Wissenschaft

Studie: Gedanken an andere Partner sind kein Treuebruch

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Fantasien über eine frühere Beziehung oder das Interesse an einer anderen Person sind nach Einschätzung einer israelischen Forscherin weder ungewöhnlich noch ein Zeichen mangelnder Loyalität. Eine neue Studie der Universität Tel Aviv stellt gängige Vorstellungen von Monogamie und Treue grundsätzlich infrage und beschreibt intime Beziehungen als bewegliches Kontinuum statt als starres Entweder-oder. »Ynet« berichtete zuerst.

»Monogamie und Nicht-Monogamie sind – ähnlich wie Homo- und Heterosexualität – keine Gegensätze oder zwei klar getrennte Zustände, sondern ein Kontinuum, auf dem sich Menschen im Laufe ihres Lebens bewegen«, sagt die Sozialarbeiterin Shlomtsion Kaufman-Rosenberg, die sich auf Paar- und Beziehungsdynamiken spezialisiert hat.

Die öffentliche Debatte über Partnerschaften sei häufig von einfachen Gegensätzen geprägt, erklärt die Forscherin. »Intimität wird meist binär gedacht: entweder Monogamie oder Verrat, Loyalität oder Trennung, Stabilität oder Abenteuerlust. Doch meine in Israel durchgeführte Forschung zeichnet ein deutlich komplexeres Bild.«

Wunsch und gelebte Beziehung

Kaufman-Rosenberg untersuchte in einer Vorstudie unter Leitung von Professor Karni Ginzburg an der Fakultät für Sozialarbeit der Universität Tel Aviv zwei zentrale Fragen: Gibt es tatsächlich ein Kontinuum zwischen monogamen und nicht-monogamen Beziehungsformen – und wie häufig leben Menschen in einer anderen Beziehungsform, als sie sich eigentlich wünschen?

An der Online-Befragung nahmen mehr als 880 Personen teil, rekrutiert über soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und Telegram sowie über Gruppen, die sich mit nicht-monogamen Lebensformen beschäftigen. In die Auswertung flossen schließlich die Angaben von 362 Frauen und Männern ein, die sich in festen Beziehungen befanden. Ausgeschlossen wurden Singles, heimlich Fremdgehende sowie Personen, die nicht offen nicht-monogam lebten.

Untersucht wurden drei Dimensionen: das persönliche Begehren, die eigene Beziehungsidentität und die tatsächlich gelebte Praxis. Das Ergebnis: »Ich habe keine klare Trennlinie zwischen monogamen und nicht-monogamen Menschen gefunden, sondern eine breite Verteilung von Positionen, Wünschen und Identitäten entlang eines Kontinuums.«

Formen des Begehrens

Besonders auffällig ist die Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität. »In einer idealen Welt würden sich 16 Prozent der Menschen in monogamen Beziehungen eine nicht-monogame Partnerschaft wünschen, und 41 Prozent äußerten den Wunsch nach sexueller Nicht-Monogamie«, erklärt Kaufman-Rosenberg.

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Dabei unterscheidet die Studie mehrere Formen des Begehrens. Nur sechs Prozent der monogam lebenden Befragten konnten sich konkrete nicht-monogame Szenarien innerhalb ihrer bestehenden Beziehung vorstellen. Der Wunsch nach romantischer Nicht-Monogamie – also parallelen Liebesbeziehungen – lag hingegen unter einem Prozent.

»Diese Zahlen zeigen, dass Menschen monogam leben können und dennoch Neugier oder Wünsche in Richtung Nicht-Monogamie verspüren, ohne dass sie sich selbst als nicht-monogam definieren«, sagt die Forscherin laut »Ynet«. Entscheidend sei, dass Wunsch nicht mit Verhalten gleichzusetzen sei.

Unterschiede zwischen Männern und Frauen

Die Studie zeigt auch klare geschlechtsspezifische Unterschiede. Männer gaben im Durchschnitt stärkere Wünsche nach Nicht-Monogamie an, insbesondere im sexuellen Bereich, und setzten diese häufiger in die Praxis um. Frauen berichteten zwar ebenfalls von Neugier und Offenheit, lebten diese jedoch deutlich seltener aus.

»Bei Frauen ist der Wunsch vorhanden, doch seine Umsetzung erfolgt seltener«, sagt Kaufman-Rosenberg. Gründe seien vermutlich ein geringeres Gefühl innerer Legitimation, stärkere gesellschaftliche Normen und schärfere soziale Sanktionen.

Die Forscherin sieht weitreichende gesellschaftliche Folgen. In einer Kultur, in der Monogamie durch Filme, romantische Erzählungen und religiöse Traditionen idealisiert werde, gelte jede Abweichung schnell als moralischer Fehltritt.

Sehnsucht nach Leben

»Für viele ist das Aufkommen neuer Wünsche kein Ausdruck von Abenteuerlust, sondern ein innerer Konflikt zwischen Treue zur Erinnerung und Sehnsucht nach Leben«, so Kaufman-Rosenberg. Häufig herrsche das Gefühl: »Ich darf wünschen, aber nicht handeln.«

Ein Perspektivwechsel könne hier entlastend wirken. »Wenn wir Liebe als Kontinuum statt als Gegensatz von ›Loyalität versus Verrat‹ begreifen, wird verständlich, wie man eine Liebe im Herzen tragen und sich zugleich einer neuen öffnen kann, ohne dass die eine die andere auslöscht.«

Ihr Fazit: »Es ist möglich, mehr und mehr zu lieben. Diese Sichtweise normalisiert, entlastet – und schafft Raum für Ehrlichkeit statt Schuld.« im

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