Nahost

Teschuwa ist möglich!

Foto: Flash 90

Seit Jahrhunderten haben Christen die winzige jüdische Minderheit in Europa als Fremde oder Feinde behandelt. Mal gab es eine Sanktion, mal gab es ein Pogrom. Gewiss, immer wieder waren da Könige oder Fürsten, oft auch Päpste und Bischöfe, die versuchten, die Juden in ihrer Mitte zu beschützen. Aber das war nur eine Gnade; die schützende Hand konnte jederzeit weggezogen werden. Außerdem kostete der Schutz häufig Geld.

Juden wurden in Ghettos gepfercht, aus den Gilden ausgeschlossen, mussten besondere Kleidung tragen, wurden auf den Gassen verspottet und angespien. Wann immer eine Wirtschaftskrise hereinbrach, eine Seuche wütete, ein Kaiser gestürzt wurde, wusste der Mob ganz genau, wer schuld war. »Juden« – das klang ja schon wie Judas, also jener Jünger, der Jesus verriet.

Juden waren das »Israel nach dem Fleische«, das in seiner blinden Verstocktheit nicht kapiert hatte, dass sich jetzt das wahre Israel – die katholische oder evangelische Kirche – im Besitz der allein selig machenden Wahrheit befand.

muslime In der islamischen Welt war das grundlegend anders. Dort hießen Juden Dhimmis, Schutzbefohlene. Natürlich waren sie den Rechtgläubigen nicht gleichgestellt; sie durften nicht auf Pferden reiten, mussten eine besondere Steuer bezahlen, durften keine höheren Stellungen bekleiden. Und gelegentlich wurden Juden auch von fanatischen Muslimen verfolgt und vertrieben.

Aber sie galten eigentlich nie als gefährlich. Und sie konnten Jesus gar nicht getötet haben, weil der – jedenfalls nach den meisten islamischen Quellen – gar nicht am Kreuz gestorben war. Und wenn muslimische Araber in Marokko oder Algerien mal schnell ein Wunder brauchten, dann gingen sie häufig nicht zu ihrem Imam, sondern zum Rabbi. Der half genauso zuverlässig.

Boshaft könnte man formulieren: Die Christen verziehen den Juden gnädig, was sie durch die Jahrhunderte an ihnen verbrochen hatten.

All dies änderte sich grundlegend durch zwei Ereignisse: den nazideutschen Völkermord an den Juden und die Gründung des Staates Israel. Nach Auschwitz begannen viele christliche Kirchen einen Prozess der »Teschuwa«, der Selbsterforschung. Sie versuchten, sich vom christlichen Antijudaismus zu reinigen. Sie baten um Vergebung. Papst Johannes Paul II. besuchte die Synagoge in Rom und bezeichnete die Juden als »unsere älteren Brüder«.

Boshaft könnte man formulieren: Die Christen verziehen den Juden gnädig, was sie durch die Jahrhunderte an ihnen verbrochen hatten. Allerdings taten viele von ihnen sich immer noch schwer damit, dass diese Minderheit plötzlich Macht hatte. Einen Nationalstaat, eine Armee, Atomwaffen.

memmen In der islamischen Welt passierte ziemlich genau das Gegenteil. Die muslimischen Araber mussten nach 1948 damit fertigwerden, dass ihnen im Herzen der arabischen Welt ein staatliches Gebilde gegenübertrat, das alles war, was sie nicht waren: erst erfolgreich und später auch noch reich. Juden, so hatten die Araber im Koranunterricht gelernt, waren Memmen, Muttersöhnchen – aber diese Memmen gewannen einen Krieg nach dem anderen. 1948. 1956. 1967. 1973.

Aus lauter Verwirrung fingen die Muslime an, den Antisemitismus aus Europa zu importieren. Die Protokolle der Weisen von Zion wurden ins Arabische, ins Persische, ins Indonesische übersetzt und verkauften sich millionenfach. Antiisraelische Karikaturen in arabischen Zeitungen sahen so aus, als seien sie aus dem »Stürmer« abgekupfert worden: hakennasige Monstermenschen, Schlangen mit Davidsternen, die sich um den Erdball winden.

In Momenten der Verzweiflung mochte es manchmal so aussehen, als wäre das Gift schon tief in den Blutstrom eingedrungen. Als gäbe es kein Zurück mehr. Als wären die arabischen Muslime an die Stelle des christlichen Mobs von einst getreten.

Offenbar ist die antisemitische Vergiftung doch noch heilbar.

Aber dann machte Ägypten mit Israel Frieden. Und dann Jordanien. Und gerade jetzt haben zwei arabische Golfstaaten sich offen mit Israel verbrüdert, nachdem es zuvor schon unter der Decke jahrelang beste Handelsbeziehungen mit dem »zionistischen Gebilde« gegeben hatte.

