»Annette, ein Heldinnenepos«

Subtil, originell und ungewöhnlich

Als literarische Form hat die Autorin das Epos gewählt. Foto: PR

»Annette, ein Heldinnenepos«

Subtil, originell und ungewöhnlich

Anne Webers Roman erhält den Buchpreis und würdigt eine kommunistische Judenretterin

von Sabine Glaubitz  15.10.2020 06:04 Uhr

Mit 16 Jahren tritt sie der Résistance bei, rettet jüdische Kinder und wird Kommunistin. Später wird sie Medizinerin und geht im Kampf für ein unabhängiges Algerien in den Maghreb und kommt dafür ins Gefängnis. Dann folgen Flucht und die Trennung von Familie und Kindern.

Heute lebt die 96-jährige Anne Beaumanoir im Süden Frankreichs. Dem außergewöhnlichen Leben der Französin hat die Schriftstellerin Anne Weber nun ein ebenso ausgefallenes Buch gewidmet: Annette, ein Heldinnenepos, das in dieser Woche mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde.

Als literarische Form hat die Autorin das Epos gewählt.

»Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen. Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch Gott-hat’s-gemacht, im Süden Frankreichs. Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie. Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht.« Mit diesen Sätzen beginnt das Buch, als dessen literarische Form die 55-jährige Autorin das Epos gewählt hat: ein antiker Referenzrahmen, in dem es traditionell um Götter und Helden geht, den Anne Weber auf ihre Weise gelungen ästhetisiert.

ANTIKE Der Stil ist rhythmisch, die Struktur der Verse erkennbar und die Spracharbeit von ungewöhnlicher Originalität. Wie auch schon in Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch, in dem sie sich auf die Suche nach den Spuren ihres Großvaters machte. Webers Texte zeichnen sich durch formale Experimentierfreudigkeit und sprachliche Beweglichkeit aus.

Die Heldin ihres neuen Buches, die am 30. Oktober 97 Jahre alt wird, hat Weber auf einer Podiumsdiskussion in Frankreich getroffen. Die Begegnung sei für Weber ein »coup de foudre« gewesen, Liebe auf den ersten Blick, wie sie schreibt. Daraufhin folgten mehrere Begegnungen mit Anne Beaumanoir, auch Annette genannt.

Weber nimmt die entsubjektivierte Position der Protagonistin ein, die ihr Leben dem Kampf für Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit gewidmet hat. Sie erzählt deren Biografie, die geprägt ist von Widerstand, Gewalt, Tod, Verrat, Gefängnis, Flucht und Exil. Nur wenige Unterbrechungen gönnt sich Annette. So studiert sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Medizin, wird Professorin für Neurophysiologie und dreifache Mutter.

ALGERIEN Nach ihrer Zeit bei der französischen Résistance wird sie in den 50er-Jahren aktives Mitglied der Nationalen Befreiungsfront FLN mit dem Ziel des Sozialismus und der Unabhängigkeit Algeriens. Warum? »Annettes reger Geist und ihre rege Zunge brauchen das Tätigsein; nur durch Bewegung und durch Tat leuchten ihr auch die Theorien ein«, schreibt die Autorin.

Für den französischen Staat wird Annette als FLN-Mitglied zur Terroristin und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sie flieht nach Tunesien, wo sie als Ärztin kranken Menschen hilft. Als Frankreich die ehemalige Kolonie in die Selbstständigkeit entlässt, baut Annette in Algerien das Gesundheitswesen auf. Nach dem Militärputsch im Jahr 1965 flieht sie nach Genf, wo sie ihre Amnestie in Frankreich abwartet.

Wie kommt es, dass Revolutionäre später selbst foltern und töten?

Unter der achtjährigen Alleinherrschaft der FLN nach der Unabhängigkeit sollen mehr als 19.000 Zivilisten umgebracht worden sein, über 16.000 von ihnen waren Algerier – Rivalen der FLN oder Andersdenkende. Das Heldinnenepos schwankt zwischen Erzählung, Fakten und vielen Fragen, wie die, warum Revolutionäre später selbst foltern und töten? Menschen in Not helfen, sich der Humanität verschreiben und Jahrzehnte später größte Ungerechtigkeiten begehen – wie passt das zusammen?

Es sind quälende Fragen, die dieses subtile, originelle und ungewöhnliche Buch stellt. Aber die Lektüre lohnt sich: wegen der besonderen Geschichten, die Annette, ein Heldinnenepos erzählt. Und wegen der literarischen Experimentierfreudigkeit und der subtilen erzählerischen Vermittlung.

Anne Weber: »Annette, ein Heldinnenepos«. Matthes und Seitz, Berlin 2020.
208 S., 22 €

London

Schwinden die Chancen auf einen jüdischen James Bond?

Seit Jahren wird darüber spekuliert, wer der neue 007 wird. Wenn es nach Produzentin Amy Pascal geht, fällt die Entscheidung bald. Stehen die Chancen für Aaron Taylor-Johnson weiterhin gut?

 06.08.2026

Kulturkolumne

Es gibt keine blöden Fragen

Die schmerzhafte Erinnerung an eine Gerechte

von Laura Cazés  06.08.2026

Theater

Abschied vom Ich

Jossi Wieler bringt Peter Handkes Stück »Schnee von gestern, Schnee von morgen« bei den Salzburger Festspielen zur Uraufführung

von Nicole Golombek  06.08.2026

Zahl der Woche

4 Etagen

Fun Facts und Wissenswertes

 05.08.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 6. August bis zum 13. August

 05.08.2026

Meinung

Danke, Boy George!

Wie die 80er-Jahre-Ikone gegen alle Widerstände für Israel eintritt, verdient unseren Dank

von Sophie Albers Ben Chamo  05.08.2026

Potsdam

Forschung zu NS-Geschichte von Naturwissenschaften

International bekannte Forschungsinstitute haben ihren Sitz auf dem Potsdamer Telegrafenberg. Ihre Vorgeschichte insbesondere in der NS-Zeit wird nun Thema eines Wissenschaftsprojekts

 04.08.2026

Film-Klassiker

So wurde »Stand by Me« der beste Jugendfilm der Geschichte

Vier Jungs suchen Ende der 50er in der US-Provinz eine im Wald liegende Leiche. Der Kult-Film ist zum 40. Jubiläum nun etwa auch beim ZDF im Stream. Mit welchen Tricks Regisseur Rob Reiner arbeitete

von Gregor Tholl  04.08.2026

London

Bandcamp wirft Pro-Israel-Song von Boy George von der Plattform

Der Sänger bleibt standhaft und überwindet erneut eine Hürde. »We Will Dance Again« kann wieder heruntergeladen werden

von Imanuel Marcus  04.08.2026