Kino

So beklemmend wie genial

Nach dem Roman von Oliver Guez begleitet der Film den Verbrecher Josef Mengele auf seinen Verstecksuchen. Foto: ©Lupa Film, CG Cinema, Hype Studios

Nach knapp zweieinhalb Stunden mit diesem Teufel auf der Leinwand müsste das Kino eigentlich schweflig stinken. So extrem zieht der Film »Das Verschwinden des Josef Mengele« des Regie-Großmeisters Kirill Serebrennikow die Zuschauer hinab in die Hölle. Denn Mengele ist das Böse schlechthin. 

Der SS-Arzt hat in Auschwitz Zehntausende selektiert für die Gaskammern, er hat gefoltert, ohne Narkose operiert, Kinder gequält - und er war glücklich dabei. Geehrt, geachtet von den zwanzig ähnlich sadistischen Lagerärzten um ihn herum und von den Forschungsinstituten in Berlin, zu Tode gefürchtet von den Gefangenen. 

Seine Verbrechen wurden nie bestraft. Noch 1956 konnte Mengele unbehelligt in die Bundesrepublik einreisen zur Familie nach Günzburg, es gab keinen Haftbefehl. Vor dem Eichmann-Prozess tauchte er in Südamerika unter, ein weltliches Gericht hat ihn nie verurteilt. Unbestraft ist er beim Baden im Meer 1979 gestorben. 

Noch 1956 konnte Mengele unbehelligt in die Bundesrepublik einreisen zur Familie nach Günzburg, es gab keinen Haftbefehl.

Ungestraft? Das bezweifelt der Seelensezierer Serebrennikow. Der russische Regisseur, der nach Jahren im Moskauer Hausarrest jetzt in Deutschland lebt, hat den Abstieg des Josef Mengele in die irdische Hölle des Geächteten und Gejagten mit Geschichten bebildert, die sich festsetzen. 

Nach dem Roman von Oliver Guez begleitet er den Verbrecher auf seinen Verstecksuchen quer über den Kontinent, immer stärker ist Mengele dabei der äußeren Armut und den inneren Rachefurien ausgesetzt. Richtig böse, wütend und wahrhaftig spielt August Diehl den jungen und den alten Mengele.

Er lebt in abgewrackten Zimmern mit schimmeligen Wänden und in hässlichen Bruchbuden mit wilden Hunden. Welch ein Absturz! Mengele stammte aus sogenannten besten Verhältnissen, seine Fabrikantenfamilie im idyllischen Oberschwaben hatte sich finanziell erfolgreich mit dem NS-Regime arrangiert.

Burkhart Klaußner spielt den Vater Mengele mit einer eisigen Wucht

Burkhart Klaußner spielt den Vater Mengele mit einer eisigen Wucht. Beim Besuch des Sohnes 1956 gibt es keine Umarmung, der alte Herr reicht Josef nur soldatisch die Hand. Die Bediensteten der Familie tragen servil auf, räumen ab. Reiner Tisch wird gemacht, der Bruder beschwichtigt. Josef solle wieder in Günzburg leben, in Deutschland interessiere sich niemand für Einzelheiten aus Konzentrationslagern. Es herrsche das Vergessen, die alten Seilschaften würden halten. 

Josef Mengele jedoch weiß um seine Taten. Er kehrt nach Südamerika zurück, heiratet zum Lohengrin-Hochzeitsmarsch »Treulich geführt« eine Nazi-Gefährtin und erfreut sich der Hochzeitstorte mit Hakenkreuz.

Die Leinwand badet im Blut. Das ist unerträglich brutal. Unsere Autorin rät: Gehen Sie nicht allein in diesen Film.

Serebrennikow ist ein genialer Opernregisseur, obskure dissonante Klänge der Bedrohungen durchziehen den Film, allein Schellackplatten mit Wagner-Werken lockern Mengele in seiner Unrast auf. Trifft er deutsche Gesinnungsgenossen, hält er lange, wütende Reden: der Jude sauge wie Mücken an den Volkskörpern. Israel störe den Frieden der Welt. Dabei schlachtet er Schafe, demütigt Frauen sexuell, streichelt Hunde. 

Mengeles Erinnerungen an Auschwitz in grellbunten Farben

Konsequent hält Serebrennikow, der aus einer jüdischen Familie in Rostow am Don stammt, alle Bilder dieser Flucht in düsterem schwarz-weiß. Umso stärker bedrohen Mengeles Erinnerungen an Auschwitz in grellbunten Farben. Sie sind fast nicht auszuhalten, denn hier war Mengele in seinem Element.

Zu den melancholischen Melodien eines Orchesters aus Kleinwüchsigen selektiert er fröhlich, SS-Männer reißen Müttern Kinder aus den Armen, er entdeckt einen alten Vater mit buckligem Sohn, untersucht beide, erschießt sie und lässt die Körper ausweiden. Die Leinwand badet im Blut. Das ist unerträglich brutal. 

Einige von ihnen jedoch, seine Opfer, suchen Mengele, je älter er wird, desto häufiger heim. Mit seinem Sohn, der ihn besucht, verbindet den alten Mann nichts mehr. Er will über seine Untaten nicht reden, fragt abwehrend den Sohn: »Bist Du Kommunist?« Als er am Strand zusammenbricht, jagen ihn seine imaginierten Opfer in den Tod. 

»Das Verschwinden des Josef Mengele« ist so beklemmend wie genial. Mein Rat: Gehen Sie nicht allein in diesen Film. Er ist ein Meisterwerk, aber eines, das kaum zu ertragen ist.

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