Universität mit der Max-Planck-Gesellschaft und dem Landesdenkmalamt Berlin wurde begründet, und archäologische Grabungen in den Jahren 2015 und 2016 wurden veranlasst. Sie förderten, wie jetzt bekannt wurde, etwa 16.000 Fragmente menschlicher Gebeine sowie Tierknochen und Gegenstände zutage. Untersuchungen ergaben, dass die menschlichen Knochenteile von 54 bis 107 Personen stammten.

RESPEKTLOSIGKEIT Susan Pollock, Professorin für Archäologie und Leiterin der FU-Forschungsgruppe zum Thema, sagte bei einer Videokonferenz am 23. Februar, die Herkunft der Menschenknochen könne derzeit nicht eindeutig rekonstruiert werden. Es sei jedoch klar, dass sie aus dem KWIA stammten: »Wenn wir die Herkunft auch nicht genau bestimmen können, so müssen wir bedauern, dass sie mit einer menschenverachtenden Respektlosigkeit in Gruben auf dem Institutsgelände verscharrt wurden.«

Die »Bild«-Zeitung titelte: »Sind diese Knochen aus dem Keller von Nazi-Monster Mengele?« Die Pressemitteilung der FU lautet: »Die menschlichen Überreste (...) wurden in nichtinvasiven osteologischen Analysen durch eine Forschungsgruppe (...) untersucht.«

Die Knochen stammten von Menschen aller Altersgruppen männlichen und weiblichen Geschlechts. Reste von Klebstoff und Beschriftung auf manchen Knochen sowie das Fehlen moderner medizinischer Eingriffe hätten »für viele der Knochen in Richtung einer Herkunft aus anthropologischen oder archäologischen Sammlungen gedeutet«.

Die Zusammensetzung des Gesamtkorpus entspreche jedoch »keiner typischen anthropologischen oder archäologischen Sammlung, wie sie aus dem 19. Jahrhundert oder der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekannt sei«. Es sei nicht auszuschließen, »dass manche Knochen aus Kontexten stammen, die direkt mit den nationalsozialistischen Verbrechen zu tun haben«.

DNA-SEQUENZIERUNG Florian Schmaltz, Projektleiter des Forschungsprogramms »Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft« am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, würde es gerne genauer wissen. »Mit der DNA-Sequenzierung aus den menschlichen Knochen bestünde die Möglichkeit, die miteinander vermischten Knochenreste jeweils eindeutig einzelnen Individuen zuzuordnen.

Regionale Herkunft und Anzahl der Opfer ließen sich feststellen. Nachkommen der verschiedenen Opfergruppen könnten durch einen Abgleich der DNA-Sequenzen klären lassen, ob Knochenreste ihrer Vorfahren in dem Grab bestattet worden sind.«

Außerdem hofft Schmaltz: »Die Einrichtung eines Gedenk- und Lernorts am historischen Tatort könnte aktiv die Erinnerung an die Opfer wachhalten und die kontinuierliche Auseinandersetzung in Forschung und Lehre mit Grenzüberschreitungen, Verbrechen und Fehlentwicklungen der Wissenschaften im 20. Jahrhundert, insbesondere im Kontext der deutschen Kolonialherrschaft und dem Nationalsozialismus, fördern. Einen solchen Gedenkort gibt es bislang nicht.«

»Ich plädiere für eine würdige, aber religiös neutrale Bestattung«, sagt Zentralratspräsident Josef Schuster.

Doch Berthold Neizert, Abteilungsleiter Forschungspolitik und Außenbeziehungen der Max-Planck-Gesellschaft in München, ist anderer Auffassung als sein Berliner Kollege. Der Präsident der FU, Günter Ziegler, habe deutlich gemacht: »Keine weiteren invasiven Untersuchungen, durch die keine weiteren Erkenntnisse zu erwarten sind. Dem würde sich die Max-Planck-Gesellschaft anschließen. Hier muss eine Abwägung auf wissenschaftlicher Basis unter Experten erfolgen. Natürlich sind dabei auch kulturelle und religiöse Traditionen zu berücksichtigen und zu respektieren«, erklärt Neizert.

Es sei ein großer Traum in der Wissenschaft, aus einer Genanalyse auf einen individuellen Menschen schließen zu können, »aber soweit ich das beurteilen kann, ist das absolute Zukunftsmusik«.

HALACHA Auch Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, sagt: »Die Untersuchungen haben ergeben, dass nur bei einem äußerst geringen Teil der gefundenen Knochen Zweifel bleiben, ob sie aus nationalsozialistischen Menschenversuchen stammen könnten.« Genaueres, so Schuster, »ließe sich nur durch invasive Methoden feststellen, die nach der Halacha – dem jüdischen Religionsgesetz – jedoch nicht gestattet wären«.

Darüber hinaus sei eine kulturell-religiöse Zuordnung der Knochen zu Individuen auch mit invasiven Methoden nicht möglich, sagt Schuster. Daher habe er von weiteren Untersuchungen der Knochenfunde abgeraten: »Ich plädiere für eine würdige, aber religiös neutrale Bestattung der menschlichen Überreste sowie für die Errichtung eines Gedenksteins auf dem Gelände der FU Berlin.«

Im Projekt »Geschichte der Ihnestr. 22« entwickelt ein FU-Team derzeit Konzepte für Gedenken und Erinnern. Für historisches Bewusstsein plädiert auch Berthold Neizert. Er betont aber: »Die Max-Planck-Gesellschaft bietet Rundgänge durch Dahlem an, in denen Interessierte kundig durch das Gelände geführt und dabei ständig auch mit der Geschichte der Gesellschaft und der Entgrenzung der Forschung im Nationalsozialismus konfrontiert werden. Eine kleine Ausstellung im Harnack-Haus zeigt auch diese Entwicklung von den 20er-Jahren bis zum NS-Regime. Wir gehen sehr offen mit diesem Erbe um.«

Für ihn sei wesentlich, »dass man für heute und für die Zukunft daraus lernt und verantwortlich forscht. Es geht nicht nur darum, dass man sich an der Ihnestraße 22 in einem historischen Ambiente trifft und sich über die Ethik der Forschung auseinandersetzt, sondern dass das im Forscheralltag, an der Laborbank, passiert. Das ist eine Aufgabe, der Wissenschaftler sich überall stellen müssen, wo Forschung passiert«.

www.harnackhaus-berlin.mpg.de/de

www.polsoz.fu-berlin.de/polwiss/gesch-ihne22/index.html

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