Zeitgeschichte

Überraschender Fund im Keller

Mit diesem Schreiben wurde 1933 das jüdische Club-Mitglied Franz Anton Salomon über seinen Ausschluss informiert. Foto: Screenshot

Alles wirkte wie von langer Hand vorbereitet und ging sehr schnell. Am 9. April 1933 trafen sich Vertreter führender süddeutscher Sportvereine in Stuttgart und erklärten, sich »freudig und entschieden« der neuen Regierung Adolf Hitlers zur Verfügung zu stellen. Die 14 Klubs – darunter der damalige amtierende Deutsche Meister FC Bayern München sowie der 1. FC Nürnberg und Eintracht Frankfurt – beschlossen, Juden aus den Reihen ihrer Mitgliedschaft zu entfernen.

FUND Knapp drei Wochen später, am 27. April 1933, setzte der 1. FC Nürnberg den Beschluss um und beschloss seinerseits eine »Stellungnahme des Vereins zur Judenfrage«. Schon tags darauf gingen Briefe an 143 seiner damals rund 2000 Mitglieder raus, in denen die »werten Mitglieder« mit »sportlicher Hochachtung« informiert wurden, sie seien als Juden per 1. Mai 1933 nicht mehr Vereinsmitglied.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Bei einer Pressekonferenz gab der »Club« die Ergebnisse der historischen Nachforschungen bekannt

Bislang galt die Mitgliederkartei als verschollen; nur einer der damals ausgeschlossenen Juden – der Kaufmann Franz Anton Salomon -  war namentlich bekannt. Salomon hatte die Schoa überlebt und war nach dem Krieg in die USA ausgewandert. Das Rauswurfschreiben hatte er aufbewahrt, nach seinem Tod wurde es dem Leo-Baeck-Institut in New York übergeben.

Doch vor kurzem stieß ein Hausmeister in einem ungenutzten Keller eines Bungalows auf dem Vereinsgelände auf mehrere Kartons. Darin enthalten waren rund die 12.000 Karteikarten der Mitglieder des 1. FC Nürnberg im Zeitraum von 1928 bis 1955.

NACHFORSCHUNGEN Der Historiker Bernd Siegler konnte sein Glück kaum fassen. Seit einigen Jahren bereits forscht er intensiv zur Vereinsgeschichte des »Clubs« in der Zeit des Nationalsozialismus. 2014 veröffentlichte er ein Buch zum Thema. Doch mit dem Fund war es ihm möglich, die Namen der ausgeschlossenen jüdischen Mitglieder zu erfahren und ihren Biografien nachzugehen. Noch hat Siegler seine Nachforschungen nicht beendet, hat aber bereits zahlreiche neue Erkenntnisse präsentiert.

»Erste Recherchen ergaben, dass sich hinter den Namen sehr bewegende Biografien verbergen«, berichtete Siegler. »In der Kartei sind insgesamt 143 Mitglieder aufgelistet, bei denen es sich aufgrund des Stempels ‚30. APR. 1933‘ in der Rubrik ‚Austritt‘ um jüdische Mitglieder handeln dürfte«, erläuterte er bei einer Pressekonferenz vergangene Woche. Bei 121 Namen habe dies bislang verifiziert werden können, so der Historiker. Von diesen gehörten 86 zur Abteilung Tennis des Clubs und je fünf zu Fußball, Leichtathletik und Schwimmen, 11 waren passive Mitglieder und insgesamt 34 Frauen. Der ersten »Säuberungswelle« folgten weitere.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Rund 7,5 Prozent der 1. FCN-Mitgliedschaft seien 1933 jüdisch gewesen, fand Siegler heraus. Viele der Ausgeschlossenen gelang die Flucht, meist in die USA, nach Großbritannien oder Palästina. Einige überlebten auch die Konzentrations- und Todeslager der Nazis. Mindestens acht ehemalige Vereinsmitglieder hatten aber weniger Glück und wurden in Auschwitz, Riga-Jungfernhof, Majdanek, Theresienstadt, Stutthof sowie im Ghetto Izbica ermordet. Ein jüdisches Club-Mitglied wurde im Rahmen der Euthanasieaktion der Nationalsozialisten in Hadamar ermordet.