Gewiss kommt dieser Friedensschluss nicht vom Himmel her, er wurde vom Pragmatismus diktiert. Eigentlich wurde dieser Frieden gar nicht in Washington, sondern in Teheran gemacht: Die sunnitischen Araber mögen ihre Probleme mit den Juden haben, aber vor den persischen Schiiten haben sie noch viel mehr Angst. Ist aber nicht gerade dieser Pragmatismus ziemlich bemerkenswert?

Jahrhundertelang haben Katholiken und Protestanten einander in Europa abgemetzelt. Eine Bartholomäusnacht nach der anderen. Nie wäre eine der beiden Parteien auch nur im Traum auf die Schnapsidee gekommen, sich mit den Juden zu verbünden. Die Juden, das waren einfach die anderen. Die muslimischen Araber in den Golfstaaten verbrüdern sich aber nicht nur mit dem Erzfeind von gerade eben – sondern mit Juden, die ihnen als Gleiche begegnen!

Bekanntlich sind Israelis so ziemlich das Gegenteil von Dhimmis. Und es sieht nicht so aus, als ob die Araber dabei eine hohe psychologische Schranke überwinden müssten. Offenbar ist die antisemitische Vergiftung der muslimischen Seele noch nicht zu weit fortgeschritten. Offenbar ist sie noch heilbar. Offenbar wird nicht erst eine vernichtende Niederlage Israels auf dem Schlachtfeld benötigt, damit Araber sich mit dem neuen Nachbarn in ihrer Mitte anfreunden und feststellen, dass dieser Nachbar genauso gern Sonnenblumenkerne kaut wie sie selbst.

lichtblick Dies ist eine Zeit voller entsetzlicher Nachrichten: Amerika brennt, eine Seuche wütet, die liberale Demokratie leidet an Muskelatrophie. Das hier ist der Lichtblick: eine wunderbare Nachricht für das Jahr 5781, für das Jahr 1442.

Ich bin überzeugt: Je mehr der Grundstücksstreit zwischen Israelis und Palästinensern auf einen lokalen Konflikt heruntergekocht wird, desto lösbarer wird er.

Und die Palästinenser? Ich bin überzeugt: Je mehr der Grundstücksstreit zwischen Israelis und Palästinensern auf einen lokalen Konflikt heruntergekocht wird, desto lösbarer wird er. Vielleicht werden eines Tages israelische Siedler mit Doppelstaatsangehörigkeit in einem souveränen Palästinenserstaat leben, und niemand findet etwas dabei.

Vielleicht werden bald ehemalige Hamas-Kämpfer mit verlegenem Lächeln jüdischen Touristen die geheimen Tunnels zeigen, die sie gegraben haben, als sie noch jung, dämlich und fanatisch waren. Und Bibi bleibt auch nicht ewig Premierminister. Bitte, ein bisschen träumen darf ich. Es ist ja sonst alles so traurig.

Und der Iran? Wird so lange Israels Todfeind sein, wie das jetzige Regime an der Macht ist. Und von dem hat die iranische Bevölkerung schon lange die Nase gestrichen voll. Venceremos!

Wien

Israels ESC-Fans: Sind keine Repräsentanten für Politik des Landes

Sie sind stolz, Israels Interpreten anzufeuern und die Landesflagge zu schwingen. Eines wollen die Fans aus Nahost beim ESC aber nicht sein: politische Vertreter

 10.05.2026

Italien

Überschattet von Skandalen: Venediger Kunstbiennale beginnt

Die Jury tritt zurück, die große Feier fällt aus und ein israelischer Künstler sieht sich »völlig isoliert« – die 61. Kunstbiennale in Venedig war schon vor Beginn beschädigt. Nun hat sie ihre Tore offiziell geöffnet

 10.05.2026

Eurovision

Noam Bettan probt mit Buhrufen

Mehrere Länder boykottieren den Eurovision Song Contest 2026 wegen der Teilnahme Israels. Wie geht der Kandidat des Landes damit um, dass er in Wien zudem mit Störaktionen und Buhrufen rechnen muss?

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Aufgegabelt

Geburtstagskuchen

Rezepte und Leckeres

 10.05.2026

Muttertag

Moja Mama!

Die jiddische Mamme ist Motiv in etlichen Witzen. Dabei ist sie so viel mehr. Eine Würdigung aus der Perspektive eines Sohnes

von Jan Feldmann  10.05.2026

Kino

Preise des 32. Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg vergeben

Noch bis Sonntag zeigt das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg Produktionen aus 22 Ländern. Die beiden Hauptpreise wurden schon zur Halbzeit verliehen

 09.05.2026

Kulturkolumne

Heißt David demnächst »Dschihad«?

Warum Michelangelo heute nie den Goldenen Löwen der Kunstbiennale-Jury von Venedig bekommen hätte

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026