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»Spiritually Israeli«: Antisemitismus als Meme

Foto: picture alliance / NurPhoto

Seit dem 7. Oktober 2023 hat der Antisemitismus im Internet und in den sozialen Medien eine in diesem Ausmaß bislang unbekannte popkulturelle Stilisierung erfahren. Auf Algorithmen-kompatible Hashtag-Kampagnen, Boykottaufrufe gegen Prominente, die im Ruf stehen, »Zios« zu sein, und Werbung für mit Melonenaufdruck verzierte Kleidungsstücke folgt neuerdings der Trend, bestimmte Phänomene als »spiritually Israeli« zu bezeichnen.

Dieses Begriffspaar ist eindeutig negativ konnotiert und wird insbesondere auf den Plattformen TikTok und X auf Kunst oder Alltagserscheinungen angewandt, die als künstlich, substanzlos, unoriginell und ordinär gelten. Mit dem Judentum oder Israel stehen die als »geistig israelisch« gebrandmarkten Objekte dabei in keinem direkten Zusammenhang. Mitunter macht es her den Eindruck, als müsste der Begriff als Platzhalter für alles Geschmacklose herhalten.

Willkürlichkeit der Zuordnungen

Klickt man sich durch die Videos der fast immer erstaunlich jungen Menschen, die sich am »spiritually Israeli«-Trend beteiligen, dann fällt die Willkürlichkeit der Zuordnungen auf: Als »spiritually Israeli« oder manchmal auch »Israel-coded« kann demzufolge das aktuelle Taylor-Swift-Album genauso gelten wie LinkedIn-Influencer, gentrifizierte Stadtteile, generische EDM-Musik, die beliebten »Labubu«-Plüschtiere oder oberflächliche, anmaßende und abgehobene Verhaltensweisen in der Öffentlichkeit.

Alles, was eine Art spätkapitalistische, wohlhabend-materialistische und konsu­mistische Atmosphäre versprüht, kann potenziell in Zusammenhang mit einer angeblich israelischen Geisteshaltung gebracht werden. Mitunter wird das in den Kommentaren unter den beliebten Videos mit Aufzählungen all jener Phänomene, die im Verdacht stehen, »spritually Israeli« zu sein, auch so auf den Punkt gebracht: Es sei eine Einstellung, die sich durch Kulturlosigkeit und die gleichzeitige Sehnsucht danach, Kultur zu haben beziehungsweise zu vereinnahmen, auszeichnet.

Das erinnert nicht von ungefähr an das uralte antisemitische Klischee vom zersetzenden jüdischen Geist, der alles Wahre, Authentische und Originäre vernichtet. Der Jude ist in dieser Weltanschauung ein identitätsloses und kulturloses Gegenprinzip, dessen einziger Daseinszweck darin besteht, die urwüchsige Identität der anderen auszulöschen und die gesamte Welt zu beherrschen.

Als »spiritually Israeli« kann das aktuelle Taylor-Swift-Album genauso gelten wie LinkedIn-Influencer, gentrifizierte Stadtteile, generische EDM-Musik oder die beliebten »Labubu«-Plüschtiere.

Nicht von ungefähr klingt das Begriffspaar wie die ins Englische übersetzte Parole »Wider den undeutschen Geist«, die zu den Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten im Mai 1933 aufrief. Was lange Zeit ein durchgängiger Topos klassischen Judenhasses war und auch Eingang in die Propaganda der Nationalsozialisten fand, insbesondere in der Hetze gegen die sogenannte »Entartete Kunst«, wurde später auch von der sowjetischen Hetze gegen den »wurzellosen Kosmopolitismus« jüdischer Intellektueller aufgegriffen.

Die antisemitische Schlagseite ist nicht immer intendiert

Sicherlich ist die antisemitische Schlagseite nicht immer intendiert, wenn das »spiritually Israeli«-Meme verwendet wird; es besitzt jedoch – ob gewollt oder nicht – objektiv einen historisch vermittelten antisemitischen Gehalt.

Der moderne Antisemitismus kanalisier­te schon immer ein Unbehagen an der Moderne, als dessen Stellvertreter die als übermächtig, gerissen und reich dargestellten Juden herhalten mussten. Für das Unbehagen an der digital vermittelten Postmoderne steht nun Israel und dessen vermeintlich seelenloser Geist als das personifizierte Böse.

Der Hass beruht dabei auch auf einer verleugneten Ähnlichkeit und dient der Abgrenzung: Denn »spiritually Israeli« ist im Grunde das, was populär, zeitgeistig, marktkompatibel und eben deswegen künstlich und ohne Tiefe ist. Die jungen Erwachsenen, die als unbezahlte Laien-Influencer täglich Dutzende Kurz-Videos über ihren durchgestylten Alltag machen und auf den anti-israelischen Trend aufspringen, sind jedoch gerade das Ebenbild jener spätkapitalistischen Geistlosigkeit, die sie beklagen.

Um zu unterdrücken, dass man an etwas partizipiert, was man hasst, muss ein inhaltlich willkürliches, aber klar zuzuordnendes Feindbild her: der Israeli und dessen Mentalität, die angeblich wie Gift in den Alltag eindringt und das Echte und Unverfälschte verdrängt, als dessen Teil man sich natürlich versteht.

Nicht von ungefähr klingt das Begriffspaar wie die ins Englische übersetzte NS-Parole »Wider den undeutschen Geist«.

Demgegenüber steht eine verklärte Kitsch-Ästhetik, die sich auf die Werte des Mythisch-Identitären beruft. Der israelische Historiker Saul Friedländer erkannte bereits in Bezug auf die ästhetischen Vorlieben der Nazis in seinem Buch Kitsch und Tod, dass das immer wiederkehrende Motiv der Reinheit und Idylle, das in einem »erschütternden Gegensatz zur Grausamkeit und Ungerechtigkeit des todbringenden Schicksals« steht, ohne diese kontrastreiche Entgegensetzung jede Wirkkraft verlieren würde.

Angewandt auf den »spritually Israeli«-Trend ließe sich sagen, dass die Klassifizierung der als israelisch diffamierten Dekadenz dessen glorifizierten Gegensatz umso markanter hervortreten lässt: die imaginierte Harmonie der palästinensischen Gemeinschaft, die sich gegen den siedlerkolonialistischen, künstlichen und unterdrückerischen jüdischen Feind zur Wehr setzt. Die Bezeichnung »spiritually Israeli« ist also eine weitere Station zur Veralltäglichung des Judenhasses und gleichzeitig einer der unzähligen Beweise, dass Antisemitismus mehr als zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 in der Pop- und Jugendkultur angekommen und fest verankert ist.

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