WIEDERGUTMACHUNG Der Verein will seine ehemaligen Angehörigen nun rehabilitieren. »Der 1. FC Nürnberg wird durch einen Antrag zur Mitgliederversammlung 2021 darauf hinwirken, dass der Ausschluss der jüdischen Mitglieder für unrechtmäßig erklärt und rückgängig gemacht wird«, erklärte der kaufmännische Vorstand des 1. FC Nürnberg, Niels Rossow, und fügte an: »Es freut uns besonders, dass gerade im bundesweiten Gedenkjahr ‚1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland‘ und in Zeiten zunehmenden Antisemitismus‘ der Club nun die Grundlage besitzt, den in der NS-Zeit zu Unrecht aus dem Verein ausgeschlossenen jüdischen Mitgliedern ein Gesicht zu geben und ihre Biografien öffentlich zu machen«.

Auch die Forschungs- und Aufklärungsarbeit soll weitergehen. Dafür hat sich der Club mit dem Stadtarchiv und der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg (IKGN) zusammengetan. »Wir unterstützen die Recherchen durch die Arbeit unseres Historikers und Archivars Leibl Rosenberg«, versprach IKGN-Vorsitzender Jo-Achim Hamburger.

»Wie der 1. FC Nürnberg das macht, ist wirklich vorbildhaft«, fügte Anatoli Djanatliev vom Vorstand des TSV Maccabi Nürnberg e.V. hinzu. Die Aufarbeitung der Club-Geschichte in der NS-Zeit helfe, um sich die Situation der Menschen damals hineinzuversetzen. Auch er sei eingefleischtes Club-Mitglied, so Djanatliev, und er könne sich ausmalen, was die damals ausgeschlossenen Juden gedacht und gefühlt haben müssen. mth

Wien

Israels ESC-Fans: Sind keine Repräsentanten für Politik des Landes

Sie sind stolz, Israels Interpreten anzufeuern und die Landesflagge zu schwingen. Eines wollen die Fans aus Nahost beim ESC aber nicht sein: politische Vertreter

 10.05.2026

Italien

Überschattet von Skandalen: Venediger Kunstbiennale beginnt

Die Jury tritt zurück, die große Feier fällt aus und ein israelischer Künstler sieht sich »völlig isoliert« – die 61. Kunstbiennale in Venedig war schon vor Beginn beschädigt. Nun hat sie ihre Tore offiziell geöffnet

 10.05.2026

Eurovision

Noam Bettan probt mit Buhrufen

Mehrere Länder boykottieren den Eurovision Song Contest 2026 wegen der Teilnahme Israels. Wie geht der Kandidat des Landes damit um, dass er in Wien zudem mit Störaktionen und Buhrufen rechnen muss?

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Aufgegabelt

Geburtstagskuchen

Rezepte und Leckeres

 10.05.2026

Kommentar

Wenn »schwarz auf weiß« nicht mehr genügt

Eine funktionierende Demokratie braucht freie Medien – aber vor allem glaubwürdige

von Roman Haller  10.05.2026

Muttertag

Moja Mama!

Die jiddische Mamme ist Motiv in etlichen Witzen. Dabei ist sie so viel mehr. Eine Würdigung aus der Perspektive eines Sohnes

von Jan Feldmann  10.05.2026

Kino

Preise des 32. Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg vergeben

Noch bis Sonntag zeigt das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg Produktionen aus 22 Ländern. Die beiden Hauptpreise wurden schon zur Halbzeit verliehen

 09.05.2026

Kulturkolumne

Heißt David demnächst »Dschihad«?

Warum Michelangelo heute nie den Goldenen Löwen der Kunstbiennale-Jury von Venedig bekommen hätte

von Ayala Goldmann  08.05.2026